Wahre Ökos lieben Müllhaufen

In seinem Beitrag zum Film »Examined Life« zeigt Žižek einiges über seine Art Philosophie zu treiben. Der Film entstand mit der Zielsetzung zentrale Theorien von Philosophen für das alltägliche Leben zu konkretisieren. Dadurch ist einiges einfacher zu verstehen, und manche Aspekte philosophischen Denkens werden deutlicher. Žižek wendet seine Art philosophischen Denkens auf die Ökologiebewegung an. Im Folgenden möchte ich einige Aspekte dessen darstellen was Žižek hier über Ökologie sagt und wie er mich dabei inspiriert.

Examined Life - Zizek

Žižek ist der Meinung, dass Ökologie sich zum neuen Opium für das Volk etabliert. Ökologie ist mittlerweile eine Ideologie, die eine absolute Wahrheit postuliert und nicht hinterfragt werden darf. Eine Ideologie ist dadurch gekennzeichnet, dass sie zwar die richtige Thematik betrachtet, diese jedoch mystifiziert.

Es sind vor allem zwei grundsätzliche Annahmen der Ökologiebewegung, die Žižek kritisiert:

a) Der Ökologiebewegung liegt die Annahme zu Grunde, dass die Welt in der wir leben die bestmögliche Welt ist. Die Natur ist ein lebendiger Organismus, dessen Harmonie durch die Hybris des Menschen gestört wird.

b) Die zweite Annahme bezieht sich auf uns westliche Menschen. Gemäß der Ökologiebewegung ist unsere grundlegende Beziehung zur Natur durch unser technisiertes Leben gestört. Wir sollten daher aller Technologie absagen und wieder den Einklang mit der Natur suchen.

Diese beiden Kritikpunkte belegt er, wie gewohnt, nicht unbedingt gründlich, sondern baut seine folgenden Gedanken darauf auf. Im Großen und Ganzen handelt es sich wohl auch mehr um eine Grundannahme, die aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird – bei a) ist die perfekte Harmonie der Natur das Subjekt, die gestörte Beziehung des westlichen Menschen zur Natur steht im Zentrum von b). Diese beiden Aspekte der postulierten ökologischen Grundannahmen teile ich zu einem gewissen Grad, weshalb ich auf gewisse Weise sicher auch als Öko bezeichnet werden kann, und hier wird es dann spannend, da Žižeks’ Argumentation auf der Kritik dieser beiden Aspekte basiert und bei aller Überspitzung interessante Schattenseiten aufdeckt.

Idealisierung der Natur

Aus seiner Kritik an der Betonung der Harmonie der Natur (a) folgert Žižek, dass es sich dabei um eine Neuauflage des Sündenfalles handelt. Der Mensch sei aus dieser „natürlichen Harmonie“ gefallen, und zerstört nun mit seiner „gefallenen Hybris“ die Harmonie der Natur. Wird die Natur jedoch so wahrgenommen, wird sie zum Fetisch, sie wird zum Absoluten an dem sich alles messen lassen muss. Auf diese Weise gibt sie vor was möglich ist und was nicht. Die konservative Stimme in der Gesellschaft kommt folgerichtig mittlerweile aus den Reihen der Ökologiebewegung – so wird beispielsweise bei jedem wissenschaftlichen Durchbruch eine unsichtbare Grenze gezogen, vor deren Überschreitung lautstark gewarnt wird.

Auch wenn ich zunächst gerne einfache den kompletten Ansatz seiner Kritik in Frage gestellt hätte, so muss ich doch zugeben, dass er in einigen Aspekten auf eine Schattenseite hinweist:

– auf der einen Seite wird die Natur in dieser Sicht idealisiert, sie wird als Perfekt dargstellt, in absoluter Harmonie. Auf dieser Weise wird die Komplexität ausgeblendet, die sich in der Natur findet – wie passen bspw. Raubtiere in ein idealisiertes Naturbild?

– auf der anderen Seite werden gesellschaftlich Geprägte Grenzen in Verbindung zu diesem idealisierten Naturbild gerückt, und auf diese Weise wird Fortschritt in vielen Punkten komplett abgelehnt.

Sicher treffen diese Kritikpunkte nur eine in gewisser Weise extreme Spielart der Ökologiebewegung, und dennoch denke ich, dass seine Kritik der Tendenz die Natur zu idealisieren berechtigt ist, und von der Ökologiebewegung positiv aufgenommen werden sollte.

Verleugnungstaktik

Die Entfremdung des westlichen Menschen von der Natur durch sein von Technologie durchdrungenes Leben, und der Ruf des Menschen zur Absage an die Technologie und zurück zu den Wurzeln der Naturvölker ist eng mit der Idealisierung der Natur verbunden, und zielt dennoch in eine andere Richtung.

Žižek macht deutlich, dass diese Forderung des Absoluten – der kompletten Abkehr von Technologie und Hinwendung zur Natur – den Menschen in eine Art Überforderungssituation bringt. Auf der einen Seite ist er sich sehr wohl bewusst, dass wir vor großen ökologischen Herausforderungen stehen, und dass wir anders handeln müssten. Doch wider besseres Wissen handelt er wie zuvor und bleibt in alten Mustern vehaftet.

Die Überforderung vor der radikalen Wende führt zur Verleugnung. Diese Verleugnung wird nach Žižek durch die Idealisierung der Natur noch verstärkt. Wir wissen um die Herausforderungen, doch wenn wir in die Natur hinausgehen, dann hören wir das Singen der Vögel, blühende Bäume und wunderbare Landschaften – angesichts dessen können wir einfach nicht daran glauben, dass all das zerstört werden könnte.

Seiner Meinung nach ist es uns Menschen nicht möglich uns Katastrophen vorzustellen. Immer dann wenn wir tatsächlich mit einer Katastrophe (er nennt Tschernobyl als Beispiel) konfrontiert werden, dann werden wir mit der harten Realität konfrontiert und stellen unser Handeln um. Die Idealisierung der Natur jedoch, befruchte die Verleugnung der Herausforderungen, und wiege die Menschen in einem traumähnlichen Zustand, der sich nach dem Idealzustand sehnt und doch weiter so lebt, als gäbe es keine Herausforderung.

Auch hier sehe ich vor allem den Aspekt der Verleugnung durch Überforderung am Zuge. Diese Schattenseite gilt es anzugehen, und nach Wegen zu suchen, die weniger radikal wirken und dennoch dazu führen, dass wir anders handeln und uns den Herausforderungen stellen.

Wahre Ökos lieben Müllhaufen

Žižek kritisiert, er ist bekannt für seine pessimistische Sicht der Wirklichkeit, und auch hier sehen wir, dass seine Sicht der Welt getrieben ist von einer gewissen Bedeutung des Schocks. Er liebt es zu schockieren und provoziert gerne. Meiner Ansicht nach folgt er damit dem Axiom, das oben anklingt – wenn wir mit einer Katastrophe, einer Extremsituation, konfrontiert werden, beginnen wir nachzudenken, werden unsere Augen geöffnet. Er fordert in dem kurzen Ausschnitt die Abkehr von einem idealisierten Naturbild und die Hinwendung zu Müllhaufen. Wir westliche Menschen müssten uns seiner Ansicht nach noch weiter von der Natur entfremden, wir sind noch nicht radikal genug entfremdet, die Schönheit der Natur ist uns noch zu nah. Er sagt nicht, dass wir uns dann anders verhalten würden, dass wir uns den Herausforderungen stellen würden, aber so zumindest könnte man auch folgenden Abschnitt deuten:

Was ist Liebe. Liebe ist nicht Idealisierung. Jeder wahrhaft Liebende weiß das, wenn du wirklich eine Frau oder einen Mann liebst, idealisierst du sie oder ihn nicht. Liebe bedeutet, dass du eine Person akzeptierst, mit all ihren Fehlern, Dummheiten und hässlichen Aspekten, und dennoch ist diese Person für dich absolut, alles was dein Leben lebenswert macht. Du bist dazu in der Lage Perfektion in Unvollkommenheit zu entdecken – und dass ist es, wie wir lernen sollten die Welt zu lieben.

Wir sollten anfangen und in Müllbergen zu Hause zu fühlen, und hier Angesichts der Katastrophe dass Müll nicht verschwindet, vielleicht ereignet sich hier etwas … aber darüber spricht Žižek nicht.

1 Reaktion

  1. Ich denke zumindest Punkt a) macht sehr sehr viel Sinn. Wenn es soetwas gibt wie „die Natur“, dann ist sie durch und durch ambivalent. Wie Welker gerne betont: Leben lebt immer auf Kosten von anderen Leben. Eine Person kann nur da sein, weil unzählige potenzielle andere Personen nicht existieren. Die Natur ist an sich kein Vorbild weil sie Brutalität und Verdrängung von anderen Lebewesen im Zentrum hat.
    Der zweite Punkt ist halt abhängig von Zizeks Mix aus Deutschen Idealismus und Lacan, der vielleicht unter die Frage gestellt werden kann: wenn wir so viel über „change“ reden, warum „changed“ sich dann nichts?

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