Hallo Daniel,
ich sehe deinen Eintrag und die Kommentare erst jetzt, weil ich die letzten Wochen wegen anderweitiger Arbeit meinen Feedreader vernachlässigt habe. Deshalb mit Verspätung ein Kommentar von mir.
Ich finde es etwas sonderbar, ausgerechnet Helmut Schmidt hier als Kronzeugen für Toleranz zu finden, weil ich mich noch gut erinnern kann, wie er in den 1970/80er Jahren ziemlich ruppig seine Linie, auch gegen die SPD, durchgezogen hat (z.B. pro Nachrüstung) und als „Weltökonom“ sehr oberlehrerhaft allen erklärt hat, wie die Dinge „in Wirklichkeit“ liegen.
Nun kann man natürlich vermuten, er habe jetzt eine gewisse Altersmilde/weisheit erreicht. Ich habe aber eine andere Vermutung.
Schmidt war schon immer bemüht, die Religion aus der Politik usw. rauszuhalten und für politische Sachentscheidungen allein die (seine) „Vernunft“ zu reklamieren. Religiöse Fragen werden damit in den Bereich der privaten Beliebigkeit verdrängt. Sie sind per definitionem irrational und sollten nicht in den öffentlichen Diskurs einfließen und erst recht keinen Wahrheitsanspruch erheben. Auf dieser Linie sehe ich auch seine von dir zitierte Äußerung. Denn dann ist es natürlich nur konsequent, dass Religionen nicht missionieren sollten (das würde ja einen Wahrheitsanspruch signalisieren, der das Schmidtsche Deutungsmonopol ankratzen könnte).
Der innere Widerspruch dabei: aber für den Frieden sollen sie sich einsetzen – ist das nicht auch eine Art Mission? Kommt man da nicht auch in Gefahr, manchen Leuten (z.B. rechten Falken) etwas „aufzudrängen“, was sie gar nicht wollen, und wogegen sie sich ja auch heftig wehren?
Ich halte das alles für einen sehr bürgerlichen Zugang zur Religion (so wie die Holländer früher auch immer sehr tolerant waren, weil dann die Religion die Geschäfte nicht störte).
Ich verstehe schon, dass es sehr unsympathische Formen von Mission gibt. Und ich verstehe, dass es Menschen gibt, die in einer Umgebung sozialisiert worden sind, wo diese Formen das Normale waren, und die deshalb mit dem Wort nichts Gutes verbinden. Ich würde mich auch nicht sträuben, dieses belastete Wort außer Gebrauch zu setzen. Ich halte da persönlich auf keiner Seite irgendwelche Aktien.
Nur damit bleibt ja die Sachfrage: ist es erlaubt, eine Meinung, Position, Überzeugung – was auch immer -, von der man persönlich überzeugt ist, dass sie gut begründet und nicht widerlegt ist, so zu vertreten, dass man sich erhofft, dass anderen diese Meinung einleuchtet und sie sie übernehmen? Also so, dass dieser Effekt nicht nur zufällig passiert, sondern dass man sich das wünscht und etwas dafür tut, dass es geschieht?
Welche Formen und Methoden dann erlaubt oder verboten sind, ist sicher eine ausführliche Diskussion wert. Nur die kann man sich sparen, wenn man es sowieso grundsätzlich für illegitim erklärt, andere überzeugen zu wollen. Aber dafür ist Helmut Schmidt eigentlich kein Kronzeuge. Ich vermute, seiner Meinung nach ist es vielleicht für Religionen illegitim, andere zu ihrer Überzeugung bekehren zu wollen. Für Helmut Schmidt selbst ist es sicherlich (seiner Überzeugung nach) erlaubt.
Herzliche Grüße!
Walter