Aufschrei gegen alltäglichen Sexismus

Letzten Donnerstag las ich den Artikel »Normal ist das nicht!« von @ruhepuls, der mit folgenden Sätzen beginnt:

»Wir haben uns so an sexuelle Übergriffe jeglicher Art im Alltag gewöhnt, dass wir manchmal vergessen, uns dagegen zu wehren.«

Quelle: Maike, Normal ist das nicht!, kleiner3.org.

In seiner Rezeption auf Twitter führte der Artikel zur Sammlung des alltäglichen Sexismus unter dem Hashtag #aufschrei, der von @marthadear @vonhorst gegenüber vorgeschlagen wurde. Als ich am nächsten Morgen, mit dem kranken Jungen zu Hause Lego spielend, einen Blick auf Twitter warf, wurde mir schnell klar, dass hier etwas wichtiges geschah. Sehr sehr viele Betroffene teilten ihre Erlebnisse unter diesem Hashtag. Das erste Anliegen – einen Raum zu schaffen, in dem diese Erlebnisse geschildert werden können – war eindrücklich erreicht. Die Sammlung all dieser Äußerungen führten darüber hinaus zu einer Öffentlichkeitswirkung, die weit über Twitter hinaus reichte. Schnell berichteten die Webredaktionen einiger Zeitungen davon, und auf Blogs wurden viele Artikel veröffentlicht.

Meine Pausen verbrachte ich während des gesamten Freitags damit die Tweets zu lesen, die mit #aufschrei versehen worden waren. Und neben der Sehnsucht nach einer Gesellschaft in der solche Formen der Macht nicht mehr stattfinden wuchs ein Unbehagen, denn unter die Tweets mischten sich immer mehr Pöbler, die versuchten das Erfahrene klein zu reden. Wie dringend eine Debatte über alltäglichen Sexismus ist, wurde nicht zuletzt durch die negativen Äußerungen zur Dynamik des Hashtags deutlich. Für mich war es erschreckend wie wenig Bereitschaft vorhanden war zu zuhören und wie schnell hier die Wogen wieder versucht wurden zu glätten.

Im Laufe des Freitags und Samstags erschienen einige sehr lesenswerte Artikel in Blogs. Die neben der Frage des erlebten Sexismus, strukturelle Fragen thematisierten, Fragen der Erziehung stellten und Gedanken zum Umgang mit Rassismus, Homophobie und Ableismus beisteuerten. Auf mich wirkte die Debatte zu keinem Zeitpunkt eindimensional, auch wenn sie von manchen so wahrgenommen wurde.

Am Sonntag sahen wir mit ein paar Freunden die Sendung von Günther Jauch an, die ich nach etwas nachdenken als »aufschlussreich« bezeichnen würde, da der in unserer Gesellschaft vorhandene Sexismus greifbar wurde. Heute sah ich mir noch die Sendung ZDFlogin an, die sich ebenfalls mit dem Thema befasste. Während ich die Debatte im Netz vielschichtig empfand, musste ich feststellen, dass es in beiden TV-Formaten vor allem um Zuspitzung und Polarisierung ging, was meiner Ansicht nach den Weg zu einem positiven Miteinander von Menschen eher erschwert als unterstützt.

Soweit ich das bisher sehen kann liegt hier noch ein Weg vor uns als Gesellschaft, und ich bin dankbar für die Anstöße, die aus der Aufschrei-Dynamik, entstanden sind. Abschließend möchte ich noch folgende Texte empfehlen:

antjeschrupp.com – Wie Lappalien relevant werden

»Zurück in den Sack kriegt Ihr das jetzt nicht mehr. Weil nämlich diejenigen, die sowas für eine Lappalie halten, nicht mehr die maßgeblichen Meinungsmacher in Deutschland sind. Sondern Relikte aus vergangenen Zeiten.«

berlinmittemom.com – Sexismus-Debatte und die Frage nach den Töchtern

»Sexismus leugnen und ihn klein reden wollen heißt, ihm Vorschub leisten. Und für uns Eltern heißt es, unsere Töchter dem Sexismus zum Fraß vorwerfen.«

haltungsturnen.de – Derailing:

»Aus einer von Herrschaft und Asymmetrie geprägten Situation gibt es im Grunde zwei Wege, wenn die „unteren“ es nicht mehr aushalten (wollen) – entweder die Revolution, also die Gegengewalt. Oder der Verzicht der Herrschenden. Aber nie und nimmer – hier bin ich komplett anderer Meinung als Meike – das einfache Gespräch.«

astefanowitsch.tumblr.com – Sagt ihnen nicht, dass sie sich hätten wehren sollen:

»Wir alle — Frauen und Männer, aber vor allem wir Männer — müssen dafür kämpfen, dass sexuelle Übergriffigkeit in jeder Form als Verantwortlichkeit des Täters betrachtet wird, und als Verantwortlichkeit einer Gesellschaft, die sich mit den Tätern solidarisiert, die die Handlungen der Täter relativiert, die die Situation der Betroffenen trivialisiert.«

flannelapparel.blogspot.de – Ich will frei sein:

»Doch Sozialisation muss nicht geschlechtsspezifisch sein, sie bietet weite Räume typische weibliche oder männliche Erfahrungswelten zu verändern und anzugleichen, sie miteinander zu teilen. Wie sähe eine Frauengeneration aus, in der keine einzige physische Gewalt erfahren hätte oder als Sexobjekt behandelt worden wäre? Wie verhielten sich die Männer einer Generation, in der Sportlichkeit und Muskelkraft unbedeutend wären?«

medienelite.de – Solidarität ist ein Prinzip, das von oben nach unten funktioniert:

»sexismus ist ein machtverhältnis. frauen, lesben, trans* und inter* sind davon betroffen, werden sexistisch diskriminiert. typen nicht. typen sind in bezug auf sexismus privilegiert, die besitzen definitionshoheit über sexismus, feministischen widerstand, generell diskursmacht in sachen sexismus, profitieren von sexistischen strukturen, und und und.«

Neben diesen gibt es noch eine Fülle anderer wichtiger Texte, die ich entweder noch nicht gelesen oder schlicht jetzt gerade nicht bedacht habe, wichtig scheint mir auch noch auf die Seite aufmerksam zu machen, die um die Initiatorinnen des Hashtags herum entstand, auf der weiterhin auf Alltagssexismus aufmerksam gemacht wird, und weitere Informationen angeboten werden: alltagssexismus.de

4 Kommentare

  1. Nunja,
    der Sexismus beginnt mit unseren christlich- jüdischen Wurzeln…
    Hart aber wahr…aus meiner Perspektive. Wobei ich damit nicht sagen will, dass das Christentum alleine Sexismus fördert. Wenn Sexismus eben auch eine Machtfrage ist, so spielt Religion eine wichtige Rolle in dem ganzen traurigen Spiel. Denn Religion existiert nicht ohne Macht. Für mich als spirituellen Menschen gilt es daher meine christlich sexistischen Anteile zu reflektieren und meinen Glauben/Theologie/ Spiritualität kritisch infrage zu stellen.

  2. Hi Josha,

    Danke für Deinen Kommentar. Die Verbindung von Patriarchat und Sexismus sehe ich ähnlich, aus meiner Sicht resultiert sie jedoch nicht zwingend aus der Lehre des Christentums, auch wenn sie für viele als die richtige Interpretation angesehen und gelebt wird.

    Wie verstehst Du den Satz »Religion existiert nicht ohne Macht«?

  3. Danke für deine Zusammenfassung, Daniel. Sehr wichtige gesellschaftliche Missstände gelangen an die Öffentlichkeit in letzter Zeit. Zuerst der Rassismus durch die Kinderbuch-Debatte, jetzt alltäglicher Sexismus.

    Mir kommt es so vor, als könne das Christentum für alles mögliche herangezogen werden. Jeder legt die Dinge nach seiner Façon aus und bildet daraus seine eigenen Lehren. Die einen als Grundlage für den Machterhalt der Mächtigen, Privilegierten, weißen, Männer… Andere als Motivation, bestehende Machtverhältnisse zu durchbrechen und eine neue Freiheit zu gestalten, an der auch Benachteiligte teilhaben können.

    Für mich, der ich in einem sog. christlichen Umfeld aufgewachsen bin, ist es diese zweite Sichtweise, die mir überhaupt noch Zugang zum christlichen Denken ermöglicht. Alles andere ist konservieren alter Traditionen – und eben auch Machtstrukturen.

    Wenn ich überhaupt noch ein Christentum brauche, dann eines, das eine neue, sozial, wirtschaftlich und politisch korrekte Perspektive für die Welt hat.

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