Positive Sexualethik

Vor einiger Zeit erzählte eine junge Frau, dass sie nun nicht mehr Christ sei. Sie könne nicht mehr an einen Gott glauben, der Homosexuelle ablehne, und ihnen den Zugang verweigerte. In ihrem Umfeld war sie nach Bekanntwerden ihrer Homosexualität damit konfrontiert worden, dass sie diese Lebensweise zutiefst von Gott trennen würde.

Ereignisse wie diese machen mich wütend und traurig zugleich. Was denken wir uns dabei solche fatalen Entscheidungen zu treffen? Es kann nicht das Ziel von Christen sein andere von Gott abzuhalten.

Immer wieder erlebe ich es, dass Stellen, die isoliert werden müssen um das zu sagen, was man gerne hören möchte, ins Feld geführt werden um einen Punkt zu machen. Bei der Begründung weshalb Homosexualität nicht der Idee Gottes entspricht scheint das ständig zu passieren. Es werden Argumente aus dem Schweigen bemüht (Stichwort: Schöpfungsordnung), oder Verse angeführt, die in Passagen stehen, die niemand mehr als bindend betrachtet – oder zumindest nicht mehr danach lebt (Stichwort: Reinheitsgebote). Gerne werden dann auch Argumente aus dem Zusammenhang der Tempelprostitution oder ähnlichem herangezogen.

Wie wäre es, wenn die Christenheit sich aufrappeln, und auf die Suche nach einer positiven Sexualethik machen würde? Einer Sexualethik, die nicht von Verboten, sondern vom Staunen über die Schönheit und Vielfältigkeit von Liebe geprägt wäre. Dabei würde sie vielleicht eine Freiheit finden, von der in der Bibel die Rede ist. Auf dem Weg ließe sich evtl. auch Gnade finden. Die Begrenztheit der eigenen Sicht würde an der nächsten Weggabelung offensichtlich. Und noch viel wichtiger, wir würden die Bibel nicht mehr als Lexikon oder Gebrauchsanweisung verstehen, sondern würden ein Buch entdecken, in dem Erlebnisse von Menschen mit Gott aufgezeichnet sind. Aufzeichnungen, die uns Orientierung geben, die uns jedoch auch dazu ermutigen frei zu improvisieren, gemäß der Idee Gottes die wir zwischen den Zeilen erahnen, uns jedoch immer wieder daran erinnern, dass bloßes zitieren viel zu holprig ist um echtes Leben zu ermöglichen.

Und dann finden Menschen, wie die junge Frau die ich eingangs erwähnte, Menschen mit denen sie gemeinsam Nachfolge leben kann. Christ zu sein, bestünde dann nicht mehr in Abgrenzung, sondern in liebevollem Dialog, in Wertschätzung, und der gegenseitigen Unterstützung zu einem Leben in Harmonie mit Gott, Menschen und Natur.

In diesem Zusammenhang finde ich Projekte wie das itgetsbetterproject.com sehr gut. Darauf wurde ich über dieses Video von Gene Robinson aufmerksam. Robinson hat für Huffington Post in diesem Zusammenhang auch einen sehr empfehlenswerten Artikel geschrieben, den ich am Ende dieses Eintrags gerne erwähnen möchte.

12 Reaktionen

  1. „Vor einiger Zeit erzählte eine junge Frau, dass sie nun nicht mehr Christ sei. Sie könne nicht mehr an einen Gott glauben, der Homosexuelle ablehne, und ihnen den Zugang verweigerte.“

    Sowas halte ich für sehr seltsam. Wie kann man aufhören, an Gott zu glauben, weil einem etwas nicht passt, was er sagt oder was er laut anderen gesagt haben soll? Selbst wenn Gott mit sagen würde, ich solle ab sofort ein Haasenkostüm anziehen und rückwärts durch Dortmund laufen, läge es an mir, zu entscheiden, ob ich weiter an diesen Gott glauben sollte. Wenn es ihn gibt, kann man leider nichts daran machen, was er will oder was er nicht will.

    In meinen Augen sind solche Argumente a la „Gott soll gegen Schwule sein? Dann glaub ich nicht mehr an ihn“ nur Vorwand, um dem Glauben einen letzten Tritt zu versetzen. Letztendlich sollte man doch an der Wahrheit interessiert sein, an dem, wie Gott wirklich tickt. Und nicht daran, wie ich mir gerne wünschte, wie er tickt.

  2. Du hast das, wie ich mir es im Idealfall vorstelle, formuliert. Kann ich unterschreiben, Daniel. Habe zwar keinen schlauen Satz dazu, der die Diskussion weiterbringen könnte, aber darum geht’s ja auch nicht. So sag‘ ich einfach: Find‘ ich gut & danke.

  3. Danke sehr für eure Kommentare.

    James, ich muss dir leider widersprechen. Denn es handelt sich dabei nicht um eine fiktive Geschichte, und es war auch nicht so, dass irgendwer dem Glauben einen letzten Tritt verpassen wollte. Das Umfeld der jungen Frau, und hier ist sie kein Einzelfall, zeichnete ein Bild von Gott, dementsprechend es für sie keine Möglichkeit gegeben hätte, zugleich Christ und lesbisch zu sein. Diese beiden Parameter wurden rigoros voneinander getrennt. Sie konnte an einen Gott nicht glauben, der sie von Grund auf ablehnte – und ich kann sie darin sehr gut verstehen. Ich hoffe dein Unverständnis resultiert aus der schemenhaften Darstellung der Situation meinerseits …

  4. @james t.
    Daniel hatte die Frau ja so wiedergegeben: „Sie könne nicht mehr an einen Gott glauben, der Homosexuelle ablehne, und ihnen den Zugang verweigerte. In ihrem Umfeld war sie nach Bekanntwerden ihrer Homosexualität damit konfrontiert worden, dass sie diese Lebensweise zutiefst von Gott trennen würde.“ Letztlich stellt sich die Frage: Ist das von den Menschen in ihrem Umfeld dargestellt Gottesbild treffend? Hierzu stellt sich die Frage, wie dieses Umfeld auf dieses Gottesbild (Gott lehnt nicht nur Homosexualität, sondern auch Homosexulle) kommt. Hier erwähnt Daniel den eher dünnen Bestand an biblischen Aussagen (auf die in solchen Fällen oftmals rekurriert wird), deren Aussage zum einen selten ganz klar ist und die zudem oftmals in Passagen stehen, deren Kontext ansonsten keine Rolle mehr spielt (Unreinheit bei Regelblutung, Spermafluss, Speisevorschriften usw.).
    Von daher läuft dein Punkt etwas ins Leere: Es geht nicht darum, dass die Frau sich von Gott abgewendet hat (oder in deinem Beispiel: Nicht das Hasenkostüm angezogen hat und rückwärts durch Dortmund gelaufen ist), sondern ob Gott überhaupt so ist, wie es ihr gesagt wurde (ob er also wirklich verlangt, im Hasenkostüm rückwärts durch Dortmund zu laufen) und dann nochmals weitergehend: Weswegen (ich ergänze: nicht nur) in der Sexualethik mit Abgrenzungen negativer Art gearbeitet wird – und ob man dies nicht auch umkehren könnte. Ein anderes Beispiel: Menschen im Falle des Unglaubens nicht mit der Hölle drohen (auch hier stellt sich zudem die Frage, ob es sich wirklich so verhält), sondern die positiven Aspekte des Glaubens in die Waagschale werfen. Oder anders: Aus dem „müssen“ („Wenn ich der Person das und das sage, muss sie glauben“) ein „wollen“ machen („wenn ich der Person das und das sage, will sie glauben“). Ein sehr sympathischer Gedanke. Weswegen? Allein schon aus dem Grund: Alles was ich will, muss ich nicht mehr.

    (Oops, sorry für den Co-Vortrag)

  5. Naja prinzipiell (also abgesehen von dem genannten Fall) halte ich James Einwand schon für berechtigt: habe ich lieber ein Gott, der immer nach meinen Vorstellungen und Wünschen operiert? Ist das dann nicht einfach eine Projektion? Oder begegne ich Gott als einer Person, die mich provoziert und auch herausfordert.
    Aber ich kann sehr gut verstehen, dass man nie nur nach der Wahrheit Gottes fragt sondern auch nach der Güte. Kann es angehen, dass Gott engherziger und ausgrenzender ist als manche Menschen? Da Glaube was mit Vertrauen zu tun hat kann ich mir schon gut vorstellen, wie jemand sagt: so einem Gott, wie er mir präsentiert wird, kann ich nicht vertrauen. Und es ist schade, dass nicht alle lieber die Konsequenz ziehen, mit noch mehr ernsthaftigkeit nach dem Gott hinter den Gottesbildern zu suchen. Aber manche Prozesse brauchen auch Zeit….

  6. Es scheint mir, dass dem Eingangsabsatz zu viel Bedeutung zukommt. Was wollte ich damit sagen – ohne die ganze Geschichte darzulegen: Wenn man innerhalb einer Gruppe von Menschen lebt, die eine bestimmte Sicht von Gott und Christsein hat, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass die eigene Sicht der Dinge diesen Annahmen nicht 100% entgegen steht. Wenn diese Gruppe zu dem Schluss kommt, dass Gott gegen Homosexualität ist, und es diesbezüglich nicht möglich ist gleichzeitig Homosexuell und Christ zu sein, dann kommt man spätestens dann in eine schwierige Situation, wenn man bei sich selbst eine gewisse Neigung zu Homosexualität feststellt. In diesem Sinne stellt sich vor allem die Meinung über Gott, die man selbst im Zusammenhang mit der Gruppe verinnerlicht hat, zwischen einen und Gott. Es geht hier, meiner Ansicht nach ganz und gar nicht darum einen alten greisen gnädigen Gott zu wollen, der alles gut findet. Aber es ist sehr schwer, zumindest sehe ich das so, eine andere Perspektive zu entwickeln, wenn man nicht Menschen in seinem Umfeld hat, die einen dabei unterstützen in eine andere Richtung zu denken. Und genau so habe ich das auch gemeint. In anbetracht der scheinbar ausweglosen Situation erschien der Frau der Zugang auf Grund ihrer Homosexualität verstellt – was nicht heißt, dass sie ihm abgesagt hat … Und genau hier setzt auch meine Kritik an, aus meiner Sicht ist es dringend notwendig weiter in Richtung einer lebensbejahenden Theologie zu arbeiten, die sich nicht aus Verboten und Tabus nährt, sondern Liebe verkörpert.

  7. „in richtung einer lebensbejahenden theologie arbeiten“ .. das ist eine großartige formulierung .. :) .. „mit allem was man hat an zeit, energie, schweiss und tränen, irgendwo zwischen verzweiflung und trotz gefangen, einfach verweigern aufzugeben gegen all die betonherzen und selbsternannten päpste (gottes vertreter auf erden) ..“ .. so hat sich das für mich anfangs dargestellt als ich genau mit dem thema „lebensbejahende sexualität“ dereinst in den krieg mit meinen glaubensgeschwistern gezogen bin ..

    .. inzwischen ist es mir lieber, wenn einer ein fröhlicher atheist ist als ein bornierter christ .. dass ich selber ein fröhlicher christ geworden bin, freut mich natürlich .. :)

  8. Ich frage mich ja immer öfter warum Christen so besessen von Sexualität und da im besonderen von Homosexualität sind. Warum ist gerade das so ein großes Ding, ich verstehe nicht was das mit Moral zu tun hat was jemand in seinem Schlafzimmer nackt macht.

    Ich sehe auch keine richtige Lösung des „Homosexuellen“-Problems bevor man verstanden hat warum gerade die Sexualität (Pornografie, Kondome, Jungfrau Maria, Prostitution, kein Sex vor der Ehe, …) der anderen so ein großes Ding ist.

  9. james, der unsere diskussion einleitet, tut das sehr gut.

    religion wie sexualmoral ist natürlich privatsache. aber ist nicht auch kindererziehung privatsache, und wenn wir in öffentlichen verkehrsmitteln jemand sein kind maßregeln sehen, weil es eine unbequeme frage stellt, schreien wir trotzdem innerlich auf, und wenn wir mutig sind, riskieren wir den unmut der eltern und aller (ich sage mal bourgoisen) mitreisenden und stellen uns an die seite des kindes?

    lesben/schwule sind öffentlich geächtet, begehen aber nicht unrecht an anderer leute integrität, außer es wäre vergewltigung … die ein hetero auch begänge.

    sogar gefängnisinsassen gestehen wir eine spiritualität zu, wenn die vielleicht auch unter der bedingung der reue zugestanden wird (oder nicht?) . den homos sollen wir es nicht zugestehen?
    paulus denkt, sagte mir mal wer, an schwule heiden, wenn er von sexueller unmoral spricht.
    ich möchte das zur diskussion stellen.

  10. Ich finde nicht dass Kindererziehung eine reine Privatsache ist, wie es z.b. Sexualität ist. Immerhin schicken wir unsere Kinder in den Kindergarten und in die Schule wo sie zu großen Teilen von anderen erzogen werden. Was ich auch sehr begrüße, denn das schafft gleichere Voraussetzungen für alle.

    Meiner Meinung nach ist es nicht richtig eine Alte schrift so zu verbiegen zu zu verdrehen dass sie zu unseren jetzigen Moralvorstellungen passt.

    Was Paulus vor 2000 Jahren gedacht hat werden wir sowieso nie erfahren (falls es ihn wirklich so gab). Ich finde aber auch dass wir uns nicht wirklich an einem Menschen der vor 2000 Jahren in einer komplett anderen Gesellschaft gelebt hat orientieren sollten, denn heutzutage haben wir viele neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft und Philosophie. Wir sind der Aufgabe mächtig unsere Moralvorstellungen aus gegenseitigem Respekt und allgemein anerkannten Regeln zu derivieren. Dazu brauchen wir in meinen Augen nicht darüber debatieren was ein einzelner Mensch vor 2000 Jahren gemeint haben könnte.

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