Herausforderungen: emerging Church

Auf die Antwort des letzten Eintrags folgte eine Frage nach den Schwächen, die ich momentan in der Bewegung sehe. Hier meine Antwort. Was denkt ihr?

Frage: Wie sieht es denn mit den Schwächen der emerging church aus?

Antwort: Ich finde es immer etwas schwierig über „Schwächen“ zu reden. meiner Ansicht nach sind wir schon ausreichend „Problemorientiert“ geprägt. Das sage ich nicht, um zu sagen es gäbe keine Schwächen oder Herausforderungen, wie ich diese Bereiche lieber nenne. Nun werde ich kurz ein paar solcher Herausforderungen skizzieren, und würde mich dann gerne wieder den Möglichkeiten und dem Potential zuwenden:

– wie bereits erwähnt sehe ich eine Herausforderung in der Tatsache, dass die emerging Church Bewegung von Manchen im Sinne eines Modells wahrgenommen wird. Das hat sicher damit zu tun, dass wir mit „neuen Formen“ experimentieren und manches anders aussieht – bzw. manche Bücher in diese Richtung verstanden werden können. Mir sind in der Bewegung der Dialog und das Experimentieren in Verbindung von Praxis und Theorie wichtig und ich verstehe sie keinesfalls als Modell.

– eine andere Herausforderung sehe ich in der kognitiven Auseinandersetzung mit bestimmten Fragestellungen. Eigentlich handelt es sich dabei um eine doppelte Herausforderung. Auf der einen Seite erfordert eine kognitive Auseinandersetzung, die mit dem Anspruch betrieben wird intellektuell Redlich zu sein, eine gewisse denkerische Fähigkeit und einiges an Vorwissen bzw. den Willen sich der eigenen blinden Flecken zu stellen und weitere Informationen und Perspektiven heranzuziehen. Dies verdeutlicht die tatsächlich vorliegende Komplexität der Wirklichkeit bzw. der Fragestellung. Auf der einen Seite schließt dieses Vorgehen manche Menschen aus, die es als intellektuelle Spielerei wahrnehmen oder von den verwendeten Begriffen ausgegrenzt fühlen, auf der anderen Seite führt das zu einer gewissen Sprachlosigkeit, da manch gewohnte Formulierung oder Glaubenspraxis der Komplexität nicht ausreichend Rechnung trägt. Es wird daher weiter die Herausforderung sein, diese Auseinandersetzung integrativ zu betreiben, dabei den Anspruch nicht zu vernachlässigen, und gleichzeitig weiter darum ringen eine angemessene Sprache (wobei ich diesen Begriff hier sehr weit fasse) zu finden.

– die dritte Herausforderung auf die ich eingehen möchte sehe ich in einem Punkt, der eben schon anklang – eine gewisse Sprachlosigkeit. Durch eine dekonstruktivistische Praxis geben manche Beteiligten grundlegende Standpunkte auf, da sie feststellen dass bei all dem was gerade in den Standpunkten nicht formuliert wird eine große Lücke klafft. Dies führt zu einer Sprachlosigkeit die bisweilen sogar zu einer gewissen „Glaubenslosigkeit“ gehen kann. Ich halte dies zunächst gar nicht für ein großes Problem und denke auch, dass gerade in einem solchen Leerraum ein großes Potential steckt. Allerdings stelle ich fest, dass es über diese Situation viel Kommunikationsbedarf braucht um nicht in alte Muster zurück zu fallen oder in diesem Leerraum das Suchen, Fragen, Experimentieren aufzugeben.

– eine Sache, die ich bereits leicht gestreift habe ist auch die Verengung der emerging Church Bewegung auf Kirche bzw. Gemeinde. Darin sehe ich eine starke Herausforderung. Meiner Ansicht nach geht es um das ganze Leben, mit all den unterschiedlichen Bereichen. Dieses ganze Leben möchte ich im Einklang mit Gott, Menschen und Natur leben. Und so sehe ich hier auch keine Trennung, sondern gerade die Chance diese unterschiedliche Bereiche miteinander in einen Dialog zu führen und die Synergien zu beobachten und zu fördern. Darüber hinaus handelt es sich sicher um eine Bewegung von Christen, soll jedoch meiner Ansicht nach nicht mit starren Grenzen versehen werden und sich immer des Dialogs bewusst sein, den ich auch in der anderen Antwort versucht habe zu verdeutlichen.

– eine letzte Herausforderung, auf die ich eingehen möchte, sehe ich in der Verengung der emergenten Bewegung auf das evangelikale Spektrum. Einige der einflussreichen Stimmen der emergenten Bewegung entstammen dem evangelikalen Spektrum und wirken teilweise noch in ihm (dies ist auch weltweit zu beobachten), dennoch halte ich die Bewegung für eine ökumenische Bewegung und freue mich gerade daran, dass dies auch in der Öffentlichkeit stärker so wahrgenommen wird.

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Soweit meine Gedanken dazu. Wie seht ihr das? Wo seht ihr Herausfoderungen, aber auch Chancen darin?

6 Reaktionen

  1. Ich sehe eigentlich alle genannten Punkte auch.

    Modifizieren würde ich den sehr gut beobachteten 3. Punkt: Sprachlosigkeit angesichts der zwischen den Fingern zerrinnenden alten Gewissheiten. Ich bin wie du ganz dagegen, hier einfach aus Müdigkeit alte Vorstellungen wieder einschnappen zu lassen. Ich wünsche mir aber auch etwas mehr Aufbruchsstimmung und Erwartung, dass irgendwo tatsächlich neue „Tiefe“ und „Bedeutung“ des Glaubens zu finden ist.

    Und ich würde auch schon solch ein „irgendwo“ vorschlagen: Die Bibel. Löst bei evangelikaler Prägung spontan Brechreiz aus, ist aber glaube ich tatsächlich der Ort, an dem nach dem Verlassen des alten Schneckenhauses tatsächlich eine neue Heimat zu finden wäre (denn völlige Heimatlosigkeit halte ich prinzipiell nicht für einen erstrebenswerten Zustand).
    Dafür brauchen wir allerdings frische Zugänge zu den Texten, neue Perspektiven, befreite Sicht auf die Vielfalt, Spannung und Verheißung die in der Schrift liegen kann, wenn man ihr ohne die alten Korsette begegnet…

  2. Danke für deinen Kommentar Alex. Vielen Dank auch für die Anregung.

    Ich finde auch, dass die Bibel eine gute Quelle ist um eine neue Sprache zu entwickeln – wir praktizieren das in der Hausgemeinschaft bspw. im gemeinsamen Betreiben von Theologie – sprich Texte lesen und uns über den Dialog ihrer Bedeutung zu nähern…

    In eine ähnliche Richtung geht für mich die Orientierung an der Tradition, und da meine ich nicht unbedingt die der letzten 50 Jahre, sondern in meinem Fall unterschiedliche Anregungen aus unseren jüdisch-christlichen Wurzeln zu heben und sie in unserer Zeit neu zu erlernen…

  3. […] 15, 2009 von Alex Daniel Ehniß hat auf seinem Blog die interessante Frage nach Schwächen der „emerging church“ […]

  4. Das sind gute Gedanken!

    Mir kam eben noch die Frage, wer jetzt diese Überlegungen liest – und kam zu dem genialen Schluss, dass es vor allem emergent geprägte Christen sein dürften, noch nicht mal Christen allgemein (die ja oft die diskutierten Fragestellungen gar nicht richtig kennen)… Somit: Wie ist es mit der Außenwirkung von Emerging Church, dem „Sein in der Welt“ sozusagen? Macht sich da nicht erneut eine Verengung bemerkbar, eine „Schwäche“? Oder muss man halt unterscheiden zwischen einer Metaebene für den inner circle und dem Rest (wie es in der klassischen Theologie ja auch ist)? Verstehst du, was ich meine?

  5. Vielen Dank für deinen Kommentar Daniel. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher ob ich verstehe was du meinst – würde mich freuen wenn du das mit der Aussenwirkung noch etwas konkretisieren würdest… Danke!

  6. Kein Problem: Ich frage mich, inwieweit „Emerging“ wirklich so transparent ist nach außen, dass „ganz normale“ Leute, „Nichtchristen“ die laufenden Debatten mitverfolgen, geschweige denn verstehen können (weil das theologische Niveau doch ziemlich hoch ist!). Zugespitzt: Könnte es passieren, dass wir unglaublich viel reden über die Notwendigkeit, Säkularität und Profanität nicht mehr zu trennen etc., dabei aber ganz klassisch säkular agieren?

Mentions

  • Neue Heimat für emergente Seelen? « Read.Think.Pray.Live.

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