aktiv und beteiligt

Auf meine Frage nach einem Medienprophet unserer Tage wies mich Johannes auf Clay Shirky hin. Seither verfolge ich ab und an die Äusserungen von Shirky, und las eben ein Gespräch zwischen Clay Shirky und Daniel Pink auf wired.com. Hier möchte ich mal einen Gedanken aus dem Gespräch aufgreifen, nämlich die Annahme einer Art „aktiver Natur“ des Menschen.

Die beiden unterhalten sich darüber, dass Menschen freiwillig im Internet aktiv sind. Sie schreiben beispielsweise Wikipedia-Artikel oder helfen diese zu verbessern, veröffentlichen ihre Fotos, Videos oder Musik im Internet, oder schreiben Blogeinträge. All das tun sie in ihrer Freizeit und ohne dafür eine Bezahlung zu erwarten. Ihre Motivation sich auf diese Weise zu beteiligen, speist sich aus ihrem eigenen Interesse, sie wäre demnach also eine Motivation von Innen und keine von Aussen gespeiste Motivation.

In diesem Zusammenhang spricht dann Daniel Pink davon, dass seiner Meinung nach der Mensch von Natur aus aktiv und dafür ausgelegt sei sich zu beteiligen:

I think our nature is to be active and engaged. I’ve never seen a 2-year-old or a 4-year-old who’s not active and engaged. That’s how we are out of the box. And if you begin with this presumption, you create much more open, flexible arrangements that almost inevitably lead to greater satisfaction for individuals and great innovation for organizations.

Kinder zeichnen sich ja durch ihre Aktivität und ihre Entdeckerfreude aus. Dies wären nach Pink Grundanlagen des Menschen, die es meiner Meinung nach im Laufe der Entwicklung zu fördern gilt.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzung mit »bedingungslosem Grundeinkommen«. Dieses wird ab und an als Utopie bezeichnet, die nie zu erreichen ist, da es viel zu viele Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die sich dann eben nicht mehr einsetzen würden und (Klischeehaft) mit dem Bier auf dem Sofa vor dem Fernseher „verrohen“ würden. Geht man jedoch vom Angelegtsein des Menschen auf Aktivität und Beteiligung aus, dann müsste man diese Lethargie ja als Gesellschaftliche Entwicklung betrachten. Menschen, die aktiv sind und sich beteiligen wollen, werden von einer Gesellschaft zu Konsumenten erzogen, die Motivation von Aussen benötigen um sich zu beteiligen (»Zuckerbrot und Peitsche«).

Bei den Menschen, die sich aus einer inneren Motivation und damit aus Interesse beteiligen, scheint diese Anlage gefördert worden zu sein. Und hier schließe ich an den Beitrag von gestern an – diejenigen, bei denen diese Anlage aberzogen wurde (und die gibt es, das weiß ich) – sollten wieder gefördert werden. Und hier unterscheidet sich mein Ansatz dann von dem der Regierung, nicht durch negativen Druck (Entzug von Lebensgrundlage), sondern durch positive Unterstützung dessen was da ist.

In diesem Zusammenhang verstehe ich die Beteiligungsmöglichkeiten des Internets ähnlich positiv wie Shirky und Pink. Durch den Kauf eines Fernsehers kommt ein neuer Konsument hinzu, die Zahl der Beteiligten/Schaffenden bleibt jedoch gleich. Mit dem Kauf eines Computers stehen die Chancen gut, dass auch bei den Beteiligten/Schaffenden ein neues Gesicht dazu kommt.

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Quelle: Cognitive Surplus: The Great Spare-Time Revolution ein Gespräch von Clay Shirky und Daniel Pink auf wired.com

5 Reaktionen

  1. lieber daniel,

    dieser beitrag gefällt mir schon viel besser als der vom vortag! du zerbrichst dir den kopf darüber, wie die natur des menschen ist und durch was sie am besten gefördert wird.
    mit dem, was bei uns in österreich „grundsicherung“ heißt (und bisher utopie ist), mit steuerprogression (bei uns realität) und spekulationssteuer (derzeit in diskussion) hast du wirklich forderungen, denen viele zustimmen werden.
    warum? weil es viele menschen gibt, die nicht viel geld haben und denen ökonomie ein spanisches dorf (=unverständlich ) ist. Und wenige, die was davon verstehen.

    jetzt willst du sicher wissen, was so meine utopien sind. ich kann es dir sagen: für die im Arbeitsprozeß Befindlichen ein gewisser, aber nicht völliger Abbau von ständigem Druck. Für die Arbeitslosen eine Motivation zur Beschäftigung mit geistigen Dingen (lesen, malen, schauspielern und so) und zur Charakterbildung, nicht bloß Weiterbildungskurse – womöglich in eine Richtung, die gar nicht paßt.

    Und wie ich das verwirklichen will? Weiß ich, offen gestanden, auch nicht. Aber vielleicht wer anderer, der das liest.

  2. …wenn nicht der weg nach deutschland etwas weit wäre, gern.
    geht virtueller tee auch? trink auf mich einen earl grey…

  3. ach ich esel

    dazu fällt mir ein:

    ein alter esel sprach einmal
    zu seinem ehelichen gemahl:
    „ich bin so dumm, du bist so dumm,
    wir wollen sterben gehen, kumm!“ (=komm, österr.)
    doch wie das mal so ist im leben,
    blieben die beiden fröhlich leben
    (christian morgenstern, österr. dichter, anthroposoph)

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