Friede sei mit euch

In dem Eintrag von gestern Abend, der zwar von den Auswirkungen auf Wulffs Rede zur Einheit ausging, sich aber nicht mit dem Satz des Anstosses befasste, ging es mir vor allem um Ausgrenzung und ihre Folgen. Nun möchte ich, mit diesem Gedanken im Hinterkopf, etwas genauer auf das Gesagte eingehen.

Interessanterweise hat die Rede, und darin der Hinweis, dass der Islam zu Deutschland gehöre, in manchen Kreisen das Gegenteil dessen bewirkt, was wohl die Intention war. Man könnte die Aussage Wulffs als ausgestreckte Hand auf unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger hin verstehen – ein »Friede sei mit euch« – auf das diese mit einem symbolischen »Salam alaikum!« antworten könnten. Blitzartig wurde an mancher Ecke die Hand schnell in die Hosentasche gesteckt, wurden Arme verschränkt, und dieses Mal nicht, weil es sich dabei um eine bequeme Körperhaltung handelt, sondern als Geste der Abweisung.

Hatte Wulff, einer der „jungen Alten“, das tatsächlich getan? Wollte er damit das Tabu brechen, sich also nicht nur als Präsident der muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger bezeichnen – was ihm gerne zugebilligt worden wäre – sondern den Islam auf eine Stufe mit Christentum und Judentum stellen? Es scheint als wollte er das. Ulrich Greiner bemerkt in einem Kommentar zur Rede folgendes:

»Wenn er sich an die »deutschen Muslime und Musliminnen« wendet und sagt: »Ja, natürlich bin ich Ihr Präsident! Und zwar mit der Leidenschaft und Überzeugung, mit der ich der Präsident aller Menschen bin, die hier in Deutschland leben«, so ist das ebenso schön gesagt wie selbstverständlich. Er ist der Präsident aller, ob Kind oder Greis, Mann oder Frau, Katholik oder Atheist, Hindu oder Muslim.

Wenn er aber sagt: »Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland«, so postuliert er damit einen kulturellen Zusammenhang, und er verwischt auf ungute Weise die Unterschiede. Das würde, wenn er recht hätte, darauf hinauslaufen, dass wir nicht mehr in gewohnter Weise von der christlich-jüdischen Kultur, aus deren langer Tradition wir kommen, sprechen dürften, sondern dass wir in einer christlich-jüdisch-muslimischen Kultur lebten.«
Quelle: Ulrich Greiner, Unser Islam? auf zeit.de

Aus meiner Sicht spricht der zweite Absatz des Zitates Bände. Er spricht Bände hinsichtlich eines kulturgeschichtlichen Verständnisses. Die Wurzeln unserer Gesellschaft werden gerne auf die jüdisch-christliche Abstammung reduziert. Diese ist jedoch so einfach und reduziert schwer haltbar, wie bspw. ein interessanter Kommentar im Tagesspiegel unter dem Titel »Die jüdisch-christliche Tradition ist eine Erfindung« zeigt. Gerade aus jüdischer Perspektive wird diese Vereinnahmung der jüdischen Kultur in christlichen Kreisen ab und an in Frage gestellt. Und es ist darüber hinaus auch äusserst fraglich die Kulturgeschichte auf gewisse Einflüsse zu reduzieren, und diese als Alleinstellungsmerkmal und zur Abgrenzung zu verwenden.

Ich halte also zum einen kulturgeschichtlich die Verengung unserer Wurzeln auf die christliche und jüdische Tradition für fragwürdig. Gleichzeit auch die Tendenz, an dieser Tradition festhalten zu wollen.

Unsere Gesellschaft entwickelt sich weiter. Wenn wir den Einfluss des Islams auf unsere Kultur aus der Geschichte heraushalten wollen, dann ist das eine Sache, wenn wir nun aber versuchen so zu tun, als hätten unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger unsere Gesellschaft und Kultur nicht auch mitgestaltet und -geprägt, dann ist das noch eine ganz andere. Dann nämlich, wären die zurückgezogenen Hände und Arme vor allem ein Zeichen von Bequemlichkeit. Sie leugneten den immerwährenden Wandel einer Kultur, und sehnten sich danach, sich im Sessel zurück zu lehnen, und sich auf die ausgewählte Tradition zu berufen.

Wir leben in einer christlich-jüdisch-muslimischen Kultur, vielleicht wäre es noch treffender zu sagen, dass wir in einer christlich-jüdisch-muslimisch-buddhistisch-atheistischen Kultur leben. Und selbst bei dieser Aufzählen blieben viele Religionen, Weltanschauungen und Lebensentwürfe unberücksichtigt, die in unserer Gesellschaft existieren, und somit an deren Fortentwicklung beteiligt sind. Es steht uns nicht gut die Komplexität der deutschen Kultur zu leugnen, uns an einem neuen Patriotismus zu freuen, und dabei die veränderte Gestalt dieses Deutschlands ausser Acht zu lassen.

Ein Dialog in unserer Gesellschaft ist wichtig, keine Ausgrenzung, kein fischen am rechten Rand, sondern die Frage nach gelingendem Zusammenleben angesichts der Gesellschaftszusammenstellung, in der wir hier leben. In diesem Sinne freue ich mich über die ausgestreckte Hand Wulffs – »Friede sei mit euch.«

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