Das echte Leben

Kürzlich stolperte ich über ein Musikvideo mit dem Titel »Scheiß auf Facebook« von Cris Cosmo. Ich sah mir das Video bis zum Ende an, auch wenn ich zwischendurch aus unterschiedlichen Gründen sehr gerne ausgeschalten hätte. Und interessanterweise begleitet mich der Grundgedanke des Liedes seither. Cris Cosmo legt, so interpretiere ich es, seinem Lied den Gedanken zu Grunde, dass Begegnungen zwischen Menschen im so genannten echten Leben viel besser sind, als Kontakte via Internet oder Handy. In diesem Sinne hört sich der Refrain ungefähr so an:

Scheiß auf MySpace,
scheiß auf Facebook,
auf Outlook
und all den ander’n Kram.
Lass uns ausgeh’n,
lass uns feiern.
Wir treffen Menschen,
und wir fassen uns an.

Menschen beim Ausgehen zu treffen wird demnach viel höher gewertet, als mit anderen über Handy oder Internet Kontakt zu haben. Diese Überbewertung des so genannten echten Lebens ist jedoch schlicht rückwärtsgewandt, und eine Idealisierung. Zizek würde hier wohl von einer Fetischisierung sprechen.

Natürlich ist mir bewusst, dass es möglich ist seine Zeit im Internet zu verschwenden. Es ist möglich vor dem Rechner, oder mit dem iPhone in der Hand zu vereinsamen. Aber, Hand aufs Herz, all das ist auch möglich wenn wir ausgehen, feiern und uns anfassen.

Bereits mit dem Gedanken im Kopf diesen Eintrag zu schreiben, folgte ich eben einem Link und las dort einen Artikel von Alexandra Samuel über 10 Gründen, die uns dabei helfen können, uns nicht für unser Onlineleben entschuldigen zu müssen. Ein Gedanke, der mir an diesem Artikel besonders gefällt könnte sich eingedeutscht etwa so lesen:

»Wenn wir die „offline Welt“ immer noch als das echte Leben bezeichnen, ist das entweder ein Zeichen für verbissenes Verleugnen dessen – oder einer unangemessenen Scham darüber – wie das Leben im 21. Jahrhundert aussieht.«

Der Alltag, zumindest von (jungen) Städtern in der westlichen Welt, zu denen ich mich und einen Großteil der Leserinnen und Leser dieses Blogs zähle, ist so sehr mit dem Internet verwoben, dass eine Trennung zwischen online und offline an den Haaren herbeigezogen wirkt. Wird diese Trennung dann noch mit einer Wertung belegt, erscheint mir die Idealisierung des offline Lebens vollkommen.

Gelebte Beziehung ist sowohl online als auch offline möglich. Online und offline sehe ich in diesem Zusammenhang mehr als das Medium, die Umgebung an, in der die Beziehung gelebt wird. Es findet Begegnung statt. Es besteht die Möglichkeit für tiefen Austausch. Sowohl on- als auch offline. Das eine gegen das andere auszuspielen, halte ich schlichtweg für falsch. Es ist vielmehr notwendig unser Leben sowohl off- als auch online bewusst zu leben, zu gestalten.

Ich schließe mich hier Alexandra Samuel an, und plädiere dafür, dass wir unser Leben, on- und offline als Einheit betrachten. Die beiden Bereichen nicht künstlich voneinander trennen, und damit so tun, als gelten hier andere Regeln als dort. Es ist wichtig, dass wir uns hier wie dort unseren Werten gemäß verhalten und uns dementsprechend bewegen.

Offline als das echte Leben zu bezeichnen, ist eine Lüge, von der wir uns verabschieden sollten. Damit machen wir den Weg frei, unser echtes Leben als Einheit zu verstehen, und es sowohl on- als auch offline wertvoll zu gestalten.

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Abschließend empfehle ich noch die Lektüre der 10 Gründe von Alexandra Samuel (Danke an Johannes für den Tipp.)

7 Reaktionen

  1. Das ironische an dem Song oben ist, dass die meisten von uns ihn wohl über den offiziellen YouTube-Account des Künstlers, eingebettet in Blogs oder auf Facebook gesehen haben.

  2. Ja, in der Tat – ich kam über Facebook auf den Song. Beim Klicken der Kamera am Ende, hätte ich mir gewünscht, dass im Abspann gezeigt wird, wie das Bild dann in ein Facebook-Album geladen wird …

  3. Ich bin Onliner durch und durch. Und (Aber?) ich kann die Intention des Songs verstehen. Langsam kommt es mir auch teilweise echt albern vor, dass manche Leute den ganzen Tag über Twitter und Facebook belanglose Zustandskürzel rauskicken, die selten länger als zwei Zeilen sind (und NICHTS ANDERES mehr) und darüber vergessen, dass andere Dinge, offline, wichtiger sind. Das heißt weder, dass Twitter, Facebook & Co schlecht sind, noch dass nicht jeder so viel dort aktiv sein kann, wie er will. Aber zum Nachdenken anregen kann so ein Song den einen oder anderen vielleicht schon.

  4. Danke sehr für eure Kommentare.

    Eine Ausgewogenheit von Aktivitäten on- und offline sehe ich als Chance, wenn das Leben als Einheit gesehen und nicht künstlich getrennt wird.

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