Gelingende Kommunikation

Jede und jeder kann das Mantra »Man kann nicht nicht kommunizieren« von Paul Watzlawick im Schlaf aufsagen, und dennoch kommt es unglaublich oft zu Missverständnissen. Wir kommunizieren zwar ständig, verstehen einander jedoch meistens falsch.

Dieses Kommunikationsproblem liegt vielen Konflikten zugrunde, und um dies etwas näher zu betrachten, wendet sich David Bohm der Bedeutung des Wortes Kommunikation zu, es bedeutet »etwas gemeinsam machen, einander mitteilen«. Bohm geht Kommunikation am Beispiel eines Dialogs nach, und deutet einige interessante Aspekte von gelingender Kommunikation und Missverständnissen an:

»Wenn jemand in einem solchen Dialog etwas äußert, wird die Erwiderung des Gesprächspartners im allgemeinen nicht von genau derselben Bedeutung ausgehen, die die erste Person im Sinn hatte. Die Bedeutungen sind vielmehr nur ähnlich und nicht identisch. Wenn der Gesprächspartner daher antwortet, erkennt die erste Person einen Unterschied zwischen dem, was sie sagen wollte, und dem was der andere verstanden hat. Beim Nachdenken über diesen Unterschied wird vielleicht das Erkennen von etwas Neuem möglich, das sowohl für die eigene Sichtweise wie auch für die Sichtweise des Gesprächspartners relevant ist. Und so kann es hin- und hergehen, während ständig neue Inhalte entstehen, die beiden Gesprächspartnern gemeinsam sind. In einem Dialog versuchen also die Gesprächsteilnehmer nicht, einander gewisse Ideen oder Informationen mitzuteilen, die ihnen bereits bekannt sind. Vielmehr könnte man sagen, daß die beiden etwas gemeinsam machen, das heißt, daß sie zusammen etwas Neues schaffen.

Aber natürlich kann eine solche Kommunikation nur dann zur Schaffung von etwas Neuem führen, wenn die Gesprächsteilnehmer in der Lage sind, einander uneingeschränkt und vorurteilsfreie zuzuhören, ohne zu versuchen, sich gegenseitig zu beeinflussen. Das Interesse eines jeden muß in erster Linie der Wahrheit und Kohärenz gelten, so daß er bereit ist, alte Vorstellungen und Absichten fallenzulassen und, wenn nötig, zu etwas anderem fortzuschreiten.«

Quelle: David Bohm, Der Dialog: Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen, Seite 27f.

Für gelingende Kommunikation ist es daher unerlässlich auf die Differenzen zu achten, die im Zusammenspiel von sagen und hören entstehen. Im Austausch darüber kann etwas Neues entstehen, sich Begegnung und Verstehen ereignen. Dazu ist allerdings auch die Bereitschaft notwendig, den eigenen Standpunkt zu verlassen und den gemeinsamen Prozess nicht durch Machtverhältnisse zu stören.

Diese Beschreibung gelingender Kommunikation verdeutlichen die Bedeutung der drei Aspekte von Martin Buber – hinwenden, teilnehmen, den Schein überwinden – zu denen ich in einem früheren Eintrag etwas geschrieben hatte.

Bohm führt im weiteren Verlauf des Kapitels über Kommunikation noch aus, dass ein Bewusstsein der eigenen geistigen Sperren für gelingende Kommunikation essentiell ist. Werden wir uns der eigenen geistigen Sperren nicht bewusst, gehen wir davon aus einander zuzuhören, während unsere Gedanken jedoch vor unangenehmem fliehen und sich anderem zuwenden, und dadurch Missverständnisse nähren anstatt zu verstehen. Im Dialog ist sowohl die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was das Gegenüber sagt, als auch der eigene Umgang damit zu reflektieren.

2 Kommentare

  1. Der Punkt mit den eigenen geistigen Sperren ist gut. Diese Sperren genauer zu analysieren wäre sicher spannend, denn um sie zu verstehen müssen sie ja wahrgenommen werden. Bin gespannt, wie es weitergeht.

  2. Ich fand einen anderen Punkt interessant. Denn die Kritik an so Dialogkonzepten wie von Buber war ja immer, dass sie das Unverstandene zu wenig würdigen. Ein gutes Beispiel ist die Pariser Debatte zwischen Gadamer (der ja ein hermeneutisches Dialogkonzept vertritt) und Derrida (der eben dieses dekonstruiert). Wenn man das Zitat oben zuspitzt könnte man sagen: es geht gar nicht um (absolutes) Verstehen (denn wer absolut versteht, hat absolute Macht über den Anderen und außerdem wird das Geheimnisvolle aufgelöst) und absolutes Erkennen, sondern um kreatives Missverstehen und um das produktive Verkennen. Entscheidend ist also nicht, dass ich völlig auf die Bewusstseinsinhalte des anderen zugreife (seine Gedanken lese), sondern dass wir auf eine Weise aneinander vorbeireden, die uns beide bereichert und positiv verändert. Ich glaube mit so einem Dialogkonzept könnte ich auch etwas anfangen.

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