Optionen der Dekonstruktion

Wohin führt uns die Dekonstruktion? Sie zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Führt sie uns damit nicht in eine ausweglose Lage, an der wir nur noch unser Christsein an den Nagel hängen können? Wenn wir all die Glaubensfragen aufgeben, landen wir dann nicht dort wo „die Liberalen“ der 70er Jahre standen? Solche oder ähnliche Fragen und Gedanken begegnen mir häufiger. An manchen Tagen werden sie von aussen an mich herangetragen, an anderen drehen sie sich in meinen Gedanken. In den letzten Tagen habe ich viel darüber nachgedacht. Dieses Nachdenken wurde beflügelt durch das Hören von David Bazans Musik, den Gedanken von Arne zu nichts-sagend-glauben, einem Interview mit Peter Rollins und Texten aus dem Buch des Propheten Amos.

Ich versuche hier mal meine Gedanken anhand von zwei Optionen der Dekonstruktion des Christentums darzustellen. Dabei bin ich mir sehr bewusst, dass es sich dabei lediglich um eine Karikatur handeln kann, eine Karikatur jedoch, von der ich annehme, dass sie etwas wichtiges verdeutlicht.

Absage und Lethargie

Es kursiert die Angst, dass eine Dekonstruktion des Christentums im Extremfall zur Aufgabe all dessen führen könnte was das Leben als Christ bis dorthin ausgemacht hatte. Ein Beispiel dieser Möglichkeit sehe ich in den Geschichten, die David Bazan in seinen Liedern erzählt. Er verarbeitet in seinen Liedern einiges aus seiner eigenen Geschichte. Aufgewachsen in einem konservativ-christlichen Umfeld, das stark von metaphysischen Annahmen – der übergeordneten Bedeutung des Jenseits beispielsweise – und Verboten geprägt war. Wenn diese Prägung dekonstruiert wird, führt das zu einem Hadern mit Gott, dem jenseitigen unbeweglichen Beweger. Angesichts der Ohnmacht all den moralischen Verboten gerecht zu werden, und der Unmöglichkeit ein „sündloses“ Leben zu führen, steht er seinen Abgründen gegenüber – Alkohol- und Drogenexzesse gepaart mit sexueller Zügellosigkeit.

Im Extremfall würde eine solche Position zu einer nihilistischen Weltsicht führen – wobei ich nicht sagen möchte, dass dies bei Bazan der Fall ist. Eine Weltsicht, die Gott wegen all des Unheils anklagt, die Sinnlosigkeit eines bewussten Lebensstils betont, und sich an diesem Punkt resigniert von allem bisherigen abwendet. In gewisser Weise käme das dann einer Kapitulation gleich, ein sich einordnen in die Kräfte der bisher verteufelten bösen Welt. Ein Glaube, der vor allem geprägt war durch die Annahme von Glaubenswahrheiten, würde an einem solchen Punkt zerfallen, er würde aufhören zu existieren. Die Notwendigkeit sich an die moralischen Verbote zu halten würde mit ihm aufgegeben werden, und könnte den Weg zu einem Zügellosen Leben bereiten. Diese Annahmen betrachte ich bewusst als Karikatur, auch wenn ähnliche Geschichten tatsächlich zu passieren scheinen, und trotz der Angst in manchen Kreisen, genau das wäre es, wohin uns die dekonstruktivistischen Ansätze der emergenten Bewegung führen werden.

Handeln und Erwartung

Auf der anderen Seite kann durch die Dekonstruktion des Christentums die Möglichkeit angenommen werden, die das Handeln betont und in diesem ein so genanntes Gottesereignis erwartet.

Die Dekonstruktion des Chistentums, und damit sind ja vor allem die Paradigmen, also die Glaubenssätze und die Weltsicht gemeint, macht uns in vielen Zusammenhängen sprachlos. Wir betrachten Äusserungen über Gott als Interpretationen, dadurch verlieren sie die Aura absoluter Wahrheit und werden relativiert – in Relation gestellt. Dennoch halten wir an Gott fest. Nicht im Sinne einer allmächtigen Person im Jenseits, sondern im Sinne eines sinngebend Handelnden, der nicht zu fassen ist. Die Aspekte, die wir von ihm verstanden zu haben glauben, könnten sich als falsch erweisen, dessen sind wir uns bewusst. Dieses Bewusstsein führt uns nicht zur Lethargie, sondern ermöglicht uns vorläufige Interpretationen anzunehmen und diese ständig weiter zu entwickeln. Wir handeln entsprechend dem, was wir aus den Überlieferungen seiner Geschichte mit den Menschen interpretieren. Wir leben human, kümmern uns um Gerechtigkeit und achten unser Gegenüber, sei es ein Mensch, ein Tier oder die Pflanzenwelt.

In diesem Sinne wären wir gute Humanisten, und die Frage läge nahe, wozu es den Zusatz »Gott« noch brauchte. Doch in all dem Handeln erwarten wir das Gottesereignis. Was das genau ist, dafür fehlt uns die Sprache. Es fällt leichter zu sagen, was es wahrscheinlich nicht sein wird. Doch könnte es nicht sein, dass »Gott« sich hier ereignet, gerade in der Begegnung mit einem Mitmenschen, dem Einsatz für Gerechtigkeit, dem verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung. Es bleibt die Erwartung eines handelnden Gottes, eines Gottes der nicht nur ursprünglich Bewegender war und dann seine Schöpfung sich selbst überlies, sondern einer Gottesgemeinschaft, die heute noch involviert ist, subtil, in der Gestalt der Schöpfung. An dieser Stelle beginnen wir uns zu Fragen wie dieses Gottesereignis konstituiert ist, vielleicht auch, was unter dem Begriff »Heiliger Geist« zu verstehen ist. Führt uns die Aussage Slavoj Zizeks weiter, der den Heiligen Geist mit der »kommunistischen Partei« vergleicht, und in ihm den Antrieb sieht, der die Menschen motiviert gerecht zu handeln, einander zu lieben?

Ein solches Handeln voller Erwartung kapituliert nicht. Es definiert sich nicht aus Verboten, wiewohl es sich der eigenen Abgründe bewusst ist. Es blickt jedoch auf die Möglichkeiten, versucht dem Ereignis Gottes nachzuspüren und in diesem Sinne zu leben. Versteht sich eingeladen in die Gottesgemeinschaft, ohne konkrete Worte dafür zu haben.

In diesem Sinne verstehe ich die emergente Bewegung, zumindest das was ich davon zu kennen glaube, als missionale Bewegung. Eine Bewegung die sich danach ausstreckt an dem zu partizipieren was sie die Gottesgemeinschaft zu tun annimmt, und in diesem Leben, Handeln, nach dem Gottesereignis Ausschau hält. Und während sie handelt, reflektiert und zu vorläufigen Interpretationen kommt, die sie gerne intellektuell redlich zur Sprache bringen möchte. Eine suchende Bewegung, eine Bewegung der Liebe, eine Bewegung des Handelns und in dem allem eine dekonstruktivistisch denkende Bewegung, die wie Jeremia mit Gott um ihn ringt. Ein Weg, über den ich sehr dankbar bin.

8 Reaktionen

  1. Hey Daniel,
    sehr coole Gedanken. Ich merke wie ich Peter Rollins zB immer mehr mag, auch wenn ich evtl. in seinem ersten Buch noch (die anderen kenne ich noch nciht) Schwierigkeiten sehe. Was hällste denn davon, ihn mal nach Deutschland zu holen?
    Ich werde aber vermutlich in meiner Blogreihe dann doch zu etwas zurückkommen, was man „schwachen Dogmatismus“ nennen könnte. Denn ich glaube, dass dieser apopahtische Radikalismus gut ist für viele am Rand des Christentums, aber das er für viele ernsthaft bemühte Christen nicht f unktionieren würde. Deshalb braucht es denke ich, Brücken hin zum „real existierenden Christentum“, wenn man nciht als radikaler Bilderstürmer enden will.

  2. wow, daniel.
    mit diesem text hast du worte für gedanken gefunden, die mich seit monaten umtreiben. das heißt für mich auch, gott (oder besser ein bestimmtes bild von ihm) nicht mehr verteidigen müssen… ist gott groß? ist er allmächtig? in jedem fall ist er ein gott, der sich offenbart – und das macht in der tat erstmal sprachlos.

    danke.

  3. hier noch eine frage, die mir dazu auf der seele brennt: wie bekenne ich – sprachlos ;) diesen sich offenbarenden-gott mit worten (ohne ihm bestimmte dogmatische eigenschaften zuzuweisen) ?

  4. liebe karola,

    du bekennst diesen gott am besten indem du bei der konfession bleibst bei der du halt bist
    und engagierst dich dort ein bisschen, darfst nicht beleidigt sein wenn die dich bloss zum kochen einteilen, egal ob du gescheite theologische artikel schreiben kannst oder nicht
    und „bear in mind“ (behalt im Gedächtnis) dass diese welt sich stetig wandelt und wir in ihr ständig um unsere stellungnahme gebeten werden, ob es um entrechtete geht, um sünder und „gerechte“ oder worum immer

    finde ich eben, als auch-frau

  5. hallo aurelia,
    mir geht es nicht um bekenntnis innerhalb der eigenen konfession (hier glauben ja alle mehr oder weniger schon) sondern darum, wie ich gegenüber nicht-glaubenden nachbarn, kollegen, verwandten etc. gott bekennen kann – ohne mich bei der beschreibung meines glaubens in knapper form (wenn man mehr zeit zum gespräch hat, ist es viel einfacher…) göttlicher zuschreibungen zu bedienen, die oft schon konfessionell-vergellt sind in den ohren der zuhörer.

    ich habe einem bekannten mal ganz ohne eigenschafts-zuweisungen von gott und meinem glauben erzählt und ihm empfohlen, sich doch auf die suche nach dem sich-offenbarenden gott zu machen. monate später erzählte er mir glücklich, dass er ihn gefunden habe – und war bei einer sekte gelandet.

  6. glauben ja alle mehr oder weniger schon?

    in der schule haben sie noch religion – oder schon ethikunterricht – , aber eine bibel als schulbuch hat selenheitswert.
    ich hate eine, bin aber auch in eine katholische privatschule gegangen.

    dann kommen die zeugen jehovas und bringen einem eine neue-welt-übersetzung – und an der orientiert man sich dann. wenn man nicht glück hat und eine gratisbibel in die hand gedrückt bekommt oder die bibelseiten im internet _ mit ausgezeichneter suchfunktion – entdeckt.

    die glauben shcon alle, aber eben nur mehr oder weniger. bei den „zeugen“ stellt es einem ja alle theologischen nackenhaare auf, aber eine begeisternde gemeinschaft scheinen sie schon zu sein.

    sind eben „alleinseligmachend“, wie die katholische kirche ( immer noch, glaube ich), trotz ökumene.

    die sekten, ja. oder freikirchen, wie man „politisch korrekt“ sagt. die legen einem steine in den weg, wenn man austreten will. die traditionellen kirchen nicht, und viele menwchen machen irgendwann von dieser möglichkeit gebrauch.
    ich verstehe völlig, dass du entsetzt bist von den resultaten deiner bekehrungsversuche, k.arola!

  7. Was nun genau eine Sekte ist, darüber streiten sich ja bekanntlich die Geister, genau wie über die Eigenschaft „bibeltreu“, die sich manche christliche Gruppierungen zuschreiben.
    Mein Fehler damals im erwähnten Gespräch mit dem Bekannten war wahrscheinlich, dass ich zwar von meinen Glauben an den sich offenbarenden-Gott gesprochen, aber die Person Jesus dabei zu wenig thematisiert habe. Leider eignet sich Jesus auch als Projektionsfläche für alle möglichen Glaubensrichtungen. Und vielleicht ist es genau die Kunst und gleichzeitig das wahre Bekenntnis Gottes, wenn man Jesus als den göttlichen Offenbarer und Retter (so wie sein Name übersetzt heißt) in den Mittelpunkt rückt und alle kleinlichen dogmatisch-theologischen Streitereien unbewertet lässt.

  8. Hey k.arola,
    die Geschichte macht einen natürlich ein bisschen betroffen; ich denke tatsächlich, dass man einen völlig entgrenzten Glauben – ein Glauben, der keinen Biss, keine Kontur und keine Abgrenzung mehr kennt – nicht empfehlen sollte. Irgendwann landet man dann sonst in einem reinen Nebel, der auch die schlimmsten Phänomene unter dem Begriff „Glaube“/“Gott“ laufen lassen kann.

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