nachhaltiger Selbstbetrug

Gestern Abend las ich einen sehr guten Artikel von Armin Grunwald auf GEO.de: Der kollektive Selbstbetrug. Und da er viele Aspekte wunderbar auf den Punkt bringt, über die ich mir in letzter Zeit vermehrt Gedanken mache, wies ich via Twitter darauf hin, und möchte den Artikel auch an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen.

Grunwald vertritt, soweit ich ihn verstehe, die These, dass die Betonung auf strategischen Konsum und die Verantwortung des Einzelnen die Welt nicht nachhaltiger macht. Daher bezeichnet er die Anstrengungen das eigene Leben nachhaltiger zu gestalten – Energie zu sparen, auf Erzeugnisse aus ökologischer Landwirtschaft zu setzen, den Müll zu trennen usw. – als Selbstbetrug. Zum einen hat dies damit zu tun, dass ein solcher Lebensstil bisher nur bei einem sehr geringen Teil der Menschen angekommen ist, und viele andere weiter genüsslich Ressourcen verschwenden, zum anderen, und wichtiger noch, ruht sich Politik und Industrie auf der Verantwortung des Einzelnen aus, und ändert nichts am System.

An dieser Stelle wurde ich an den radikalen Ansatz von Žižeks erinnert. Dieser fordert radikale Revolutionen und sieht in sanften Reformen keine Verbesserung, sondern sogar noch eine Verschlechterung der Situation. Bezüglich des strategischen Konsums spricht Žižeks davon, dass dieser sich nur darum kümmert dem Kapitalismus ein menschliches Gesicht zu verleihen, und nicht das unterdrückerische System des Kapitalismus als Ganzes abzuschaffen. Eine Umwälzung des Systems ist notwendig. Grunewald spricht sich für mehr politisches Engagement aus, und drückt das folgendermaßen aus:

Das heisst nun nicht, dass die Einzelnen in diesem Geschehen keinen Platz oder keinen Auftrag hätten, dass sie keine Verantwortung trügen. Im Gegenteil. Individuelle Einflussnahme erstreckt sich jedoch weniger auf das private Umweltverhalten, sondern vielmehr auf die politische Dimension. Als Bürger ihrer Gemeinwesen sind Individuen auch politische Akteure. Statt sich allein auf Mülltrennung und nachhaltigen Konsum zu konzentrieren, sollten sie sich auch politisch und gesellschaftlich engagieren – damit die Institutionen, Strukturen und Teilsysteme der Gesellschaft in eine Richtung „gedrängt“ werden, die mit dem Leitbild der Nachhaltigkeit kompatibel ist. Wenn das Wort zutrifft, der Konsument sei ein „schlafender Riese“, dann stimmt das in dem Sinn, dass er schläft – und sein Potenzial für politische Mitbestimmung ignoriert.

GEO.de – Armin Grunwald, Der kollektive Selbstbetrug.

Aus meiner Sicht wird Grunwald falsch verstanden, wenn der individuelle Einsatz für Nachhaltigkeit in Abrede gestellt wird. Wichtig ist ihm jedoch, dass nicht auf „religiöse Weise“ einige den Konsum betreffenden Parameter verstellt werden, und dadurch das Gefühl entsteht die Welt grüner zu machen.

3 Reaktionen

  1. Danke. Gute Gedanken.

    Allerdings würde ich es nicht wie Grunwald auf den Dualismus Anstrengung Einzelner vs. Veränderung der Institutionen beschränken wollen. Für mich gibt es da kein Entweder-Oder, eher ein Sowohl-als-auch-und-noch-mehr: Veränderung muss auf allen drei Ebenen geschehen, um nachhaltig zu wirken. Auch die mittlere Ebene zwischen Einzelnen und Institutionen (Gemeinschaften, Gruppen von Menschen, Netzwerke, Kirchengemeinden,…) trägt ganz eigene Dynamiken und damit erhebliches Veränderungs- und Anschubpotenzial in sich.

    Oder meint Grunwald das mit dem Begriff „Teilsysteme der Gesellschaft“? Das wird für mich nicht deutlich. Er kritisiert zwar sehr konkret die Anstrengungen Einzelner, seine Lösungsvorschläge bleiben aber recht inkonkret, wie ich finde.

  2. Danke für deine Antwort.

    Aus meiner Sicht kritisiert er vor allem den Gedanken, dass das Individuum den entscheidenden Einfluss hat. Im Sinne von »Nachhaltigkeit selber machen«. Dieser Gedanke kann ja dazu führen, dass das System sich nicht verändern muss, da Politik und Wirtschaft weiter macht wie bisher, und sich freuen und es noch unterstützen, dass die Einzelnen nachhaltig konsumieren. Dafür schaffen sie dann noch extra Produkte und ermutigen zu strategischem Konsum … Das System an sich lassen sie jedoch unverändert. Oder?

  3. Da stimme ich dir zu. Allein der paradoxe Begriff „nachhaltig konsumieren“ zeigt, dass da was durcheinander geraten sein muss. Wie kann man bitte „nachhaltig verbrauchen“?!

    Dennoch wage ich mal ganz optimistisch die These, dass sich unsere Gesellschaft auch gerade an einem Wendepunkt befinden könnte:
    Wenn versucht wird, ein neues System (Nachhaltigkeit) mit einem alten (Konsum) zu verbinden, zeigt das doch zumindest, dass das alte System (Konsum) bröckelt, in unserer Gesellschaft nicht mehr als angemessen betrachtet wird und man sich auf der Suche nach etwas Besserem befindet.

    Wobei ich auch immer fragen würde, was überhaupt mit Nachhaltigkeit gemeint ist bei dem inflationären Gebrauch heute…

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