Leitkultur

Der Begriff Leitkultur stört mich bereits seit der Zeit, in der ich ihn das erste Mal gehört habe. Daher bin ich auch alles andere als begeistert, wenn dieser Tage aus konservativen Kreisen »Multikulti« für gescheitert erklärt und die »deutsche Leitkultur« propagiert wird.

Der Gedanke einer Leitkultur stützt sich auf der Annahme es gebe eine homogene Kultur, die allen in einem Land lebenden vorgeschrieben werden kann. In einem sehr interessanten Kommentar auf Zeit-Online geht Tanja Dückers auf diesen Gedanken ein, und schreibt:

Hört die Haupt-Gesellschaft wirklich noch auf Goethe und Gutenberg oder doch eher auf Dieter Bohlen und Eminem? Folgt man der aktuellen, geradezu hysterisch geführten Debatte, so könnte man glauben, eine unisono liberale, aufgeklärte, gebildete, gewaltfeindliche, friedfertige, frauen-, kinder- und umweltfreundliche, hochmoderne und doch sanft am Christentum orientierte, und vor allem: homogene Gesellschaft verteidige ihre Werte und ihr Wesen gegen eine fundamentalistisch-rückständige Bedrohung muslimisch-migrantischer Provenienz. Doch dieser Dualismus ist vollkommen wirklichkeitsfremd.

Quelle: Zeit-Online – Parallelgesellschaften gibt es nicht nur unter Muslimen

Diese Beobachtung finde ich sehr spannend. Vielleicht werden hier lediglich andere Metaphern verwendet. Während man vor einiger Zeit noch von Subkulturen sprach, spricht man heute von Parallelgesellschaften. Wer den gesamten Kommentar von Dückers liest, indem sie eine Studie zu Rechtsextremismus bespricht, sieht die Ahnung bestätigt, dass die Parallelkulturen die »das Fremde« fürchten, an vielen Stellen ganz ähnliche reaktionäre Elemente pflegen, die sie an anderen Kulturen ablehnen.

Ihr Plädoyer den Begriff Parallelgesellschaft nicht mehr auf Personengruppen von Menschen mit Migrationserfahrung, oder andere als am Rande (von der eigenen Perspektive aus betrachtet) stehenden Personengruppen zu verwenden, sondern unsere Gesellschaft als eine aus vielen Parallelgesellschaften bestehende zu betrachten finde ich sehr einleuchtend.

Und hier kommt dann der Begriff »Multikulti« wieder ins Spiel. Wird die Gesellschaft als eine heterogene Gesellschaft wahrgenommen, in der mehrere Kulturen gemeinsam leben – unterschiedliche Parallelgesellschaften ein Konstrukt der Gesellschaft abgeben – dann ist ein friedliches Miteinander dieser Kulturen nicht abgehakt, sondern muss als Aufgabe verstanden werden. Wir brauchen Interaktionen zwischen den Parallelgesellschaften, eine Kultur des Dialogs.

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