Sünde und Vergebung

Ein paar Gedanken zu Sünde und Vergebung, die zu Ostern passen, die nicht den Anspruch erheben neu zu sein, die aber an manchen Stellen und damit grundsätzlich Akzente verschieben.

Was wäre wenn Sünde vor allem eine geschöpfliche Dimension hätte? Sich also von ihrer Bedeutung her nicht zwischen Mensch und Gott drängen könnte? Wir würden dann nicht mehr davon reden, dass Sünde Gott in irgendeiner Weise verletzen würde. Sie würde nicht zwischen ihm und uns stehen, könnte uns den Weg nicht versperren.

Diese Gedanken erscheinen dann sinnvoll, wenn wir Gottes Gedanken zur Schöpfung vor allem in ihrer lebensermöglichenden Dimension begreifen. Der so genannte „Wille Gottes“ würde sich dann nicht in einem sündlosen, von der Welt abgeschnittenen Ideal widerspiegeln, sondern in einem Leben in Harmonie mit Gott, Menschen und Natur. Sünde wäre dann vor allem eine Art Störfaktor dieser Harmonie, jedoch kein unmittelbarer Störfaktor. Als Sünde würde dann ein Verhalten bezeichnet, das unseren Mitgeschöpfen (im weitesten Sinne) Schaden zufügt. Somit würde sich Sünde höchstens indirekt „gegen Gott“ richten, sie würde vor allem im Umgang von Menschen und Natur verstanden werden.

Der Umgang mit Sünde würde sich aus dem Bereich des schlechten Gewissens und den Schuldgefühlen verabschieden. Unser Verhalten zu unseren Mitmenschen und der Natur würde sich ins Zentrum bewegen. Bei Vergebung ginge es nicht um eine Art Freispruch, der einen Schuldausgleich darstellt, sondern um einen Zuspruch der Hoffnung, einen Erweis der lebensermöglichenden Kraft Gottes, die es uns ermöglicht aus zerstörerischen Gewohnheiten auszubrechen, und ein Leben in Harmonie zu leben. Vergebung und Buße wären in diesem Zusammenhang nicht in erster Linie „geistlich“, sondern zeichneten sich in einem Verhalten aus, einem Leben eben, das von liebevoller Hinwendung geprägt ist und Leben ermöglicht.

Ostern, und damit Tod und Auferstehung Jesu, verlieren damit nicht ihre Bedeutung, auch wenn diese Ereignisse mit einem veränderten Sünden- und Vergebungsverständnis grundsätzlich anders verstanden werden können.

10 Reaktionen

  1. Gerade las ich Deine niedergeschriebenen Gedanken zum Thema „Sünde und Vergebung“. Ich finde die von Dir eingebrachten Akzente sehr bedenkenswert. Vielen Dank dafür! :)

    Würden mehr Menschen sich nach diesem Ansatz auch verhalten und würden sie wirklich und tatsächlich danach leben, so würden wir im selben Moment in einer viel solidarischeren Gemeinschaft leben. Ja, wir würden überhaupt erstmal wieder in einer Gemeinschaft leben. Viele Handlungen, seien es Gesetzesübertretungen oder sei es „nur“ ein Verhalten, welches andere Menschen schädigt, dabei aber kein Gesetzt unterläuft, werden gesellschaftlich akzeptiert oder zumindest toleriert, weil wir uns davon zusehens entfernen, unser Tun in einen konkreten Zusammenhang mit anderen Menschen zu bringen. Wenn Jemand beispielsweise Steuern hinterzieht, so nimmt er u.U. Jemand anderem damit Geld weg. Nur kennt er denjenigen nicht. Er tut seine Tat und denkt, dass er den (unpersönlichen) Staat schädigt. Aber, wer ist in einer Demokratie der Staat? Das sind doch wir (Mit)Menschen ..

    Mein Gedankenausflug führt scheinbar schon wieder weg vom Glauben, weg von einem christlichen Lebensansatz. Dabei sehe ich zwischen Deinem niedergeschriebenen Gedanken und meinem Beispiel eine direkte Linie. Wir brauchen wieder mehr Verantwortungsgefühl füreinander. Wir brauchen wieder viel mehr Gemeinschaft(sgefühl).

    Nocheinmal vielen Dank für Deine inspirierenden Gedanken! Und Dir und Deinen Leuten ein gesegnetes Osterfest. :)

  2. Daniel, vielen Dank für Deine Gedanken. Interessanterweise erwischt Du mich da bei eihem Thema, das ich immer wieder durchdenken muß und was natürlich an Karfreitag besonders präsent ist.

    Irgendwie habe ich immer wieder theologische Sachen zur Deutung des Todes Jesu gelesen oder in der Uni belegt, aber es hat noch nicht so zündend „klick“ gemacht. Deine Anfrage geht ja in Richtung Barth und seine Versöhnungslehre. Zugegebenermaßen habe ich die bislang als recht positiv empfunden, erschien mir gut nachvollziehbar. Deine Facette finde ich aber ähnlich interessant und vermutlich ähnlich wahr.

    Mich beschäftigt derzeitig eher die juristische Facette, also die klassische Rechtfertigung des Menschen durch den stellvertretenden Tod Jesu, sozusagen die Sühne. Nicht, daß ich es nicht glauben kann; es ist wohl eher ein Noch-Nicht-Ganz-Verstehen-Können. Rein logisch kann man es sicherlich darlegen, exetisch mit Paulus natürlich auch wunderbar. Aber irgendwo auf dem Weg stößt etwas bei mir auf Widerstand. Sicherlich fängt es bei Augustins Erbsündenlehre an, womit ich meine theologischen Schwierigkeiten habe, je länger ich mich mit dem jüdischen Weltbild und Hermeneutik beschäftige. Aber ich muß jetzt mal nach und nach herausfinden, was für mich persönlich am nachvollziehbarsten ist.

    Vielleicht habe ich aber auch nur zuviel Brian McLaren gelesen und/oder bin von der Uni liberalisiert…

    Vielen Dank jedenfalls für deinen Gedankenanstoß!

  3. Vielen Dank für eure Kommentare.

    Die Linie, von der du sprichst Markus, die sehe ich auch. Und ich würde auch soweit gehen zu sagen, dass dein Beispiel nicht vom Glauben oder einem christlichen Lebensansatz wegführt, sondern genau dort hinführt. Meiner Ansicht nach hat das „Christ-Sein“ ja vor allem etwas mit Leben und konkreten Handlungen zu tun. Dein Beispiel verstehe ich daher genau in dieser Linie. Ein „Glaube“, der sich mehr auf „geistliches“ oder ein für-wahr-halten beschränkt hat meiner Ansicht nach wenig mit dem zu tun, was mir an „Christ-Sein“ vor Augen steht. Ich denke dass das Geheimnis gerade in einem solidarischen Miteinander, einem lebensbejahenden Leben, in Harmonie von Mensch und Natur, erlebt werden kann.

    Dein Unwohlsein bezüglich der Erbsündenlehre und gängiger Deutungslinien von Sühne teile ich zutiefst Philipp. In mir bahnt sich immer mehr eine Art von Gewissheit, dass viele Stellen, die bisher meist einheitlich in eine Richtung ausgelegt wurden – bspw. Sühne – durch eine Akzentverschiebung ganz anders verstanden werden können, und sich dadurch auch ein anderes Bild von „Christ-Sein“ ergibt. Es bleibt eine Reise, und ich denke wir sind dabei nicht „liberal“ ;)

  4. Daniel
    Danke erstmal für deine Gedankenanstoesse. Folge dir über Twitter, uns stöße darüber immer wieder auf neue Gedanken, die mich ins Nachdenken bringen. (Zeigt wohl, daß neue Medien nich nur zerstreuen). Dein Thema Sünde / Vergebung beschäftigt mich natürlich gerade an Ostern. Wirklich verstanden habe ich selbst als langjähriger Christ dies noch nicht wirklich – bin daher immer noch am suchen nach der richtigen Einordnung.
    Leider interpretiert jede christliche Richtung dieses Thema nach Belieben neu – welche Interpretation ist richtig – welche folgt eigenen Interessen? Hier auch meinen Kindern Orientierung zu geben finde ich wirklich schwer – zumal bei Jugendlichen der Begriff Sünde sowas von angestaubt ist.
    Ich glaube da helfen deine Gedanken. Sünde als getrennt sein zu Gott definieren ist zu einseitig. Sünde als nachhaltige Störgröße in Bezug auf meine Umwelt, meinem Nächsten – ebenfalls – zu sehen, ist praktisch leichter zu verstehen und selbst nachvollziehbar. Ich glaube daß Glauben heute mehr denn je praktisch erlebbar und meßbar sein muß. Sünde wäre da die Störung des Verhältnisses Gott Mensch Mensch – Vergebung wäre da die Heilung .

  5. Daniel, warum schaffst du es eigentlich mal wieder (genau wie an dem Abend als wir bei Kubic gesessen haben…), mein ganzes schönes, „gemütliches“ Gedanken- & Glaubensfundament aufzurütteln und zu hinterfragen?! Das ist echt anstrengend!! ;-)

  6. Wie Michael V richtig bemerkt, ist der Begriff Sünde so angestaubt, dass dringend was getan werden muss. Man bringt ihn nur noch mit zuviel Süßigkeiten in Verbindung.
    Einen Jesuiten habe ich in einer Messe statt „Herr, wasche ab meine Schuld, von meinen Sünden mache mich rein“ den Begriff „Fehler“ verwenden gehört. Dass jeder Fehler macht und machen muss und dass man aus Fehlern lernt (ein Kind würde nie schreiben lernen, wenn es nicht Fehler machen und sie korrigiert sehen könnte), geht wohl jedem ins Hirn.
    Phil M spricht vom klassischen Sühnetod Christi – den würde ich aber nicht auf den Abfallhaufen mitnehmen, zuviel Hoffnung hängt daran. Und auch Schuldgefühle sind – sorry Daniel – für mich eine ganz reale Erfahrung, die meiner Ansicht nach durch jede Theologie, christlich oder nicht, aufgefangen werden muss !!

  7. Bezüglich des Kopftuch – oder auch Burkaverbots – in dieser Sache ist grad in Belgien etwas los – würde ich übrigens einen weiten Kittel bis eine Handbreit unters Knie und langen Ärmeln vorschlagen, plus einem Schleier, der die Haare verdeckt.
    Und zwar das als Kleidung religiöser Menschen, seien es Klosterschwestern oder „rechtgläubige“ Musliminnen, und würde ihn in schwarz, weiss und grau halten, Anodnung der Farben und Schnitt könnten variieren.

    Neugierig was der Papst dazu sagt. Wisst ihr, dass zum Beispiel der Gürtel der Franziskanerinnen und Kapuziner, Franziskaner weiss ich nicht, darüber Aufschluss gibt, ob sie ihre Gelübde bisher gehalten haben (falls dies zur Kenntnis der Oberen gelangt ist zumindest)?

    Kein Wunder, dass sich so keiner auf die Straße traut !!

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