Zugängliche Transzendenz

Neben einer ganzen Reihe von Gedanken kaue ich in regelmäßigen Abständen an Zizeks Aussagen zur zugänglichen Transzendenz, und damit seiner Ablehnung eines jenseitigen Gottes nach dem Tod Christi am Kreuz, herum. Folgende Zitatsammlung erläutert diesen Gedankengang meiner Ansicht nach sehr gut:

„Das Christentum entsagt diesem jenseitigen Gott, diesem Realen hinter dem Vorgang der Phänomene; es erkennt an, daß es hinter der Erscheinung nichts gibt – nichts als das nicht wahrnehmbare X, das Christus, diesen gewöhnlichen Menschen, in Gott verwandelt.

Das, was tatsächlich »jenseits des Bildes« liegt, ist das X, das aus dem Menschen Christus Gott macht. Genau in diesem Sinne kehrt das Christentum die jüdische Sublimierung in eine radikale Desublimierung um; nicht Desublimierung im Sinne der einfachen Reduktion Gottes auf den Menschen, sondern Desublimierung im Sinne des Abstiegs des erhabenen Jenseits auf das Alltagsniveau.

Es geht nicht darum, daß wir der »Transzendenz entsagen« und den beschränkten Menschen als Gegenstand unserer Liebe deswegen völlig akzeptieren sollten, weil »dies alles ist, was es gibt«: Die Transzendenz wird keineswegs abgeschafft, sondern im Gegenteil zugänglich gemacht – sie scheint durch dieses unbeholfene und jämmerliche Wesen, das ich liebe, hindurch.

Es geht also nicht darum, daß der Mensch aufgrund der Beschränktheit seiner sterblichen sündigen Natur, nie ganz göttlich, sondern darum, daß der Mensch, wegen des göttlichen Funkens in sich nie ganz Mensch werden kann. Christus als Mensch=Gott ist der einzigartige Fall völliger Menschlichkeit…

Aus diesem Grund gibt es nach seinem Tod auch keinen Raum für irgendeinen jenseitigen Gott. Das einzige, was bleibt, ist der Heilige Geist, die Gemeinschaft der Gläubigen, auf die die unergründliche Aura Christi übergeht, sobald sie ihrer Inkarnation beraubt ist.“

[Slavoj Zizek, Die gnadenlose Liebe, Seiten 124-126.]

Über eure Gedanken dazu freue ich mich z.B. in den Kommentaren…

6 Reaktionen

  1. Ui. Philosophie. Fällt mir schwer, etwas dazu zu sagen, weil die Gedanken in sich schon so komprimiert sind, dass ich noch am „verdauen“ bin. Ich kann aber nicken zu dem Gesagten. Macht Sinn (soweit ich es verstehe). Es dreht mein Gottesbild noch ein bisschen weiter um – im Vergleich zu dem, das ich vor 10 Jahren hatte. Jo.

  2. Und was bedeutet diese mächtige Wortfülle für meinen Alltag als Mensch dieser Erde? Entschuldigung, ich momentan in einer Theologie-Alltag-Relevanzkrise.

  3. Daniel, du musst immer bedenken: DAS ist Hegel, das exakt ist Hegels Religionsphilosophie. Das was Hegel den spekulaitven Karfreitag nennt, nämlich der Gedanke, dass der metaphysische Gott tot sein könnte. Ich denke, da ist viel richtiges daran, wenn man den jenseitigen Gott als den Diktator auf dem Thron sieht. Falsch ist jedoch, dass da kein Gott ist außer dem „Geist“. Dies exakt war die philosophischen Pflastersteine die den Weg zum Kulturprotestantismus im ausgehenden 19. Jahrhundert gepflastert haben. Dieser Weg -radikal gegangen- führt laut Michael Welker (der über Hegel promovierte) zwnagsläufig in die Selbstsäkularisierung und Selbstbanalisierung.

  4. danke sehr für eure kommentare.

    @jens: ich denke die relevanz, des gesagten für den alltag liegt in der betonung der liebenden gemeinschaft und somit der zugänglichen transzendenz. dies hilft uns den blick auf unser leben zu richten und gott nicht im irgendwo zu suchen.

    dennoch stimme @Arnachie in seinen ausführungen zu, und werde in diese richtung auch bald (sobald es meine zeit zulässt) einen kleinen eintrag schreiben ;)

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