Göttliche Demokratie

Ich hatte es an anderer Stelle bereits gesagt, dass ich von Peter Aschoffs aktuellem Buch sehr begeistert bin. In der zweiten Hälfte nimmt es ordentlich an Fahrt auf, und die Lektüre macht mir auf jeder einzelnen Seite Spaß. Dabei hilft wahrscheinlich auch, dass ich es gerade zum zweiten Mal lese, und an einem Abend in der Woche mit Freunden bei einem Tee oder Wein die Gedanken dazu austausche.

Ab und an verzweifle ich an meinem Ideal der »göttlichen Demokratie«. Ermöglichenden Strukturen einer Gemeinschaft, die jede und jeden zur Mitgestaltung einlädt, und sich dann doch ab und an in den selben Sackgassen wieder findet, wie Gemeinschaften, die anders organisiert sind. Und genau dann, also auch jetzt, freuen mich Sätze wie die von Peter in dem Abschnitt unter der Überschrift »Göttliche Demokratie« besonders:

»Die Führungsaufgabe besteht also darin, dafür zu sorgen, dass alle zum Zug kommen. Pfarrer oder Bischöfe sollten viel mehr Gastgeber sein als Chefs oder Dozenten, zugleich aber hat dieser Dienst auch seine eigene Würde – es gibt kein „oben“ und „unten“ mehr in einer Welt, in die Gott sich tief hinabgebeugt hat. Daher reden die ersten Christen statt von Befehl und Gehorsam bei jeder Gelegenheit vom Miteinander: Einander annehmen, einander die Lasten tragen, einander trösten und vergeben, sich einander unterordnen, einander ermutigen – darum dreht sich das Gespräch. Ein guter Gastgeber schafft einen Rahmen, in dem seine Gäste sich sicher fühlen und aus sich herausgehen können. Wo das gelingt, gehen alle bereichert nach Hause und kommen gern wieder.«

In diesen Worten entdecke ich den Schein des Sonnenaufgangs, dem wir entgegengehen. Ich wünsche mit weiter in diese Richtung zu gehen, und dabei nicht zu sehr im Weg herum zu stehen.

»Jede Stimme zählt, und erst die vielen Stimmen und Perspektiven helfen uns, ein tieferes Verständnis der Wege Gottes zu entwickeln. Polarisierende Kampfabstimmungen mit Fraktionszwängen, Siegern und Verlieren schaden dieser Kultur der Achtung ebenso wie ein ungeduldiges „Basta“ der jeweils Mächtigen.«

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Beide Zitate stammen aus Peter Aschoff, Kaum zu glauben, von den Seiten 153 und 154.

5 Reaktionen

  1. sehr gut, daniel, ich glaube ihr seid auf einem sehr guten weg mit eurer initiative und du mit deinen diversen lektüren.

    darf auch ich von einem buch sprechen, das mir

  2. sehr gefällt: gerhard isermann, widersprüche in der bibel, copyright jachr 2000, ein unbekannter verlag. es ist prozessual orientiert, und es setzt sich mit den widersprüchn, s. o. , auseinander, beginnend bei den zwei verschiedenen schöpfungsgeschichten im buch genesis und dem widerspruch, der sich auch zur geltenden wissenschaftlichen meinung auftut. wieso der zweite, spätere autor die frühere, eher unserer weltsicht entsprechende, geschichte sstehengelassen hat.
    auf den bericht mit den sechs oder sieben tagen geht er auch ein. er ist kein – wie heißt das schimpfwort? – fundamentalist, sondern sozusagen das gegenteil davon.

    ja, und frohe, gesegnete weihnachten allen !! :)

  3. ein unbekannter verlag, vandenhoeck und ruprecht, oder nur mir unbekannt? und der verfasser scheint mir sogar lutherisch zu sein.

    mein verflixtes gerät hatte ein ganz verschwommenes display, als ich den vorigen kommentar abgegeben habe.

    deine und eure aurelie

  4. Hallo Daniel, das hört sich sehr gut an, was du schreibst. Es macht Sinn und trifft die Sehnsucht jedes Menschen, von Bedeutung zu sein und einen Beitrag leisten zu können. ICh mag den Gedanken auch sehr, dass wenn wir zusammen kommen, jeder etwas beizutragen hat. Und jetzt kommt mein Aber:
    In der Praxis hat das bei mir bisher nicht funktioniert. Ich habe einige Jahre in einer Lebensgemeinschaft Hauskreisarbeit und dort die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht so wenige Leute gibt, die nicht selbst aktiv werden sondern eingeladen werden möchten. Sie möchten eine Vorlage geliefert bekommen, auf der sie ihren eigenen Hintergrund und ihre aktuelle Situation reflektieren können. Ich finde das auch legitim. Aber mit solchen lieben Hauskreisteilnehmern ist nicht aktiv Demokratie zu machen. Nicht jeder fühlt sich in gleichem Maße für einen Abend verantwortlich und nicht jeder möchte gestalten.
    Ich finde, die Abende mit einer klaren Leitung waren die besseren.

  5. Danke für den Buchtipp – das sind sehr interessante Zitate.

    Ich denke, dass in dieser Beziehung die Kirche der Kultur der Welt hinterherhängt: Das Bild des Pfarrers/Gemeindeleiters als Superkompetenter Alles-Selber-Macher entspricht dem, wie früher Führung in der Wirtschaft gelebt wurde.

    In den letzten Jahren setzt sich – zumindest in den unteren Managementebenen – immer mehr durch, dass Führung eben zu einem großen Teil auch Ermöglichung bedeutet. Die Experten im Team haben meist mehr Ahnung von ihrem Thema als der Chef – das ist aber auch gut und gewollt so. Der Chef schafft den Rahmen, in dem die Experten effizient arbeiten können.

    Ein wenig bricht der Vergleich, wenn man sich fragt, wo die Ziele herkommen. Im Unternehmen steht im Vordergrund, vorgegebene Ziele zu erfüllen – darauf steuert das Team hin.

    In der Kirche gilt das zunächst einmal auch: Auch ein Hauskreis oder eine gesamte Gemeinde hat Ziele. Die Frage ist nur, wo kommen sie her? Im Idealfall sind alle hochmotiviert, entwickeln zusammen eine Zielvorstellung und ziehen an einem Strang. Aber Kathrin sprichts ja schon an: Schon bei der Frage nach dem Ziel ziehen sich viele gerne raus und wollen gar nicht nachdenken.

    Ich finde es unbedingt notwendig, dass wir zur Mitarbeit einladen, wie du es formulierst. Was aber eine „göttliche Demokratie“ nicht abschaffen kann, ist dass es viele gibt, die diese Einladung gar nicht annehmen wollen…

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