Mission

Gestern Abend las ich mit Interesse das Plädoyer von Helmut Schmidt an die Religionen, sich tatsächlich und endlich aktiv für Frieden einzusetzen. Das neue Buch von Schmidt, trägt den Titel »Religion in der Verantwortung. Gefährdungen des Friedens im Zeitalter der Globalisierung«, der auf mehreren Ebenen mein Interesse weckt. Bevor ich jedoch dazu kommen könnte das Buch zu lesen, kehre ich schnell zurück zu dem Thema, über das ich eigentlich schreiben wollte: Mission.

Ungefähr im letzten Drittel des Artikels spricht Schmidt davon, dass wir alle dazu aufgefordert sind die Aufklärung in unserer Kultur voranzutreiben, und dass Toleranz und der Wille zur Kooperation die wichtigsten Maxime der Weltpolitik seien. In diesem Zusammenhang kommt er schließlich auf Mission zu sprechen und schreibt:

Zugleich habe ich das Übel des Missionsgedankens begriffen. Wer Andersgläubigen seine eigene Religion aufdrängen will, der ruft zwangsläufig Konflikte und in manchen Fällen Kriege hervor.

Dieses Unbehagen mit dem Begriff »Mission« teile ich, auch wenn dieser Begriff in meinem Umfeld des Öfteren genannt wird, und von vielen positiv gefüllt zu sein scheint. Der Gedanke jemand anderen von seinen Positionen überzeugen zu wollen, trägt schnell überhebliche Züge. Es wird davon ausgegangen, dass man selbst die (überlegene) Wahrheit gefunden habe, und das Gegenüber diese Wahrheit am Besten (so schnell wie möglich) übernehmen sollte. Geht das Gegenüber seinerseits ebenfalls davon aus eine für ihn stimmige Wahrheit gefunden zu haben, ist ein potentieller Konflikt denkbar.

Bei David Bosch stieß ich letzte Woche auf eine denkwürdige Passage zum selben Thema:

The very word “mission” had an anti-Protestant ring to it; not least since the term “mission” in the sense of “propagation of the faith” first surfaced as designaton for the Jesuit settlements in northern Germany, where their task was to reconvert Protestants.

David Bosch, Transforming Mission, 462.

Er führt das Wort Mission im Sinne der Verkündigung des Glaubens auf den Versuch der Jesuiten zurück, die Protestanten im Norden Deutschlands wieder zum „wahren Glauben“ zurück zu bringen. Mir fiel dabei vor allem die Verwendung des Begriffs »anti« auf, denn das ist eine Atmosphäre, die im Zusammenhang mit Mission meiner Ansicht nach des Öfteren auftritt. Entweder wird von Seiten des „Missionierenden“ eine anti-Haltung eingenommen, oder aber das Gegenüber reagiert mit einer solchen Haltung gegenüber dem „Missionierenden“.

Es wird immer wieder versucht Mission vom »Sendungsgedanken« her zu füllen, und ihn im Zusammenhang mit Gottes Heilshandeln zu verbinden, dazu werde ich in nächster Zeit sicher auch noch etwas schreiben, heute ging es mir zunächst mal um Emotionen rund um den Begriff.

Was verbindet ihr mit dem Begriff »Mission«?

8 Reaktionen

  1. Hi Daniel,

    ich überzeichne mal: ich gehe davon aus, dass insbesondere in Freikirchen und ähnlichen Bekenntnisgemeinschaften ein Missionsverständnis im folgenden Sinne vorherrscht: Mission = Evangelisation = Bekehrungs-veranstaltung mit „Umkehrgebet“= mehr Leute, die das gleiche denken, wie ich/wir = so falsch kann ich/können wir ja nicht liegen.

    Zentral ist scheinbar der transformativ-metaphysische Akt der „Be-kehrung“. Von diesem Punkt an sind Menschen gerettet und gut (so lange sie sich den Regeln der jeweiligen Gruppe entsprechend verhalten). Mission complete.

    Alternative Idee: Kein Aufruf zur Umkehr, sondern Aufruf zur Mit-Suche nach Gott und Leben im Sinne Jesu: Friede, Gereichtigkeit (Vergebung, nicht Vergeltung) usw.

    Viele Grüße Nils

  2. Hi Daniel,

    Emotionen gibt es viele rund um diesen Begriff und wir immer sind die eigentlichen Fragen tiefer liegend und viele Ebenen sind angesprochen und verknüpft – es gibt kaum irgendjemand (ein Individuum, ein Staat, eine Institution), der nicht auf einer Mission ist, oder? Egal wie ihr Inhalt aussehen mag. Wenn man „das Medium ist die Botschaft“ ernst nimmt und die Tatsache, dass man nicht NICHT kommunizieren kann wird meine Art zu leben, meine Ansicht immer den anderen, der anderer Ansicht ist durch meine Existenz hinterfragen. Meine Lebensbotschaft also stellt die Frage wie der andere zu ihr steht. Positiv, Negativ, gleichgültig. Als soziale Wesen müssen wir uns in einem Chaos von Stimmen und Missionen orientieren und minütlich Entscheidungen treffen, ob die Mission der „Anderen“ mein Leben betrifft oder nicht. Ich kann Schmidts Aussage geschichtlich verstehen und teilen, will aber selbst meine Mission, genau wie meine Kommunikation umso deutlicher und vor allem gewaltfrei gestalten. Die Jesuiten oder die angesprochenen Religionskriege propagieren Überlegenheit und gewalttätige Mission (wie auch immer Gewalt in diesem Zusammenhang definiert sein mag, physisch, psychisch, intellektuell, …) In aller Demut muss ich mit Visser’t Hofft sagen, dass tolerant nur der sein kann, der einen festen Standpunkt eingenommen hat. Dieser feste Standpunkt kann beides sein: Positiver Dialogpartner oder kritisch zu hinterfragender Exklusivismus („ich habe Recht“).
    Mein Fazit und meine Emotionen zu Mission ist: Ich bin ich und zu mir gehört Kommunikation, durch das Medium meines Lebens und diese Kommunikation wird Ausdruck der Mission sein, der ich mich zugehörig fühle: Der Missio Dei. Das ich an dieser Mission nur unzureichend und mit dem Wenigen, das ich von ihr durchdrungen habe, angehören kann braucht kaum noch ausgesprochen zu werden. Dennoch bin und bleibe ich Missionierender im oben genannten Sinne. Ich bin versucht zu sagen: Hier stehe ich nun, ich kann nicht anders, bin mir aber mancher interessanter Konnotationen dieses Satzes bewusst. ;-)
    Soweit meine Assoziationen zu „Mission“.

  3. Danke sehr für eure Kommentare.

    Nils – Der Gedanke einer „Mit-Suche“, auf der man sich selbst befindet, scheint mir ein guter Ansatz zu sein. Daraus ergibt sich nur die Frage weshalb man dann den Begriff »Mission« noch benötigt, und wie bereit ich selbst bin zu lernen und zu finden – auch Dinge die auf den ersten Blick nicht in meine Sicht der Dinge passen.

    Björn – ich denke auch nicht, dass es falsch ist eine eigene Position zu haben, und in dieser Weise ein greifbarer Dialogpartner zu sein. Bei Mission sehe ich jedoch immer noch zur eigenen Position der Wunsch hinzukommen, dass der andere meine Position einnimmt, und das ist eine Aspekt, der zu der von dir beschriebenen Lebenswirkung hinzukommt, und genau diesen möchte ich in Frage stellen. Ob es tatsächlich möglich ist diesen Zusatzaspekt nicht zu haben (und hier meine ich wie du das gesamte Spektrum von Überzeugungen, nicht nur Religion und Christentum), bin ich mir noch nicht sicher, wie ich ihn jedoch auslebe wird sehr entscheidend sein.

  4. Ich denke das überzeugen anderer ist ein wesentlicher Teil der Überlebensstrategie von Religionen. Solange eine Religion dafür sorgt dass ihre Mitglieder missionieren und immer wieder neue Gläubige heranschaffen – ob nun durch die Zeugung von Kindern die indoktriniert werden, Kreuzzüge oder durch das „Wort“ – solange wird sie überleben.

    Alle Religionen die das nicht geschafft haben sind zum heutigen Tage ausgestorben. Alle die es geschafft haben haben sich durch stetige Verfeinerung der Strategien evolutionär entwickelt und sind eben darin sehr gut. Ich würde fast sagen wollen, hier gilt ähnlich wie in der Natur: „Survival of the fittest“.

    Wer nun versucht sein Missionieren so weit zu beschneiden dass er anderen seine Religion nicht aufzwingt, der schwächt die eigene Religion und gibt den Platz frei für die anderen Missionare, die die Chanse sicherlich beim Schopf packen werden.

  5. Danke für deinen Kommentar Jeena. Ich bin ein Skeptiker, was „Survival of the fittest“ angeht, was ja evolutionsbiologisch auch diskutiert wird. Auch wenn ich den Einwand der Schwächung der Religion in einer veränderten missionarischen Ausrichtung bedenkenswert finde, sehe ich darin jedoch auch Chancen im Sinne des Dialogs, der gegenseitigen Achtung und dem Willen der Kooperation zu einer gerechteren Welt beizutragen, und auf diesem Wege evtl. an etwas mit zu wirken, was das Gegeneinander und den Gedanken des Wachstums von Religionsgemeinschaften ausser Kraft setzt …

  6. Die negativen Konnotationen zum Begriff „Mission“ und „jemanden missionieren“ teile ich; ich vermute auch, sie sind in unserer Kultur gerade zu negativ besetzt, um sie überhaupt noch retten zu können. Momentan verwende ich für mich eher den Begriff des „Zeugnisses“, der das positive Anliegen aufnehmen kann, ohne historisch zu vorbelastet zu sein. (Ideal ist er aber auch nicht, jeder denkt zuerst mal an Schule und Zensuren, nicht so positiv…)

  7. Hallo Daniel,
    ich sehe deinen Eintrag und die Kommentare erst jetzt, weil ich die letzten Wochen wegen anderweitiger Arbeit meinen Feedreader vernachlässigt habe. Deshalb mit Verspätung ein Kommentar von mir.
    Ich finde es etwas sonderbar, ausgerechnet Helmut Schmidt hier als Kronzeugen für Toleranz zu finden, weil ich mich noch gut erinnern kann, wie er in den 1970/80er Jahren ziemlich ruppig seine Linie, auch gegen die SPD, durchgezogen hat (z.B. pro Nachrüstung) und als „Weltökonom“ sehr oberlehrerhaft allen erklärt hat, wie die Dinge „in Wirklichkeit“ liegen.
    Nun kann man natürlich vermuten, er habe jetzt eine gewisse Altersmilde/weisheit erreicht. Ich habe aber eine andere Vermutung.
    Schmidt war schon immer bemüht, die Religion aus der Politik usw. rauszuhalten und für politische Sachentscheidungen allein die (seine) „Vernunft“ zu reklamieren. Religiöse Fragen werden damit in den Bereich der privaten Beliebigkeit verdrängt. Sie sind per definitionem irrational und sollten nicht in den öffentlichen Diskurs einfließen und erst recht keinen Wahrheitsanspruch erheben. Auf dieser Linie sehe ich auch seine von dir zitierte Äußerung. Denn dann ist es natürlich nur konsequent, dass Religionen nicht missionieren sollten (das würde ja einen Wahrheitsanspruch signalisieren, der das Schmidtsche Deutungsmonopol ankratzen könnte).
    Der innere Widerspruch dabei: aber für den Frieden sollen sie sich einsetzen – ist das nicht auch eine Art Mission? Kommt man da nicht auch in Gefahr, manchen Leuten (z.B. rechten Falken) etwas „aufzudrängen“, was sie gar nicht wollen, und wogegen sie sich ja auch heftig wehren?
    Ich halte das alles für einen sehr bürgerlichen Zugang zur Religion (so wie die Holländer früher auch immer sehr tolerant waren, weil dann die Religion die Geschäfte nicht störte).
    Ich verstehe schon, dass es sehr unsympathische Formen von Mission gibt. Und ich verstehe, dass es Menschen gibt, die in einer Umgebung sozialisiert worden sind, wo diese Formen das Normale waren, und die deshalb mit dem Wort nichts Gutes verbinden. Ich würde mich auch nicht sträuben, dieses belastete Wort außer Gebrauch zu setzen. Ich halte da persönlich auf keiner Seite irgendwelche Aktien.
    Nur damit bleibt ja die Sachfrage: ist es erlaubt, eine Meinung, Position, Überzeugung – was auch immer -, von der man persönlich überzeugt ist, dass sie gut begründet und nicht widerlegt ist, so zu vertreten, dass man sich erhofft, dass anderen diese Meinung einleuchtet und sie sie übernehmen? Also so, dass dieser Effekt nicht nur zufällig passiert, sondern dass man sich das wünscht und etwas dafür tut, dass es geschieht?
    Welche Formen und Methoden dann erlaubt oder verboten sind, ist sicher eine ausführliche Diskussion wert. Nur die kann man sich sparen, wenn man es sowieso grundsätzlich für illegitim erklärt, andere überzeugen zu wollen. Aber dafür ist Helmut Schmidt eigentlich kein Kronzeuge. Ich vermute, seiner Meinung nach ist es vielleicht für Religionen illegitim, andere zu ihrer Überzeugung bekehren zu wollen. Für Helmut Schmidt selbst ist es sicherlich (seiner Überzeugung nach) erlaubt.
    Herzliche Grüße!
    Walter

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