Verlassenheit und Verlust

Unter der Überschrift »To Believe is Human; To Doubt, Divine« geht Peter Rollins im zweiter Kapitel von Insurrection auf die Gottverlassenheit Christi am Kreuz ein. In diesem Ereignis verliert Christus Gott. Sich auf Gott als eine Macht ausserhalb zu beziehen endet am Kreuz. Dieser Verlust bezieht sich jedoch nicht nur auf etwas äußerliches, sondern hat tiefe Auswirkungen auf uns selbst.

Erst wenn wir das Kreuz als ein Ereignis betrachten, an dem Gott alles verliert, erhaschen wir einen Blick auf die wirkliche theologische Bedeutung dieses Ereignisses: Am Kreuz verliert Gott die Sicherheit Gottes.

»This is a profound personal, painful, and existential atheism. Not an atheism that arises from some rational reflection upon an absence of divinity but rather one that wells up from the trauma of personally experiencing that absence.«

Peter Rollins, Insurrection, Page 20 (Position 590).

Die Crux der Kreuzigung liegt in der erfahrene Gottesferne. Die Kirche versucht ihr Bestes um diese Gottesferne zu verharmlosen. Sie erfindet Mythen um die Risse der Unsicherheit zu überdecken, und zu suggerieren dass alles ok sei. Auf diese Weise wird der Skandal des Kreuzes vereitelt.

Die Kreuzigung steht in krassem Gegensatz zu solchen Mythen. Sie ist eine Reflektion der Erfahrung in der wir jedes Gefühl der Verbundenheit mit einer höheren Wahrheit oder Realität verlieren. Im Ereignis der Kreuzigung fällt all das, was uns Sicheheit gibt in sich zusammen. Dieser Verlust wird zum zentralen Element des Glaubens.

Im weiteren Verlauf unterscheidet er zwei Arten des Opfers. In Gethsemane ist Jesus bereit alles für Gott aufzugeben – die erste Art des Opfers (sacrifice for religion). Am Kreuz jedoch verliert Christus alles, auch Gott – das ist die zweite Art des Opfers (sacrifice of religion).

»What is lost here is a way of relating to God as deus ex machina, as some being “out there” who ensures life makes sense.«

Peter Rollins, Insurrection, Page 27 (Position 466).

Die Frage nach einer höheren Macht wird meist in Extremsituationen gestellt – Wo war Gott im Holocaust? Anhand einer Erählung von Elie Wiesel erläutert er eine andere Art diese Frage zu stellen. Im Anblick eines Kindes am Galgen werden Rufe danach laut wo Gott sei. Er ist dort, hängt an diesem Galgen. Er leidet. Er ist das Kind, das hier ermordet wird.

»In the sacrifice of religion, we lose all the security that any deus ex machina might provide for us. In this dark hour, when the very earth beneath us gives way, we experience utter desolation.«

Peter Rollins, Insurrection, Page 27 (Position 466).

Für Rollins ist es – in Anlehnung an das vorangegangene Kapitel – wichtig zu betonen, dass wir mit dem Deus ex Machina nichts verlieren was ausserhalb von uns zu verorten wäre, sondern etwas was zutiefst zu uns gehört.

»When we are ripped away from the political, social, and spiritual structures that define us, we are really being ripped away from that which we help sustain, that which is both part of us and bears down on us. The deus ex machina is an idol of our creation. And when we strike at it, we strike at ourselves.

Is this not what we see taking place on the Cross? As Christ is cut off from his own essence, so our loss of the religious God is not the loss of some foreign power external to ourselves, but instead a loss of that which is fully us.«

Peter Rollins, Insurrection, Page 35 (Position 590).

Rollins zeichnet eine Analogie zwischen dem Kreuzigungserlebnis und der Nachfolge. In Anlehnung an die Aussage Jesu in Lukas 14 Vers 26-27 spricht er von der Notwendigkeit mit allem zu brechen, was bis dato sinnstiftend und welterklärend war:

»Wer sich mir anschließen will, muss bereit sein, mit Vater und Mutter zu brechen, ebenso mit Frau und Kindern, mit Brüdern und Schwestern; er muss bereit sein, sogar das eigene Leben aufzugeben. Sonst kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir auf meinem Weg folgt, kann nicht mein Jünger sein.«

Dieses Ereignis verändert alles. In der Familie lernen wir wie die Welt zu sehen ist und wie man darin lebt, wir werden sozialisiert. Mit dieser Lebensauffassung, Weltsicht, Sozialisation, mit unserer Identität zu brechen, sei Grundlegend für Nachfolge:

»Because we construct our identity within the family, when we come to cut against that identity, we not only cut against ourselves but also those who formed us.«

Peter Rollins, Insurrection, Page 38 (Position 627).

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