Hallo Daniel,
die Bibel geht aber davon aus, dass wir (durch Studium, und mit Hilfe des Heiligen Geistes) hinreichend gut Gott und die biblische „Doktrin“ erkennen koennen.
„Der Heilige Geist wird Euch in alle Wahrheit fuehren“, (Joh 14, 26 und Joh 16,13).
Also, fuer den „praktischen Gebrauch“ reicht unsere Erkenntnis Gottes.

Frage: wenn Du bei jemandem siehst, dass er nicht nach dem Willen Gottes lebt, ermahnst Du ihn dann (in Liebe), oder sagst Du Dir selbst: „Hmmm, weil ich selber nicht so genau weiss, ob die Bibel dies wirklich sagt, ermahne ich ihn nicht“.

Zweite Frage: wenn Du bei jemandem eine Lehre siehst, die nicht biblisch ist, korrigierst Du ihn dann (in Liebe)? Oder sagst Du: „Weil sowieso keiner wissen kann, was Gottes Wille ist, waere es arrogant, die andere Person zu korrigieren“ ?

Wenn Du die Bibel liest, wirst Du merken, dass die biblischen Autoren diese uebertriebene Skepsis nicht hatten. Sie haben kraeftige Ermahnungen ausgesprochen. Sie gingen irgendwie dreisterweise davon aus, dass die Leute auch verstanden, was gemeint war.

Die Urkirche (ca. 80-150 n.Chr.) hatte z.B. die sogenannte „Didache“ (Gemeindeordnung inklusive disziplinaerer Weisungen). Da wurden u.a. Grundwahrheiten des christlichen Glaubens festgehalten. Und es gab disziplinaere Massregeln bei Nichteinhalten. Haettest Du, falls Du damals gelebt haettest, versucht, die Didache zu verhindern, weil es zu „arrogant“ sei, zu unterstellen, man koenne wissen, was Gottes Wille sei?

Ein puritanischer Autor, Richard Baxter, sagte (sinngemaess): „Es ist gut, wenn man sich als neuer Glaeubiger fernhaelt von Streitfragen, die nicht den Kern des Glaubens betreffen. Aber es gibt Irrlehrer, die wollen diese „Zurueckhaltung“ auch ausweiten auf die Kernfragen des christlichen Glaubens“.

Ich meine: es ist demut, wenn man anderen Menschen gegenueber nicht allzu fest beharrt auf seiner Meinung bei strittigen Fragen. Aber es ist wiederum Hochmut gegenueber Gott, wenn man sagt: das, was in der Bibel steht, will ich nicht befolgen, denn ich sage: wir koennen ja ohnehin nicht so genau erkennen, was Gottes Wille ist.

Christoph Morgner (eheml. Vorsitzender des Gnadauer Gemeinschaftsverbundes) hat gesagt: man sollte unterscheiden zwischen BEkenntnisfragen, und ERkenntnisfragen. Bei BEkenntnisfragen duerfen wir keine Kompromisse machen. Dies betrifft u.a. das apostolische Glaubensbekenntnis.
Bei ERkenntnisfragen, z.B. was das genaue Ausmass der Geistesgaben angeht, etc., darf man anderer Meinung sein, und dies auch sagen, aber den anderen doch mit seiner Meinung als Bruder stehen lassen.

Fazit: ich mache mir ein bischen Sorgen, dass Du Deinen Ansatz der „Agnostik“ unberechtigterweise ausweitest auf Grundfragen des christlichen Glaubens, und damit viel zu weit gehst, und anderen Christen damit keinen Dienst erweist.
Natuerlich ist der Mensch begrenzt, und kann irren, aber das soll man nicht auch noch zum normativen Prinzip erheben. Sonst legst Du Deine Axt an die Wurzel des Christentums, dann wird naemlich die ganze Heilige Schrift auf einen Schlag unverbindlich. Was tust Du, um diese (vielleicht nicht beabsichtigste) Nebenwirkung zu vermeiden?

Aber vielleicht irre ich mich ja.

Wie stehst Du denn zu den einzelnen Punkten des apostolischen Glaubensbekenntnisses? Kann man diese Punkte genau genug aus der Bibel ableiten bzw. diese Wahrheiten erkennen, oder zweifelst Du diese auch an? Bzw. welche dieser Aussagen findest Du fraglich?

Ich glaube an Gott,
den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige katholische (evangelisch: christliche[1]) Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.
Amen.

(Das Glaubensbekenntnis war ja so eine Art Minimalkonsens; was mich interessiert, ist ob Du diesen „Minimalkonsens“ auch in Frage stellst).

Oder Artikel 1 des Heidelberger Katechismus:

Frage 1: Was ist dein einiger Trost im Leben und im Sterben?

Antwort: Daß ich mit Leib und Seele, beides, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin, der mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkömmlich bezahlet und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöset hat und also bewahret, daß ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen, ja auch mir alles zu meiner Seligkeit dienen muß. Darum er mich auch durch seinen Heiligen Geist des ewigen Lebens versichert und ihm forthin zu leben von Herzen willig und bereit macht.

Ist das auch „zu arrogant“ bzw. angemasstes Wissen ?

Oder weiter, die Aussagen des Heidelberger Katechismus im Abschnitt „von Gott dem Sohn“, wo es um die Natur Gottes (des Sohnes), im naechsten Abschnitt um die Natur des Heiligen Geistes geht.
http://www.confessio.de/cms/website.php?id=/bekenntnisse/protestantisch/heidelberger/teil2.html#sohn

Frage 15: Was müssen wir denn für einen Mittler und Erlöser suchen?

Einen solchen, der ein wahrer und gerechter Mensch und doch stärker denn alle Kreaturen, das ist, zugleich wahrer Gott sei.

Frage 16: Warum muß er ein wahrer und gerechter Mensch sein?

Darum, daß die Gerechtigkeit Gottes erfordert daß die menschliche Natur, die gesündigt hat, für die Sünde bezahle; aber einer, der selber ein Sünder wäre, nicht könnte für andere bezahlen.

Frage 17: Warum muß er zugleich wahrer Gott sein?

Auf daß er aus Kraft seiner Gottheit die Last des Zornes Gottes an seiner Menschheit ertragen und uns die Gerechtigkeit und das Leben erwerben und wiedergeben möchte.

Frage 18: Wer ist aber derselbe Mittler, der zugleich wahrer Gott und ein wahrer, gerechter Mensch ist?

Unser Herr Jesus Christus, der uns zur vollkommenen Erlösung und Gerechtigkeit geschenkt ist.

Frage 19: Woher weißt du das?

Aus dem heiligen Evangelium, welches Gott selbst anfänglich im Paradies hat geoffenbart; folgends durch die heiligen Erzväter und Propheten lassen verkündigen und durch die Opfer und andere Zeremonien des Gesetzes vorgebildet; endlich aber durch seinen eingeliebten Sohn erfüllt.

Frage 20: Werden denn alle Menschen wiederum durch Christus selig, wie sie durch Adam sind verloren worden?

Nein; sondern allein diejenigen, die durch wahren Glauben ihm werden eingeleibt und alle seine Wohltaten annehmen.

Frage 21: Was ist wahrer Glaube?

Es ist nicht allein eine gewisse Erkenntnis, dadurch ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort hat geoffenbart, sondern auch ein herzliches Vertrauen, welches der Heilige Geist durch das Evangelium in mir wirkt, daß nicht allein andern, sondern auch mir Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Seligkeit von Gott geschenkt sei, aus lauter Gnaden, allein um des Verdienstes Christi willen.

Welche der Aussagen ueber die Natur Gottes in diesen Abschnitten sind denn aus Deiner Sicht strittig, oder wo haette man „vorsichtiger“ sein sollen, weil man es aus der Bibel so genau nicht wissen koenne?

Okay, naechstes Mal kuerzer… :-) Gesegneten Sonntag noch.