Dialog, ein echtes Gespräch

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber, einer der Väter dessen was wir heute als Dialog verstehen, hat in seinem Buch „Elemente des Zwischenmenschlichen“ in einem Kapitel dargelegt was seiner Meinung nach ein echtes Gespräch ausmacht:

// hinwenden
Sich dem Gesprächspartner hinwenden. Gegenwärtig sein und ihn als Person annehmen, ich bestätige das was es zu bestätigen gilt und billige damit nicht unbedingt seine Position in Fülle, aber ich sage deutlich JA zu ihm als Person. Ich rede zu ihr, ihm oder ihnen – halte keinen neutralen Monolog…

// teilnehmen
Ich nehme am Gespräch teil und bringe mich ein. Ich muss nicht immer alles sagen, was ich zu einem Thema zu sagen habe – ich rede „rückhaltlos“, halte also nicht künstlich wichtiges zurück, rede jedoch auch nicht einfach drauf los. Ich achte die Einheit der beiden Aspekte des dialogischen Redens – Natur und Werk.

// den Schein überwinden
Um es mit verdrehten Worten der Werbung zu sagen: Image is nothing! Es geht beim Reden nicht um mein Image, meine Wirkung als Sprecher, eine Konzentration auf diesen Schein zerstört den Dialog. Ich verfehle das Gespräch, wenn ich mich statt auf das zu Sagende auf das zur Sprache Kommende ICH konzentriere, dadurch wird das Gesagte fehlerhaft und fehlgeleitet. Der Gesprächsfluss, die Hinwendung zueinander und das Annehmen des anderen wird torpediert.

Wenn wir den Schein überwinden kommen wir zusammen und dadurch wird das Unerschlossene erschlossen, in der Begegnung der Personen wird mehr enthüllt als je gesagt werden kann, es entsteht Fruchtbarkeit.

Nicht immer müssen alle reden, aber derjenige, der etwas zu einer gegebenen Situation zu sagen hat, sollte sich einen Ruck geben und dies auch äußern.

Ein echtes Gespräch ereignet sich auch nur dann, wenn ich mein Gegenüber als Partner im Gespräch betrachte, wenn ich annehme „sie oder er habe zu diesem Thema nichts zu sagen“, torpediere ich das Gespräch und verhindere, dass ein echtes Gespräch entsteht.

Im Dialog vollzieht sich darüber hinaus ein weiterer wichtiger Schritt – wir werden uns dessen bewusst, dass wir Lernende sind. Wir haben zwar einen Standpunkt, betrachten diesen jedoch nicht als absolut. Wir treten aus der Position des Wissenden in die Haltung des Lernenden. Wir begegnen uns als Lernende und lernen voneinander.

Eben las ich einen Blogeintrag von 2008, und den Teil über der Linie fand ich so gut, dass ich ihn hier nochmals veröffentliche.

5 Kommentare

  1. Viele sehr gute Gedanken, wobei mir manches einwenig zu ideal erscheint. Ein Beispiel: in einigen meiner Blogartikel wurde schon derart destruktiv kommentiert, dass vor allem eins deutlich wurde: Desinteresse am Dialog und reines „Gebashe“, also Kritik, die um der Kritik willen geäußert wird. Wie verhalte ich mich dann? Denn hier muss ich sagen: ich möchte keinen Dialog auf dieser Ebene führen und ich strebe ihn auch nicht an.

    Natürlich ist das nicht immer so – und nur ein Paradebeispiel, bei dem ich es schwierig finde, so wie oben aufgeführt zu handeln. Und es gibt mehr als genügend Fälle, in denen mir das oben Beschriebene als Vorlage dienen kann. Jedoch gibt es eben auch den Fall, in dem ich es für nicht anwendbar betrachte.

    Wie siehst Du das?

  2. @martin Kritik um der Kritik willen sucht ja nicht wirklich ein richtigen Dialog. Falls man darauf Antworten möchte ist wahrscheinlich Geduld die einzige Wahl. Ich weis nicht inwiefern das bei dir geht, aber ich gehe auf sowas erst gar nicht ein.

  3. Beim Lesen wird mir wieder klar, welche Gesprächs-Dämpfer Smartphones sind. In allen 3 Punkten verhindern oder bremsen sie das Miteinander (wenn man sie benutzt, z. B. um die Timeline zu checken): Das Hinwenden wird (physisch) verhindert. Das Teilnehmen wird weniger, weil man abgelenkt ist. Und der Schein… naja schnell mal verstohlen aufs Handy geschaut, damit es nicht allzu unhöflich ist, der Schein gewährt bleibt.

    Ich fasse mich hier übrigens an der eigenen Nase.

    @martin: Für mich gibt es noch einen Unterschied zwischen persönlichen Gesprächen und Online – Debatten. Vor allem (aber nicht nur) wenn diese anonym stattfinden.

  4. Wollte nur Danke sagen. Mir haben diese 3 aspekte ( //…) wirklich sehr gut getan. Es ist wohltuend anders als Businessgeschwafel.
    Es führt zum Nächsten, und … Weg vom Ego.

    Danke Martin Buber und dir, Daniel.

  5. In einem anderen Blog dazu: Gelingende Kommunikation | Daniel Ehniss

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