Kinder müssen leider draussen bleiben

Ich bin ärgerlich, vielleicht sogar wütend. Wieso? Weil mich diese Verdrängung von allem was unserer Hilfe und Aufmerksamkeit bedarf zutiefst ärgert. Nun aber der Reihe nach.

Unsere Gesellschaft gilt nicht gerade als kinderfreundlich, nein, der ideale Bürger ist männlich, gesund, stark und unabhängig. Alle anderen werden an den Rand gedrängt. Natürlich werden ihnen wunderbare Aufgaben übertragen, sie werden geliebt und gelobt, aber wehe sie wagen sich aus den ihnen zugewiesenen Räumen, und dringen in die Sphäre der Starken, Aufstrebenden und Unabhängigen hinein. Entschuldige bitte, aber nein, hier darfst Du nicht sein.

In größeren Städten gelten Kinder als lästig. Ihre unbändige Art sich daneben zu benehmen, und ihre Unfähigkeit still zu sitzen — nervt. Wenn sie dann auch noch von ihren Kinderwagen schiebenden Eltern begleitet werden, ist das Maß voll. Raus! Hier nicht! Familien sind, optimierungszersetzende Zellen, sie bringen den Ausgeglichensten aus der Ruhe, und dabei noch vom rechten Kurs ab. Sie stören.

Natürlich wird das so öffentlich nicht gesagt. Aber hinsichtlich des begrenzten Raumes sind hier leider keine Kinderwagen erlaubt. Im Notfall würde eine Menge Kinderwagen alle Fluchtwege verstopfen, daher sind hier keine erlaubt. Kinder müssen leider draussen bleiben. Mit guten Argumenten werden Bereiche abgegrenzt zu denen Kinder und ihre Eltern keinen Zutritt haben. Letztere können gerne alleine kommen, wenn sie ihren Nachwuchs artig zu Hause lassen.

Im Eifer des Gefechts werden dann Barrieren installiert, und darüber ganz vergessen – oder willentlich in Kauf genommen – dass diese Barrieren auch für diejenigen zu unüberwindbaren Hindernissen werden, die nicht stark und sicher auf ihren eigenen Beinen unterwegs sind.

Und ich frage mich wie es in einer Bewegung, die sich Qualität auf die Fahnen schreibt, auf die Herkunft der Bohnen, feinste Röstung und beste Zubereitung konzentriert, zu solchen Haltungen kommen kann? Geht es hier nur noch um Perfektion, mein eigenes kleines Reich? Vergessen wir darüber unser aller Abhängigkeit? Die Pflanzen wachsen nicht von alleine. Unser Kaffeegenuss hängt vom Engagement vieler Menschen ab, vom Wetter, von der Bodenbeschaffenheit und so vielem mehr. Wir kamen nicht als erwachsene, unabhängige Männer zur Welt. Nein, wir wurden geboren und umsorgt, ins Leben begleitet, und lernen von denjenigen die vor uns auf den Wegen gingen. Auch wenn wir jetzt gerade in der Blüte des Lebens stehen, werden wir älter, und sind, vielleicht schon früher als gedacht, auf Hilfe angewiesen. Es könnte doch sein, dass wir schon morgen nicht mehr ohne Hilfe Kaffee trinken können.

Ich habe keine Lust auf Elite, nie gehabt. Wer alleine stark sein will, darf das gerne tun, ohne mich. Ich wünsche mir lebensbejahenden Genuss. Falls diese »dritte Welle des Kaffeegenusses« eine einladendene Bewegung sein will, andere mit ihrer Leidenschaft für Kaffee anzustecken im Schilde führt, dann bitte so, offen und liebevoll, und nicht elitär und gesetzlich.

9 Kommentare

  1. Hier geht es um eine, extrem leidenschaftliche Person, die ihren Traum vom perfekten Kaffee-Verkostungsort umgesetzt hat. Daraus allein schon auf die Kaffeekultur zu verallgemeinern ist nicht fair. Man nehme nur das CK von World-Cupping-Champion Cory, dass sehr freundlich und offen ist.

  2. Stört dich in diesem Fall, dass Kinder ausgeschlossen werden, oder auch anderen Menschen darunter leiden?

    In diesem Fall (Kaffeeproduktion und Verkostung) ist es tatsächlich die Fokussierung auf das Wesentliche. Dort auch aufgrund von z.B. heißem Wasser Kinder eher auszuschließen, ist irgendwie verständlich. Dass dabei auch andere Menschen (Rollstuhlfahrer) betroffen sind, ist nicht toll (laut dem Betreiber aber auch nicht gewollt).

    Aber zum Thema Kinder: Letztlich sind es die Eltern, die da auf voller Linie versagen, wenn z.B. Kinder im ICE ihre Spielekonsole ohne Kopfhörer benutzen und der ganze Wagon die Spielesounds mithören muss. Was muss in den Köpfen der Eltern vorgehen?

  3. Vielen Dank für Eure Kommentare Johannes und Ruben.

    – Johannes – ich wollte diese Haltung nicht auf die ganze Bewegung übertragen, die Unterschiede sind mir bewusst, mir ging es eher darum eine Richtung anzudeuten, in die ich gerne die Haltung der Bewegung sich entwickeln sehen möchte. Dass es diese guten Beispiele wie CK gibt begeistert mich, darauf habe ich Lust.

    – Ruben – ehrlich gesagt stört mich beides. Mich stört, dass aus persönlicher Abneigung eine Regel gemacht wird, die eine Kultur bestätigt. Mir ist bewusst, dass der Laden dem Betreiber gehört, und er selbst entscheiden kann welchen Werten er folgen möchte und welche Haltungen durchscheinen sollen, dennoch stört es mich, und wirkt auf mich elitär und ausgrenzend und nicht offen und liebevoll.

    Zu den Kindern, es werden ja nicht – wie in deinem Beispiel aus Sicherheitsgründen Kinder ausgegrenzt, sondern Kinderwägen, und die Kinder in Kinderwägen werden eher weniger zum Risiko mit heißem Wasser, das kann ich also nur als Vorwand werten. Kinderwägen sollen draussen bleiben.

    Den Versuch der Beschwichtigung von Betreiberseite des einen Ladens, der in meinem Fall das Fass zum überlaufen brachte, habe ich auch gelesen. Allerdings halte ich es ebenso für ein Scheinargument, da es direkt zwei Fragen aufwirft: Wie viele potentielle Besucher in Rollstühlen werden die Aufmerksamkeit der Betreiber auf sich lenken, und so von Ihnen in den Raum begleitet werden? Und die andere Frage hängt eng damit zusammen – wie einfach lässt sich der Poller wegräumen, so dass ein größerer Eingang entsteht? Zu leicht wird das nicht gehen. Aus meiner Sicht wird zwar versucht den Vorwurf der Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung zu entkräften, was jedoch nicht gelingt, da es sich um Scheinargumente handelt. Bin gespannt wie sich das weiterentwickelt.

    Zum angesprochenen Beispiel im Zug, es gibt sicher Fälle wo Eltern anders handeln, als ich, grundsätzlich denke ich allerdings, dass Kinder nicht in enge Korsetts gepackt werden sollten, so dass sie sich wie angepasste Erwachsene verhalten, sondern, dass ihnen mehr Freiraum eingeräumt wird in dem sie sich entwickeln können. Ich weiß, dass dies immer wieder mit anderen Interessen kollidiert, aber diese Grundhaltung – und auch die gegenseitige Achtung – könnte zu einer Kultur führen, die auch das »Fremde, Andersartige« wertschätzt.

  4. Der Poller muss überhaupt nicht weggeräumt werden. Die Abstände sind genau ausgemessen. Wer durch die Tür passt, kommt auch am Poller vorbei. Erfährt man alles, wenn man sich erstmal mit dem Betreiber unterhält. Heute ist das allerdings nicht mehr möglich, da er erstmal den Laden dicht gemacht hat. Würde ich auch machen, wenn ich mir gerade meinen Traum erfüllt habe und die Leute, ohne sich genau zu informieren, drauf kacken.

  5. Über die genauen Maße kann ich nichts sagen, die Haltung die daraus spricht finde ich schwierig, und daher habe ich diesen kleinen Rant auch bewusst ohne genaue Namensnennung verfasst – für mich äußert sich die Haltung auch an anderen Stellen.

  6. @Johannes
    Ich wohne nicht in Berlin und kann mir daher nicht selbst ein Bild des Cafés und der Eingangssituation machen, aber mich wundert folgendes:
    Ein Straßenrollstuhl ist bis zu 140 cm lang/tief und 77 cm breit
    Ein Kinderwagen ist etwa 70 bis 100 cm lang/tief und 50 bis 80 cm breit. Wenn also Kinderwagen nicht am Poller vorbei kommen sollen, wie können dann Rollstühle, die größer sind, daran vorbei kommen? Oder ist der Poller nicht als tatsächliche sondern als psychologische Barriere gedacht? Und was sagt eigentlich das Bauordnungsamt zu so einem Poller mitten im einzigen(?) Fluchtweg?

  7. Der Betreiber darf selbst bestimmen welche Zielgruppe er bedienen und welche er provozieren möchte, welche Musik er abspielt und ob Batteriecomputer akzeptiert werden oder gar Milch serviert wird – er betreibt ein Scenelokal. Es gibt Orte, die ich als Erwachsener, ohne Sohn zu keiner Uhrzeit freiwillig betreten werde – dort wird auch Kaffee serviert und verkauft.

  8. Ich kenne das Lokal nicht, von dem du sprichst. Finde deinen Beitrag dennoch interessant, da wir selbst vor Kurzem zum ersten Mal Eltern geworden sind und ich sehr gespannt darauf bin, wie wir zukünftig am gesellschaftlichen Leben teilhaben werden (dürfen?). Ich weiß, dass Kinder nicht überall erwünscht sind und sogar rechtlich gegen sie vorgegangen wird (z.B. Spielplatz im Wohngebiet). Doch diese Herausforderung werde ich gerne annehmen und mich dafür einsetzen, dass Kinder den Platz in unserer Gesellschaft und in unserem öffentlichen Leben haben, der ihnen meiner Meinung nach zusteht.

  9. …so jetzt hab ich den Artikel nochmal und alle Kommentare auch gelesen und frag mich ob das vielleicht ein städtespezifisches Problem oder sogar ein ganz individuelles Problem von einem einzelnen Cafe sein könnte (so klingt es nämlich für mich)? Davon auf eine ganze Kultur zu schliessen finde ich eher schwierig. Ich finde es eher lustig Kaffee in B zu bestellen, keinen zu bekommen, nachzufragen was damit ist und auf englisch ne Antwort zu bekommen. Ich bedanke mich für die Antwort und bekomme noch ne mail auf englisch. Ist mir so noch nie passiert und ich hab mich kurz gefragt ob das nicht komisch ist, oder ob ich das überhaupt komisch finden darf? Der Kaffee ist prima und ich kann auch englisch, aber das im Kundenkontakt einfach vorauszusetzen und damit evtl. jemanden „auszugrenzen“ (da sind wir wieder beim Thema) fand ich eindrücklich befremdlich.

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