Vorurteil

Im vierten Teil des Buches »Allah: A Christian Response« geht Miroslav Volf darauf ein, wie Muslime und Christen unter einem Dach zusammenleben können. Gestern hat Peter etwas zum Thema hybride Religiösität geschrieben, und sich dabei auf Kapitel 10 des Buches bezogen. In Kapitel 11 schreibt Volf über Vorurteile, Mission und gemeinsames Handeln. An dieser Stelle möchte ich einen seiner Gedanken zu Vorurteilen aufgreifen, auch deswegen weil ich sie auf andere Felder des alltäglichen Lebens für übertragbar halte.

Vorurteile sind Fehler, die auf Ignoranz, Selbsteingenommenheit, Feindseligkeit und Angst basieren – Haltungen, die mit einer aktiven Nächstenliebe unvereinbar sind, diese jedoch wird Muslimen und Christen von ihrem gemeinsamen Gott auferlegt.

Miroslav Volf, Allah: A Christian Response, 203.

An diesem Zitat wird schnell deutlich, dass Volf in den vorangegangenen Kapiteln bereits mehrere Grundlagen gelegt hat, von denen er nun ausgeht – zum einen gehört die Annahme dazu, dass Muslime und Christen denselben Gott anbeten, und zum anderen steht, nach Volf, das Doppelgebot der Liebe in beiden Religionen im Zentrum. Auf dieser Basis also argumentiert er für ein Zusammenleben von Muslimen und Christen.

Vorurteile lassen sich nach Volf vor allem durch Wissen überwinden. Dabei handelt sich nicht um ein technisches Wissen um den Glauben des anderen, sondern vor allem um das Wahrnehmen seiner Gefühle, Hoffnungen, Verletzungen und Siege. Das Erlangen eines solchen Wissens gestaltet sich jedoch schwierig, da es nicht leicht ist Wissen von Meinung zu unterscheiden. Jedes Wissen wird durch Interessen geleitet, und ist somit immer eingefärbt. Aus diesem Grund verweist er auf den Ansatz der »doppelten Sicht«, den er in »Exclusion and Embrace« dargelegt hat. Dieser Ansatz sieht vor, dass sowohl der eigene, als auch der Blickwinkel des Gegenübers eingenommen werden sollte, um eine Situation wahrzunehmen. Aus der eigenen Sicht betrachten wir alles, diese jedoch zu reflektieren und die des anderen Einzunehmen stellt den Gewinn dieses Ansatzes dar.

  1. Nimm wahr wie du dich selbst und den anderen siehst.
  2. Tritt in deiner Vorstellung aus dir heraus und tauche in die Welt des anderen ein.
  3. Beobachte sowohl dich als auch den anderen mit den Augen des anderen.
  4. Gehe zu dir zurück und vergleiche deine Entdeckungen.
  5. Wiederhole den Prozess.

Dieser Ansatz hat nicht zum Ziel herauszufinden wer recht hat, es geht vielmehr darum wahr zu nehmen was die Beteiligten mit ihren Positionen und Handlungen meinen.

Dieses Vorgehen erinnert mich an die teilnehmende Beobachtung der Soziologie, die nicht so sehr darauf aus ist zu bewerten, sondern wahr zu nehmen und aus der Sicht der Beteiligten zu verstehen. Dabei erscheint mir eine Haltung wichtig, die nicht von vornherein wertend wahrnimmt, sondern zunächst dem Gegenüber Raum einräumt.

Empathie scheint ein Stichwort, das für diese Art der Begegnung wichtig ist. Wie bei anderen Ansätzen, die dem Gegenüber Raum einräumen, und danach suchen ihn in seinen eigenen Annahmen zu verstehen, ist hier die Fähigkeit und das Engagement wichtig, sich in das Gegenüber zu versetzen und möglichst ohne zu werten wahr zu nehmen.

Durch die Lektüre unterschiedlicher Gedankenanstösse in diese Richtung und eine Reflexion meines eigenen Verhaltens, ist mir in den letzten Tagen erneut bewusst geworden, wie wichtig es für mich ist, gerade eine solche Haltung gegenüber anderen wieder neu zu erlernen …

2 Reaktionen

  1. Vielen interessante Gedanken, die Du mit uns teilst Daniel. Das Stichwort „Empathie“ kenne ich sehr gut von meiner Ausbildung zum Erzieher und aus diversen Lektüren buddistischer Lehren. Natürlich auch aus diversen Bibelstellen, da kann ich aber keine zitieren.

    Aus meiner Sicht sind Vorurteile eine von vielen Kategorisierungen, die wir im täglichen Leben miteinander gebrauchen. Es sind (destruktive) Lösungen, die wir suchen, um den Nächsten in unseren Maßstäben einzuordnen, denn wir nehmen die Welt immer nur mit unseren Maßstäben war.

    Da ist die Übung der Empathie bzw. die Punkte die oben aufgezählt wurden konträr dazu, denn wir legen unsere Maßsstäbe & Kategorien zur Seite und versuchen, die Welt mit den Augen des Anderen zu sehen.

    Doch sowas ist anstrengend und konfrontiert uns als Erstes wieder mit uns selbst. Vorurteile entstehen von alleine, Empathie ist „Arbeit“. Dringende Arbeit, denn sie ermöglicht das Zusammen-leben auch unter gemeinsamen Wertvorstellungen, wo wir dann wieder beim Thema Muslime & Christen wären. ;)

  2. Mich würde interessieren was hier unter Zusammenleben verstanden wird. Es lest sich wohl nicht abstreiten das sich der Glaube von Christen und Muslimen sehr unterscheiden. Wer sich schon einmal mehr mit dem Islam beschäftigt hat und Muslimen im Gespräch begegnet ist. Wird feststellen müssen das für einen Muslim jede Begegnung mit einem anders Gläubigen immer auch ein „dschihad“ darstellt. Hier muss man aufpassen das man dies nicht automatisch mit denn Kriegerischen Handlungen Radikaler Muslime gleichsetzt. Als „dschihad“ wird auch der Kampf im Wort verstanden, im Sinne von Mission / Überzeugen im Gespräch.

    Ich halte es für richtig sich auf mein Gegenüber einzulassen. Sollte dabei aber nicht versuchen mich selber aufzulösen, sondern dazu zu lernen und am Wissen und der Sicht des anderen zu wachsen.

    Danke Daniel für deinen Blog bei all dem Nonsens dem man hier im Netz begegnet ist er eine erfrischende Abwechslung.

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