Richard Rohr in Erlangen

Ich befinde mich gerade im Zug von Erlangen nach Hause. In Erlangen war ich bei einer Veranstaltung mit Richard Rohr. Peter Aschoff hatte ihn eingeladen, und in einer Kooperation von Elia Gemeinschaft, der evanglischen St.Markus-Gemeinde und Emergent Deutschland einen Vortrag mit ihm zum Thema »emerging Christianity« organisiert.

Richard charakterisierte die emergente Bewegung anhand von vier Stuhlbeinen.

1. Ernsthaftes Jesus-Studium

Das erste Stuhlbein beschrieb er als ernsthaftes Jesus-Studium. Seiner Ansicht nach zeichnet die emergente Bewegung ein Jesus-Studium aus, das danach sucht was über Jesus ausgesagt wird, und bereit ist ohne Denkverbote auch Aussagen über Jesus anzunehmen, die den eigenen Vorstellungen und Annahmen widersprechen. Dadurch, dass immer mehr Menschen solche Studien durchführen, nicht nur die klassischen Theologiestudenten, entsteht ein weiteres Bild dessen, was über Jesus gesagt wird.

2. Was will das Evangelium sagen?

Im Zuge der ernsthaften Jesus-Studien wurden einige blinde Flecke der Theologie deutlich. Daraus entstand ein neues Suchen danach, was das Evangelium bedeutet. Einen dieser blinden Flecken umriss er mit einigen Gedanken zu den Auswirkungen auf die so genannten Konstantinischen Wende, in deren Zuge das Christentum von den Verfolgten auf die Seite derer wechselte die Macht hatten. Durch diese Entwicklungen verschoben sich einige wichtige Parameter, die es wieder neu zu justieren gilt.

3. Nicht-Duales-Denken

3. Nicht-Duales-Denken

Das dritte Stuhlbein führte er am weitesten aus. Er sprach davon, dass es für eine Bewegung notwenig ist, sich nicht auf duales Denken reduzieren zu lassen. In seinem aktuellen Buch »Die pure Präsenz« schreibt er darüber, dass Kontemplation ein geeigneter Weg ist Nicht-Duales-Denken einzuüben. Er kennzeichnet diese Denkweise damit, dass nicht argumentativ gedacht wird, was uns jedoch am leichtesten fällt. Wenn wir einer Person oder einer Situation begegnen analysieren wir diese normalerweise. Wir nehmen das an, was uns naheliegt und bewerten es positiv, fremdes dagegen werten wir negativ. Mit dieser Bewertung teilen wir die Welt ein. Nehmen wir einen Augenblick jedoch kontemplativ war, achten wir auf das was da ist, und lassen es als das was ist stehen. Der Weg der Kontemplation lehrt uns diese Wahrnehmung des Augenblicks. Dadurch kann es uns möglich werden die Welt nicht in Lager zu unterteilen, sondern in einem Prozess der Transformation zu bleiben. Auf der einen Seite charakterisiert er die emergente Bewegung als eine Bewegung, die dies kennzeichnet, auf der anderen Seite spricht er davon, wie wichtig es ist, dass die emergente Bewegung in diesem Prozess der kontemplativen Transformation der Denkweise bleibt und diese weiter vertieft.

4. Was sind Strukturen und Formen von Gemeinschaft die für emergentes Leben wichtig sind?

Als viertes Stuhlbein bezeichnet er die Frage nach Möglichkeiten der Versammlung. Wie können sich Leute auf eine positive und glaubensvolle Art versammeln? In diesem Zusammenhang ging er auf Spiral Dynamics ein, einem Verständnis der Entwicklung menschlichen Bewusstseins, das auf unterschiedliche Bereiche angewandt werden kann. Interessant an diesem Verständnis ist, dass sich auf der unteren Ebene duales Denken – entweder oder – findet, und auf der oberen Ebene von einem Nicht-Dualen-Denken – sowohl als auch – die Rede ist. Nach diesem Verständnis kann eine Institution nicht über Ebene 4 hinausgehen. Aus seiner Sicht hilft dieses Verständnis auch dabei realistisch zu sein, und im Umgang mit Institutionen – beispielsweise der verfassten Kirche – nicht bitter zu werden. Eine Institution kann nur das leisten was eine Institution leisten kann, und das macht sie gut. Andere Bereiche müssen jedoch von anderen Menschen und Bewegungen ausgefüllt werden. In diesem Zusammenhang weist er auf einen sehr guten Gedanken des Heiligen Franziskus hin: »Die beste Kritik des Schlechten ist die Praxis des Guten.« Wichtig ist, dass du tust was du tust. Handle nicht reaktiv und negativ auf Missstände, sondern tue das in dem du gut bist. Für ihn ist dies ein Zeichen dafür reif zu sein.

Zum Schluss seines Vortrages kam er nochmals auf einen grundlegenden Aspekt der emergenten Bewegung zu sprechen. Die emergente Bewegung wird nicht von einer Zentrale aus gesteuert. Sie kommt nicht von oben – von den Chefs aus einem Büro in New York – nach unten, sie wird nicht von außen nach innen getragen. Vielmehr tauchen die Fragen von unten auf, kommen an die Oberfläche. Sie bahnen sich ihren Weg von Innen. Er sieht auf der ganzen Welt ähnliche Fragen auftauchen, und sieht darin ein Wirken des Heiligen Geistes. Auf diese Weise stellen einige Menschen fest, wenn sie auf andere mit ähnlichen Fragen treffen, dass diese emergente Bewegung sie verbindet. Es handelt sich nicht um ein Etikett, eine Denomination. Gerade darin sieht er auch eine große Chance, da die emergente Bewegung ihre Energie nicht darauf konzentrieren muss denominationale Strukturen aufzubauen, sondern auf integrative Weise unterschiedlicheste Menschen mit ähnlichen Fragen zu versammeln, und dadurch einen Raum zu eröffnen in dem sich eine neue Art Christsein entwickeln kann. Seine Hoffnung scheint sich diesbezüglich vor allem in einer Stärkung der kontemplativen Sicht der Welt, und damit auch einem auf Gerechtigkeit ausgerichteten Handeln zu fokussieren.

Der Vortrag wurde aufgenommen. Wenn die Qualität der Aufnahme gut ist, werden wir sie über das Blog von Emergent Deutschland veröffentlichen. Dann könnt ihr auch all das hören was ich vergessen habe zu notieren …

Update: Nach dem Klick gibt’s den Video-Mitschnitt …

1 Reaktion

  1. Oh, an einer Aufnahme wäre ich auch sehr interessiert. Ich denke schon länger über die Rolle der Kontemplation in einer emergenten Umgebung nach, das passt ja perfekt.

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