Persönliche Erzählungen

In diesem Eintrag möchte ich einigen Gedanken zu gelingendem Leben nachgehen. Dazu wähle ich eine Perspektive, die persönlichen Erzählungen und das Phänomen „social Media“ miteinander verbindet.

Das Ende der Großen Erzählungen

Nach François Lyotard ist die Postmoderne durch das Ende der Großen Erzählungen gekennzeichnet. Jeder Theorie, die für sich beansprucht die Welt als Ganze zu erklären, wird mit einer gewissen Ablehnung begegnet. Die gesellschaftlichen Entwicklungen trugen dazu bei, dass die großen Erzählungen, egal ob sie aus Religion oder Wissenschaft stammen, nicht mehr als allgemeingültig angesehen werden. In dieser Zeit der angezweifelten großen Erzählungen leben wir.

Social Media und die persönlichen Erzählungen

Und es ist auch diese Zeit, in der eine Entwicklung die breite Masse der Bevölkerung erreichte. Mit den Möglichkeiten eigene Seiten im Internet zu veröffentlichen, entstanden immer mehr Seiten von Privatpersonen, die ihre Erlebnisse – ihr Leben – mit anderen teilten. Diese Entwicklung wurde durch das Aufkommen von Blogs unterstützt. Blogs machten das Erstellen einer persönlichen Webseite jeder und jedem möglich, und vereinfachten zusätzlich noch das zeitnahe Veröffentlichen von Texten, Fotos und Filmen. Und nicht zuletzt Netzwerke wie Facebook oder Twitter tragen dazu bei, dass heute jeder anderen Anteil an seinem Leben gibt.

In seinem Buch »Other« schreibt Kester Brewin davon, dass mit dem Verschwinden der großen Erzählungen, nicht die Erzählung als Solche verschwand. Vielmehr nahmen immer mehr kleine Erzählungen den Raum ein, den vormals die großen Erzählungen inne hatten. Diese Erzählungen werden heute verstärkt über die unterschiedlichen Kanäle des Internets geteilt. Das Monopol der großen Erzählungen auf die Sinnstiftung des Lebens wurde abgelöst durch die vielen kleinen, persönlichen Erzählungen.

Zygmunt Bauman bezeichnet unsere Zeit als flüchtige Moderne (liquid Modernity) und beschreibt die Identität der in dieser Zeit lebenden Personen als eine flüchtige Identität. Diese flüchtige Identität verändert sich ständig. Das tut jedoch niemand für sich alleine (siehe dazu auch den Eintrag »Gemeinsam den Tod des autonomen Selbst feiern«). Wir befinden uns alle in unterschiedlichen Bereichen in sozialen Netzwerken. Diese Netzwerke finden sich sowohl im lokalen Alltag, dem Zusammenleben von Angesicht zu Angesicht, wie auch in der Vernetzung im Internet wieder.

Wir haben nicht aufgehört unsere Sinnstiftung mit Erzählungen abzugleichen. Wir erzählen uns ständig aus unserem Leben, machen unsere eigene Geschichte im Netz sichtbar (siehe dazu auch den Eintrag »Die eigene Geschichte im Netz«). Wir teilen unsere Erlebnisse über Facebook und Twitter, schreiben Einträge in unsere Blogs, laden Bilder bei flickr hoch … Wir erzählen einander unsere Geschichten, um gemeinsam, daran zu arbeiten ein gelingendes Leben zu leben.

Ein Beispiel: Weeknotes

Mit kurzen Einträgen zu den Ereignissen der laufenden Woche, deutet sich momentan ein Trend in diversen Blogs an. Mit dem Titel »Weeknotes« begann zunächst eine Agentur über das zu schreiben, was sich bei ihnen in der laufenden Woche ereignete. Sie berichteten von Erfolgserlebnissen, Niederlagen und all dem was dazwischen liegt. Dieses Format des Blogeintrags fand auch bei anderen Anklang. Sie taten es der Agentur gleich und entwickelten daraus eine Gewohnheit. Einige Gedanken dazu finden sich beispielsweise in dem Artikel »On the Structure of time« von Russel M Davies auf wired.co.uk.

Dieses Format von Blogeinträgen unterstreicht die Entwicklung des Teilens der persönlichen Geschichte nochmals. Es geht nicht darum tiefe Einsichten, komplexe Zusammenhänge oder Kommentare zu den aktuellen Entwicklungen zu schreiben. Die Erlebnisse der laufenden Woche werden geteilt. Dies geschieht nicht fragmentiert wie auf Twitter oder Facebook, sondern gebündelt in einem (kurzen) Blogeintrag. Auf diese Weise geben die Schreibenden Anteil an ihrem Alltag und inspirieren einander zu einem gelingenden Leben.

Buchempfehlung

81/365Die Gedanken zu diesem Eintrag wurden angeregt durch die Lektüre des Buches »Other: Loving Self, God and Neighbour in a World of Fractures« von Kester Brewin. Meiner Ansicht nach schafft es Kester in seinem aktuellen Buch ausgezeichnet »emergente Lebenskunst« zu erkunden. In einer sehr gelungenen Verbindung theologischer Fragestellungen, philosophischer Gedanken und aktuellen Gesellschaftsentwicklungen, nimmt er Leserinnen und Leser mit hinein in die Möglichkeiten in Harmonie mit sich selbst, Gott und den Mitmenschen zu leben. Allen, die sich nach Inspiration zu einem solchen Leben sehnen, sei dieses Buch ausdrücklich empfohlen.

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