Nein zu allem

In seiner Žižek-Einführung beschreibt Richard Heil sehr treffend die Bedeutung des Negativitätsbegriffs, der als Dreh- und Angelpunkt von Žižeks Denken verstanden werden kann:

Mit dem Begriff der Negativität ist für Žižek die Möglichkeit der Aussetzung des Bestehenden verbunden. Damit etwas wirklich Neues entstehen kann, muss erst das Alte beseitigt werden.

Eine einfache Verneinung (Negation) reicht dazu nicht aus, da sie innerhalb des Bestehenden bleibt, da sie nicht das Ganze, sondern nur Teile des Ganzen verneint. Richtet man sich beispielsweise nur gegen bestimmte, als Exzess auftretende Phänomene des Kapitalismus, so berührt das nicht die kapitalistische Gesellschaftsordnung als ganze. Eine einfache Verneinung bleibt immer abhängig von dem, was sie verneint.

Ein Arbeiter, der sich eine Welt ohne Kapitalisten vorstellt, aber sich selbst in dieser Vorstellung weiterhin als Arbeiter sieht, hat den bestehenden Rahmen nicht überschritten, da er nicht realisiert, dass seine Identität als Arbeiter von der Unterscheidung Arbeiter und Kapitalist abhängig ist.

Es reicht nicht aus, nur eine Sache der Dichotomie zu verneinen, verneint werden muss vielmehr der Rahmen, in dem diese Dichotomie formuliert wird. Erst die Überwindung des Rahmens ermöglicht eine wirkliche Veränderung. Žižek geht es nicht um ein „Nein zu etwas“, sondern um das „Nein zu allem“.

Durch die Verschiebung des Rahmens löst sich das Problem im genannten Beispiel von selbst; im Rahmen einer klassenlosen Gesellschaft ist es gar nicht möglich, Arbeiter und Bourgeois gegenüberzustellen.

Reinhard Heil, Zur Aktualität von Slavoj Žižek, 9.

4 Reaktionen

  1. oh das nein zu allem…ok dann ist wenn es Žižek wirklich darum geht auch das nein zu hinterfragen und ist dann nicht auch alles im hier und jetzt zu verneinen und damit stellet sich die frage des warum?…

    ich finde den „denkansatz“ ja prinzipiell ok aber ein „radikaler“ ansatz für meist doch eher ins nichts…halt dann sind wir wieder beim ausgangspunkt ist es vielleicht das was Žižek bezweckt?

    nun hab ich eine denksportaufgabe danke daniel

    gruß vom doc
    martin

  2. Das ist einer der Gründe, warum ich es aufgegeben habe, innerhalb von bestehenden Gemeinden nach neuen Ansätzen von Kirche zu suchen. Man findet dort nur, was man schon kennt.

  3. Ja das ist interessant und man kann das noch ergänzt mit der anderen Zizek Einführung (Zizek and theology), wo es über das „Warten auf den Heiligen Geist“ geht.
    Deshalb windet sich Zizek positiv zu sagen, worauf er hinauswill (auch wenn es jetzt nicht so schwer zu formulieren wäre): weil man sonst immer im Rahmen der symbolischen Ordnung bleibt und Zizeks Platz wäre heute: „Kapitalismuskritiker“ „Neomarxist“ und „Popstar-Philosoph“. Eigentlich sucht er nach einer Bewegung, wo tatsächlich „von unten“ etwas radikales passiert, eine wirkliche Tat die den Rahmen verändert. Aber er findet sie noch nciht wirklich (die Idee ist ja, dass man in den Slums der großen Städte eines Tages fündig wird).
    Wobei ich auch die Übertragung auf Gemeinde interessant finde. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum wir -obwohl es wirklich um eine Praxis vor Ort geht – so zurückhaltend sein müssen damit, Modelle und Konzepte zu entwickeln.

  4. Danke für eure Kommentare.

    Interessant ist tatsächlich, dass das »Nein zu allem« scheinbar in die Aporie führt, und keine (naheliegenden) Lösungen mehr bleiben. Der radikale Ansatz den Rahmen zu verlassen – so er denn möglich ist – bewahrt uns davor schnelle Lösungen und Modelle zu favorisieren, fordert uns jedoch auch zum Aushalten von einer Menge Ungewissheit und Negation heraus …

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