liebenswert

Aus der Einleitung in das Werk Žižeks möchte ich heute nochmals einen Gedankensplitter zitieren. Ich stieß auf ihn im Abschnitt über die Intersubjektivität des Phantasmas.

Žižek folgt in seiner Sicht des Subjekts Lacan, der das Subjekt $ als durchgestrichenes Subjekt, als Subjekt mit einem Mangel, versteht. Das Phantasma hat eine intersubjektive Struktur, es schafft das Objekt klein a (objet petit a). Dieses Objekt klein a ist die Antwort auf die hysterische Frage was ich für den anderen darstelle, was der andere wirklich möchte. Es verleiht dem Subjekt minimale Identität und verdeckt den Umstand, dass das Subjekt und der Andere unvollständig sind. Insofern sagt mir das Phantasma wer ich bin, es „erzeugt ein nicht fassbares Objekt (objet petit a), das für das einsteht, was an mir selbst mehr ist als ich beschreiben kann.“ (Heil, 72.)

Diesen Gedankengang verdeutlicht Heil an folgendem Beispiel:

Einem Liebenden ist es beispielsweise nicht möglich, zu sagen, warum er jemanden liebt. Alle Antworten auf die Frage „Warum liebst du sie/ihn?“ bleiben unvollständig. Ob man jemanden liebt oder nicht, lässt sich nicht auf bestimmte Eigenschaften zurückführen.

Eine Eigenschaft des Anderen wird liebenswert weil man ihn liebt und nicht weil sie per se liebenswert wäre.

Lieben bedeutet dem Anderen das zu geben, was man selbst nicht besitzt, das objet petit a. In der Liebe ergänzen sich nicht zwei Partner zu einem Ganzen, sondern verdecken jeweils den Mangel im anderen. Es finden sich nicht zwei verlorene Hälften zu einem harmonischen Ganzen zusammen, vielmehr treffen zwei qua ihrer Struktur unvollständige Subjekte aufeinander und versichern einander vollständig zu sein, geben sich gegenseitig eine Identität.

Reinhard Heil, Zur Aktualität von Slavoj Žižek, 72.

Das Subjekt $, wie hier beschrieben mit einem Mangel anzunehmen, der durch das Phantasma in der Begegnung mit einem Gegenüber um das Objekt klein a ergänzt wird ist meiner Ansicht nach eine gute Ergänzung zur Annahme der Identität als »bewegliches Fest«: „Was wir als unsere Identität, unsere Persönlichkeit beschrieben, ist ein fragiles Gebilde, welches seine Entstehung gerade dem Umstand verdankt, dass wir keine Identität als solche besitzen.“ (Heil, 72)

2 Reaktionen

  1. Ja ich fand das das hilfreichste Kapitel des Buchs. Vor allem hat es mir auch das Objekt a und seine Beziehung zum Begehren angetan. Heil definiert das Objekt a als die Objektursache des Begehrens. Das Begehren ist irgendwie immer im Modus der Nostalgie: es trauert etwas nach, dass es nie bessesen hat und das ist dann das Objekt a.
    Das heißt: wenn du verstehen willst, wie jemand „tickt“, dann Frage: was ist sein Objekt a, wonach ist er auf der Suche. Was fehlt ihm? Die Beispiele sind ja ganz gut: von der verlorenen Unschuld der Kindheit bis zum Mythos vom guten Sex oder der verlorenen Intimität mit Gott. Wir haben quasi einen unstillbaren Mangel in uns, weil wir einfach unvollständig sind und diesen Mangel und wir denken fälschlicherweise, dass es einmal eine Zeit/einen Ort gab, wo wir diesen Mangel nicht kannten und das bezeichnet das Objekt a. Aber ich hab immer noch das Gefühl, noch nicht ganz durchgedrungen zu sein zu Lacan/Zizek….

  2. Den Heil kenne ich nicht, kann aber als Einführung in seine Lacan-Arbeit Zizeks Merve-Büchlein „Liebe Dein Symptom wie dich selbst!“ empfehlen.

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