Balanceakt

Momentan lese ich das hervorragende Buch »Other – Loving Self, God and Neighbour in a World of Fractures« von Kester Brewin. Ich werde natürlich nicht systematisch durch das Buch bloggen, oder saubere Zusammenfassungen schreiben – das können andere besser als ich – sondern wie gewohnt ab und an einen Aspekt herausgreifen, der mich zum nachdenken anregt.

Heute habe ich den zweiten Teil des Buches fertig gelesen, er steht unter dem Titel »Loving the other within God«. Und während Kester davon spricht, dass Gott sich sowohl zu uns Menschen hinwendet, als auch sich von uns distanziert, verdeutlicht er dies an Jesu Menschwerdung. Ein Leben in der Nachfolge charakterisiert er darauf hin, als einen dreifachen Balanceakt. Zunächst geht es um die Annahme von Gottes Freiheit und Hingabe. Von Gott kann weder in totaler Hingabe an uns Menschen, und damit einer Unmittelbarkeit gesprochen werden. Es kann jedoch auch nicht nur die fremde, unbekannte Seite Gottes betont werden. Die beiden anderen Aspekte haben mit persönlichem verbunden – bzw. getrennt Sein zu tun. Auf der einen Seite existieren diese Dimensionen hinsichtlich der Beziehung zu Gott, als auch in den Beziehungen unter Menschen. Brewin geht davon aus, dass dieser dreifache Balanceakt nur in Gemeinschaft gelebt werden kann:

As we think about how we might love the other within God we need to look for this hallmark: those who claim to love God will have a robust idea of God’s freedom, of God’s otherness and strangeness, combined with a keen sense of God’s binding too.

[…]

In the end, I know that this balancing act can only happen in community. My two eyes cannot discern the three dimensions of a life lived in proper perspective. I need others and others need me if I am, if we are together, to work out how this creative rhythm of separation and binding is to keep time. Similarly we know that if we are to love God and love our neighbours as we love ourselves, we must walk with our neighbour to discuss how we might better love our God and ourselves, and pray to God that we might more quickly become the kinds of selves who truly love the others, the strangers, who walk with us and around us.

Kester Brewin, Other: Loving Self, God and Neighbour in a World of Fractures, 108.

Meiner Ansicht nach handelt es sich hier um einen wichtigen Gedanken dazu, weshalb es sinnvoll ist, dass wir als Menschen nicht nur alleine für uns nachfolgen, sondern in einer Gemeinschaft von Menschen unterwegs sind, die einander dabei unterstützen in Harmonie mit Gott, Menschen und der Schöpfung zu leben.

7 Reaktionen

  1. dein beitrag über die postmoderne beschreibt komplizierte zusammenhänge, und ich bin auch nicht sicher, ob die postmoderne wirklich das ende der großen erzählungen ist – wikipedia kennt immerhin etwa dreißig postmoderne romane, sind die dann alle mist (und nicht große kunst)?
    dieser brewin, den ich nicht kannte, scheint einfache zusammenhänge zu beschreiben – und das gefühl ist eigenartig, wenn das wicchtige gesagt ist und das ganze klimbim wegfällt mit einem großen seufzer – das kann doch nicht alles gewesen sein, fragen wir überrascht und finden uns mit einem Laib brot am Ufer des unendlich scheinenden Meeres – und dabei geht uns gar nichts ab, das uns so fortschrittsgeil und anspielungsreich tage, wochen, jahre beschäftigt hielt

  2. ich meine nur dass viele autoren in die unverständlichkeit verschwinden und man weiß nie, mit der absicht das“volk“ abzuhängen oder weil sie sich einfach nicht anders zu helfen wissen.
    kant zum beispiel mit seinen unendlichen satzperioden nehme ich unverständlichkeit nicht übel, er hat so viel bahnbrechendes geleistet mit seinem „kategorischen imperativ“ (der sich übrigens im alten testament als „goldene regel“ ganz ähnlich vorfindet nur gebt er die sache mit der „maxime des willens“dazu),
    gegen die postmodernen habe ich irgendwie etwas, habe bei hans hollein studiert und der ist persönlich eben kein angenehmer mensch.

    sir charles popper wirft einmal habermas und konsorten absichtliche und böswillige unverständlichkeit vor, was ich gar nicht so unterschreiben will. ein bübhlein von h. hab ich mal durchgelesen, schien mir bedeutungsschwach. popper hab ich lieber. der plädiert für ockham´s razorblade.

    ich wußte schon dass die kritik mit dem roman nicht hinhauen wird und zu oberflächlich ist, nachdem ein berühmter mann ein ganzes buch schreibt um seine these zu stützen. stimmt schon, blogs und sowas ist was recht fragmentiertes, und der buchdruck wird in zukunft an wichtigkeit abnehmen.

    danke für dein interesse!

  3. möcht mal postulieren wir weden uns in 200 jahren immer noch mait anna karenina auf die liegewiese fläzen (?hauen, würde man in österreich sagen), und es werden große, mitreißende romane geschrieben werden, auch wenn man die dann (vielleicht!) als e-böök liest.

  4. Hallo Daniel,
    danke für den Post; du machst mich auf das Buch neugierig. Ich finde spontan einen anderen Aspekt interessant außer der Gemeinschaft nämlich den Versuch Nähe und Ferne Gottes; Freiheit und Liebe Gottes; Gottes Geheimnis und Gottes Vertrauenswürdigkeit zusammenzudenken; würde das evtl. auch gegen Peter Rollins ins Feld führen, der im ersten Buch das eine auf Kosten des Anderen überbetonen scheint.

    @Aurelia:
    Es stimmt, dass sich manche Postmoderne Denker manchmal sehr verklausuliert ausdrücken. Manchmal hängt das damit zusammen, dass sie etwas genauer die Welt beobachtet haben, manchmal damit, dass sie verzweifelt nach einer Sprache suchen die nicht metaphysisch vorbelastet ist und manchmal verstecken sie auch ihre kleinen Ideen hinter einer Nebelwand. Ist die Frage ob man die Zeit findet herauszufinden, um was es sich bei den einzelnen handelt.
    Das Ende der großen Erzählungen meint keineswegs das Ende des Romans. Die großen Erzählungen, sind die Stories die über die Welt erzählt werden, die Stories in denen wir unbewusst oder halbbewusst leben, die die Art wie wir heute leben legitimieren. Zum Beispiel die Erzählung über den Fortschritt um ein plattes Beispiel zu nehmen: die Annahme, dass durch harte wissenschaftliche Arbeit die Lage des Menschen ständig verbessert wird, dass die Fragen weniger werden und eines Tages auch die Antwort auf die letzte Frage gefunden wird. Lyotard sagt nicht dass diese Erzählung verschwunden ist, sondern dass die PoMo sich dadurch auszeichnet, dass wir uns zunächst erstmal sehr schwertun diese früher selbstverständliche Erzählung zu glauben.

  5. arne,

    dank dir vielmals für diese info ohne viel aufhebens.
    jetzt bin ich klüger.
    aber da erheben sich neue fragen: in diesen „großen erzählungen“ leben wir, wie du sagst, unbewußt oder halbbewußt dahin. in deinem „platten“ beispiel ist das ein mythos, der wahrscheinlich wirklich von den allermeisten unterschrieben würde.
    aber ist es nicht schwierig, an diese mythen heranzukommen? ist die rede von der diktatorischen, schwerfälligen, verbeamteten und rückständigen kirche auch so eine „große erzählung“? und wenn ja, wird sie von der postmoderne geglaubt? ;)

  6. hallo aurelia,
    ja, es ist schwer an die mythen heranzukommen. und noch schwieriger ist es, darüber einen gemeinsamen konsens zu finden. der allgemein-gültige konsens ist in der postmoderne nicht mehr möglich; was zählt sind fragen, deren antworten sich in einer unglaublich breiten theorienvielfalt finden. in der postmoderne wird quasi alles und nichts geglaubt. im prinzip entscheidest du selbst, welche erklärungen für dich überzeugend und rechtfertigungsfähig sind. in bezug auf kirche geht die frage also direkt zurück an dich :)
    schöne grüße, karola

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