Wahrheit im Dialog

Als ich vor gut zwei Wochen die Frage »Wozu Weltethos?« las, dachte ich, es gibt nur eine Person, von der ich mir Antworten darauf wünsche, Hans Küng. Diese Frage in einer Tübinger Buchhandlung zu lesen, war mein Vorteil, denn dadurch konnte ich die Antworten (in Buchform) direkt mit nach Hause nehmen. Nun lese ich ab und an in dem Buch, und finde dieses in bestem Sinne anregend. Wie der Titel des Eintrages schon verrät, greife ich nun einige Aspekte aus einer Antwort Küngs auf, in der er über Wahrheit und Dialog spricht.

Seiner Ansicht nach kann keine Religion oder Weltanschauung behaupten, alleine die Wahrheit zu haben. Es ist jedoch genauso unmöglich, der Wahrheitsfrage keine Bedeutung mehr einzuräumen, und davon auszugehen, »dass die Wahrheit irgendwie verteilt ist, dass es also völlig indifferent ist, wie ich mich dazu verhalte« (24). Nach diesen grundlegenden Aussagen stellt er seinen Ansatz vor, der von drei Dimensionen ausgeht:

1. Die persönliche Perspektive
Die erste Dimension ist geprägt von der persönlichen Perspektive jedes Dialogteilnehmers. Jeder hat für sich eine „Wahrheit“ gefunden, eine Antwort auf die Sinnfrage. Für Küng findet sich diese Antwort im christlichen Glauben und in Jesus Christus, den er in Anlehnung an das Johannes-Evangelium (Joh 14) als den Weg, die Wahrheit und das Leben bezeichnet.

2. Die Perspektive jeder Religion
Die zweite Dimension besteht aus der Anerkennung der Perspektive der Religionen und Weltanschauungen. Jede Religion hält ihre „Wahrheit“, also ihre Antwort auf die Sinnfrage, für richtig und wichtig. Diese Antworten beziehen sich jedoch nie ausschließlich auf ein bestimmte Theorie, sondern haben Auswirkungen auf die Lebensgestaltung. »Es geht ja nicht nur um wahre Erkenntnis, sondern auch um richtiges Handeln. Es geht nicht nur um Doktrinen, sondern auch um Ethos.« (25)

Auf die Frage wie diese beiden ersten Dimensionen zusammengebracht werden können antwortet er folgendermaßen:

»Zunächst einmal ist Respekt die wichtigste Grundtugend. Ich muss respektieren, dass der andere anders ist. Dazu muss Verständnis kommen. Ich muss versuchen, den anderen besser zu verstehen. Wie auch der andere, wenn ich versuche, ihn besser zu verstehen, mich besser versteht. So werden wir mit der Zeit viele Gemeinsamkeiten feststellen.« (25)

Es ist, in den Augen Küngs, demnach möglich, von seiner eigenen Position überzeugt zu sein, und dennoch offen für die Weltanschauung und die Kritik des anderen zu sein.

3. Stückweise Erkenntnis
In der dritten Dimension steht die Annahme unvollkommener und stückweiser Erkenntnis im Zentrum:

»Wir können hier und heute nicht darüber befinden, wo letztlich die Wahrheit liegt. Wir befinden uns alle auf dem Weg. […] Wir gehen der Vollendung erst entgegen, und die Wahrheit, wie sie wirklich ist, wird erst am Ende offenbar werden. Uns eröffnet sich sozusagen nur ein kleiner Spalt.« (26)

Diese Annahme ernst zu nehmen, bewahrt sowohl vor der Annahme selbst schon alles begriffen zu haben, die Wahrheit also zu besitzen, als auch vor der Verachtung des Gegenübers, dessen Sichtweise aus den eigenen Augen „defizitär“ erscheint. Den Begriff „defizitär“ verwendet Küng als Seitenhieb auf das offizielle Lehrdokument »Dominus Jesus« der römisch-katholischen Kirche. »Defizitär sind wir alle – bis wir so erkennen, wie wir selbst von Gott erkannt sind…« (27).

Dialog als kontinuierlicher Prozess
Küng lebt den Dialog in diesen drei Dimensionen. Er versteht diese Art des Dialogs als kontinuierlichen Prozess, in dem sich Vertiefung ereignet, und sieht in ihm eine Möglichkeit große Fortschritte in der Verständigung zu erleben.

9 Reaktionen

  1. P.S. Der Vermittelte passt übrigens auf so viel mehr Bereiche (auch ausserhalb theologischer Auffassungen). Ist schon häufig so, dass ich denke, den Anderen in seinem „defizitären Denken“ korrigieren zu müssen. Dieses „Verstehen wollen“ ist sicher ein sehr guter Leitfaden, ein überaus wichties Element guter Kommunikation – obwohl es sicherlich auch wichtig ist, den eigenen Standpunkt klar auszudrücken. Beides geht für mich Hand in Hand.

  2. Danke für die Kommentare Martin.

    Wie du, denke ich auch, dass die Gedanken zum Dialog, die ich hier aufgreife, auf das ganze Leben Anwendung finden – es handelt sich dabei ja auch um eine Art Dialog-Ethos und damit um eine Haltung, die nicht auf einen Themenbereich begrenzt werden sollte.

  3. Hi Daniel,

    herzlichen Dank für die interessante Zusammenfassung von Küng. Das macht viel Lust zum Nachdenken und zum selber Lesen. Doch vermutlich wird das eine Weile dauern, bis ich dazu komme einen Blick in das Buch zu werden. Die ersten beiden Punkte sind für mich nachvollziehbar. Beim dritten Punkt noch eine Rückfrage: Verstehe ich das richtig, dass Küng aus der Einsicht, dass unser erkennen Stückwerk ist eine Relativierung der Wahrheit folgert? Das würde ich nämlich nur schwer verstehen. Nur weil unser Erkenntnisvermögen begrenzt und unvollkommen ist, heisst das aus meiner Sicht doch nicht, dass wir nicht erkennen können ob etwas wahr ist. Das Problem scheint mir eher bei dem zu liegen, was du in Punkt 2 angedeutet hast: Wir haben unsere grossen Probleme damit, die von uns erkannte Wahrheit mit Respekt und Liebe zu vertreten.

  4. Vielen Dank für eure Kommentare.

    Zu deiner Frage Daniel:

    Meiner Ansicht nach spricht Küng hier, übrigens auch in Anlehnung an Paulus, davon, dass es uns überhaupt nicht möglich ist die Wahrheit in ihrem ganzen Ausmass zu erkennen.

    Das liegt meiner Ansicht nach daran, dass wir Wahrheit immer nur stückweise erkennen können – wir erahnen sie wie durch einen Spalt. Das was wir erkannt haben, halten wir zwar für wahr und auch für Aspekte der Wahrheit. Wir können jedoch nie davon sprechen DIE Wahrheit erkannt zu haben, sie also in ihrer Fülle verstanden zu haben. Aus diesem Grund werden wir immer auf tiefere Erkenntnis hoffen und in dem Bewusstsein leben, dass auch unsere Mitmenschen Aspekte der Wahrheit erkannt haben, auch wenn deren Teile nicht zu unserer Interpretation des Erkannten passen.

    Küng spricht in diesem Zusammenhang ja auch davon, dass die ganze Wahrheit zu einem bestimmten Zeitpunkt – den er als die Ankunft des Vollkommenen versteht – offenbar werden wird. Dies folgert er aus den von ihm erkannten Wahrheitsaspekte, ein Angehöriger einer anderen Religion oder eine Athestin würden diese „Offenbarung der Wahrheit“ sicher mit anderen Ereignissen verbinden. Momentan ist es uns Menschen jedoch nicht möglich mit voller Überzeug davon zu sprechen DIE Wahrheit erkannt zu haben, bzw. einer anderen Person absprechen sie liege total daneben.

  5. Hallo Daniel, herzlichen Dank noch für deine weitere Erklärungen. Tut mir Leid, dass ich erst jetzt antworte.
    Für mich klingt das, was Küng schreibt bzw was du schreibst sehr interessant und ich werde mir bei nächster Gelegenheit mal das Buch von Küng greifen und anschauen.
    Für mich sind manche Fragen nach deiner Antwort nicht erledigt, sondern eher deutlicher geworden. Ich würde zwar zustimmen, dass es uns nicht möglich ist die Wahrheit in ihrer Gesamtheit zu erkennen – andererseits würde ich daran festhalten, dass wir in der Lage sind Teile der Wirklichkeit zu erkennen und wahre Aussagen darüber zu machen. Im Bild gesprochen: Halten wir als Christen Puzzleteile der Wahrheit in der Hand – aber haben nicht die Möglichkeit das Puzzle fertig zu machen, weil uns Teile fehlen? Oder sind wir nicht sicher ob wir überhaupt in der Lage sind Puzzleteile der Wahrheit in der Hand zu halten?

    Zwischen dem Anspruch die Wahrheit voll zu erkennen und jemand anders vorzuwerfen er liege total daneben gibt es ja noch feinere Abstufungen. Sicher können wir nicht zu Gericht sitzen und entscheiden wer letztlich Recht hat und wer in den Himmel kommt – aber das scheint mir auch nicht unsere Aufgabe zu sein.

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