Relative Armut

Gestern Abend saß ich hier und sah mir den Film »Lets Make Money« an. Erwin Wagenhofer führt uns in diesem Film vor Augen wie das Geld in unserer Welt verteilt ist, und welch perverse Formen der Kapitalismus annehmen kann. Kontraste wie die Plakatwand der Deutschen Bank in deren Schatten kleine Hütten stehen. Hier leben Menschen in Armut, und haben jeden Tag das Lächeln der Models vor Augen.

Dürre Erde, durchzogen von Gräben, ausgemergelt vom Baumwollanbau. Land und Bevölkerung ausgetrocknet von unserem Hunger nach neuer Kleidung. Natürlich verdienen sie damit nicht so viel Geld, dass sie leben könnten. Der Westen hält die Preise niedrig, die Menschen in Abhängigkeit. Würden angemessene Preise bezahlt, könnte die Region ohne Förderungen auskommen, sie könnten vom Ertrag ihrer Arbeit leben, sie hätten mehr Geld zur Verfügung wie Preise und Entwicklungshilfe zusammengerechnet. Die Reichen halten die Armen klein und abhängig, so dass sie auch weiterhin Zugriff auf billige Arbeitskräfte und Rohstoffe haben.

Es wird von Einwanderung nach Europa gesprochen. Ein Vertreter der Baumwolllieferanten spricht davon, dass für viele nur die Auswanderung nach Europa Zukunftsperspektive gibt. In einer Hotellobby sitzend spricht ein reicher Schweizer darüber, dass alle liberalen Wirtschaftsgelehrten von offenen Grenzen für Waren und Geldern überzeugt sind, dass dies jedoch nicht für Menschen gilt. Diese hätten gefälligst ein Eintrittsgeld zu bezahlen. Sie hätten nichts zum Wohlstand beigetragen – meint er das ernst? – und müssten daher ihren Anteil durch einen gewissen Betrag begleichen. Dass er einen Golfclub als Vergleich heranzieht spricht Bände.

Parallel zur Beschäftigung mit diesem Film lese ich »The Spirit Level« von Richard Wilkinson und Kate Pickett. Die beiden zeigen in ihrem Buch auf, dass es für alle Beteiligten besser ist, wenn es innerhalb von Gesellschaften nicht zu große soziale Unterschiede gibt. Ein wichtiger Gedanken des Buches bezieht sich auf relative Armut. Die soziale Stellung wird oft gerade im Vergleich mit anderen deutlich, dann, wenn ein Vergleich möglich ist. Wie fühlen sich die Menschen, die unter einem Plakat der deutschen Bank in ärmlichen Verhältnissen leben? Wie geht es Menschen, die von der Baumwollindustrie des Westens ausgebeutet werden? Was empfindet ein Einwanderer, wenn er mit Forderungen des Wirtschaftsredakteurs konfrontiert wird?

5 Reaktionen

  1. Danke für den Tipp! Den Film werde ich mir ansehen.
    Wichtig ist, dass den Menschen in den wohlhabenden Ländern endlich bewusst wird, was da unter Ausschluss der Öffentlichkeit passiert.
    Möglicherweise ist es ja gar nicht gewünscht, dass diese Hintergründe in der breiten Bevölkerung bekannt werden – mal ganz abgesehen davon, dass sich die meisten damit ja auch nicht belasten wollen.

  2. das ist ein sehr ’spannendes‘ thema, es ist vor allem nicht leicht zu durchschauen und schwierig zu diskutieren, denn ob man will oder nicht: wir sind teil des systems und halten es oft unbewusst mit aufrecht

  3. Danke für eure Kommentare.

    Vielleicht ist es gerade aus den beiden von euch genannten Tendenzen – nicht wahrhaben wollen und unbewusst mit aufrecht halten – her wichtig, dass wir uns damit auseinandersetzen, und nicht sofort eine Lösung parat haben …

  4. Hallo Daniel
    Bin auf die Sendung durch deinen Tweet aufmerksam geworden.
    Das was man sehen konnte, entspricht ziemlich genau dem Eindruck, den ich selber persönlich erfahre.
    Das heutige Verhältnis West vs. Emerging Markets erinnert doch fatal an die Kolonialzeit, allerdings wird Macht subtiler, mit moderneren Tools ausgeübt. Im Kern geht es nicht um Geld, sondern letzlich um Machterhaltung und Machterweiterung.
    Fimen können hier natürlich Grundsätze haben und bei den Mitarbeitern einklagen.. Das ändert aber nichts an der Haltung der jeweiliigen Regierung und Administration selbst. agiert diese offen korrupt, so ist bereits die Spaltung eines Schwellenlandes zwischen arm und Reich vorprogrammiert.

    Richtig fatal wirds, wenn die eigene Bevölkerung das Spiel arm-reich mitspielt: da zeigt sich ein massives Interesse, keine Änderung der Unterschiede im eigenen Land zuzulassen, auch wenn dies von der Firma, von der westlichen Regierung etc. sogar gewünscht wird. Die 2% der Bevölkerung, die zB von dem westlichen Reichtum profitieren, wollen keine Partizipation der unteren Schichten am westlichen Reichtum, da die Armut ja erst westliche Firmen anlockt, und die Grundlage des eigenen Einkommens darstellt.
    Ganz ehrlich, wo bleibt da eine transparente europäische Entwicklungspolitik. Wo bleibt die Transparenz für die eigene deutsche Bevölkerung?

    Vielen Dank übrigends an die wirklich gelungene Zusammenfassung.

  5. […] Über Daniel Ehniss Artikel „Relative Armut“ bin ich auf den Film Let’s make Money von Erwin Wagenhofer (We Feed the world) […]

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