Homosexualität und Christsein (1)

Letzte Woche wurde wieder einmal deutlich, dass die Frage des Verhältnisses von Homosexualität und Christsein noch weniger geklärt ist, als ich es erhofft hatte. Auch wenn ich weiß, dass in dieser Frage schon einiges gründlich gearbeitet wurde, so scheint mir vieles davon leider immer noch zu wenig im Bewusstsein weiter Teile der Christenheit angekommen zu sein. Aus diesem Grund wollte ich mich mal wieder mit ein paar Abhandlungen dazu beschäftigen, und diese Beschäftigung hier etwas dokumentieren. Ab und an werde ich wahrscheinlich nur ein Zitat aus einem Kapitel posten, an anderen Tagen vielleicht etwas mehr schreiben.

Walter Wink - Homosexuality and  Christian Faith

Anfangen möchte ich mit dem Sammelband Homosexuality and Christian Faith, den Walter Wink herausgegeben hat. Dieser wurde mir von Peter empfohlen, und als ich den Namen Walter Wink gelesen hatte, war mir klar, dass ich mit diesem Buch beginnen möchte. Die Arbeit von Wink zu Machtstrukturen und seine progressive Sicht bezüglich gegenwärtiger politischer und kultureller Fragen schätze ich sehr, und kann mir vorstellen, dass dieses Buch einen guten Beitrag zur Beschäftigung mit dem Verhältnis von Homosexualität und Christsein liefern wird.

Im Vorwort des Buches beschreibt er die Hoffnung, die er mit dem vorliegenden Buch verbindet:

»It is my hope, and that of all the contributors, that this volume will help bring serious reflection and a loving approach to this controversy.«

Walter Wink, Homosexuality and Christian Faith, 9.

Aus seiner Sicht wird die Diskussion um das Verhältnis von Homosexualität und Christsein zu emotional geführt, alle Beteiligten scheinen genau zu wissen wie es sich verhält, und dabei bleibt die gründliche Beschäftigung der wichtigen Fragen auf der Strecke. Um diesen Fragen nachzugehen lud er einige Menschen, deren Impulse er schätzt, dazu ein ihre Gedanken beizutragen.

Die Einleitung zum Buch wurde von Dr. James A. Forbes Jr. geschrieben. Forbes ist zum einen als einflussreicher Prediger bekannt, und lehrte daneben unter anderem auch Homiletik am Union Theological Seminary in New York. Mit Forbes beginnt das Buch auf charismatische Weise. Ich hatte einen kühleren Einstieg erwartet, und wurde überrascht von Forbes predigtartigem Einstieg, der die Frage nach dem Verhältnis von Homosexualität und Christsein direkt mit der Wirkung des Heiligen Geistes in Verbindung bringt. Bisher hatte ich die Verbindung eher in ablehnender Weise erfahren, und finde es spannend bei Forbes einem offenen, positiven und hoffnungsvollen Umgang zu erleben.

»So let me tell you what my agenda is.

I would like us, first, to give some thought to the idea that the state should not interfere in relationships that are consummated, whether you call them bonding or marriage, whatever you call them, that the state has no right to deny people the opportunity to live out the concreteness of their commitments to one another.

And second, that the church should support the idea that the benefits of marriage, whatever they are, are not to be denied persons of different orientations, whether they are gay or straight or lesbian, bisexual, transgender or what. There has to be equality in the way the church sets forth principles about how people should live and love and experience the sexual dimensions of life.«

James A. Forbes Jr., Introduction. (in Walter Wink, Homosexuality and Christian Faith), 13.

Sein Anliegen ist in diesem Zusammenhang ein Zweifaches. Zum einen wünscht er sich die Gleichstellung von Beziehungen – egal welcher sexuellen Orientierung – vor dem Staat, und zum anderen ermutigt er die Kirche dazu diese Gleichstellung zu praktizieren. Im weiteren Verlauf der Einleitung geht er darauf ein, dass sich die Zeiten ändern, und dass es die Aufgabe der Kirche ist dem Beispiel Jesu zu folgen und mit und vor dem Heiligen Geist kontroverse Fragen zu thematisieren.

»So I’m saying to you that the task of the church is to understand that Jesus didn’t answer it all, and many of the things that had been said in the good old days, Jesus updated even in his time. You’re not a violator of the gospel. […] this is your time and my time, and Jesus expects us to open our hearts to the Spirit and raise some difficult questions before the Spirit.

[…]

We need more light from the Spirit on sexuality. Some things are different now.«

James A. Forbes Jr., 16.

Genauso, wie Jesus in seiner Zeit einige Aspekte weiter gedacht hat, so sollen wir das Licht des Geistes auf Sexualität zulassen, annehmen, dass auch heute einiges anders ist, und gemeinsam und mit dem Heiligen Geist neue Wege finden in positiver Weise und offen für die unterschiedlichen sexuellen Orientierungen. Für diese Suche nach einem positiven Umgang schlägt er drei Prinzipien vor:

»One: Jesus says, A new commandment I give you, that you love one another. So whatever our sexual list will involve, can we learn to love each other from the heart?

Second, there must be truth about it. Don’t be trying to do something that’s not who you are. I think the message is that, given the various differences, one of the hardest things we have to come to is, Who am I really? And remember the word of Jesus: You shall know the truth and the truth shall set you free. Don’t come trying to be something that you think the culture wants you to be if it’s not true. Take your truth to God and ask, God, help me work out how I deal with this truth and then please, please put justice in it.

That’s my third point. Please have a just principle that applies to those who are gay and those who are straight, equally, because all of us are members of the family of God. Let’s build on the list, and one day we’re going to have a wonderful time celebrating the list that has been compiled by conservatives and liberals, old-timers and newcomers, and it will be the standard by which all of us who are in the body of Christ can be one in the family with all our differences. God bless you.«

James A. Forbes Jr., 19.

Auch wenn diese Einleitung anders ausfiel als ich es erwartet hatte, so macht sie mir gerade noch mehr Lust mich in dieses Buch zu vertiefen, und dabei vielleicht auch ganz neu einen positiven Zugang zur Bitte nach der Inspiration des Geistes in kontroversen Fragen zu bekommen.

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Ich lese das Buch mit Readmill, falls ihr zwischen meinen Einträgen hier sehen möchtet welche Stellen ich anstreiche, findet ihr meine Anstreichungen hier. Readmill ermöglich auch das Kommentieren von Passagen, wer also das Buch mit mir gemeinsam über diese hervorragende App lesen möchte, sei hiermit herzlich eingeladen.

Alle Artikel in dieser Serie:

  1. Homosexualität und Christsein (1)
  2. Homosexualität und Christsein (2)
  3. Homosexualität und Christsein (3)
  4. Homosexualität und Christsein (4)
  5. Homosexualität und Christsein (5)
  6. Homosexualität und Christsein (6)
  7. Homosexualität und Christsein (7)
  8. Homosexualität und Christsein (8)
  9. Homosexualität und Christsein (9)
  10. Homosexualität und Christsein (10)
  11. Homosexualität und Christsein (11)
  12. Homosexualität und Christsein (12)

7 Kommentare

  1. Spannend, wie progressiv Forbes die Thematik angeht – und auch ich hätte nicht damit gerechnet, diese Zeilen hier so zu lesen. Gefällt mir persönlich sehr.

    Ich denke gerade anhand von „Exclusion and Embrace“ von Miroslav Volf über die Thematik nach – ein Buch, das ich gelesen habe, aber mir gerade in diesem Kontext relevant erscheint.

    Mal sehen, wie es hier auf Deinem Blog weitergeht. Werde mitlesen, kommentieren und vielleicht auch mal auf meinem alten Notizen-Blog Gedanken dazu äußern.

  2. Super, ich bin gespannt.

    Bist du schon auf die Diskussion zwischen Walter Wink und Robert Gagnon gestoßen? Die ist sehr interessant, da deutlich wird, welche unterschiedlichen Ansätze aufeinander prallen.

    Gruß
    Jason

  3. In einem anderen Blog dazu: Homosexualität und Christsein (2) · Daniel Ehniss

  4. In einem anderen Blog dazu: Homosexualität und Christsein (3) · Daniel Ehniss

  5. Hi Daniel,

    lange nichts mehr voneinander gehört und jetzt stoße ich bei Recherchen auf Deinen Blog. Das Thema interessiert mich gerade und ich denke, dass ich mir das Buch mal zulegen werde.

    Ehrlich gesagt bin ich aber mit derArgumentation von Forbes arg unzufrieden. Sie erscheint mir ganz schön flach. Im Grunde ist es ja das, was alle liberalen Prediger mittlerweile wiederholen. Der Reihe nach sehe ich da in jedem Punkt (uneingestandene(?) Voraussetzungen).
    (1) Meint Jesus mit seinem „neuen“ Gebot (die Literatur zu dem „neuen“ umfasst ja fast Bibliotheken) wirklich ein Stehenlassen im Sinne des aktuellen Toleranzbegriffes? Konsequent müsste man dann wieder Jesus gegen Paulus argumentieren, denn seine Stellen zur HS sprechen eine andere Sprache.
    (2) Wer bin ich wirklich ist eine sehr gute Frage. Sie ist viel zu platt (und auch völlig unwissenschaftlich beantwortet, wenn man sagt „ich bin schwul/lesbisch“. Es ist ein gefährliches Denken, das uns auf unsere Orientierung beschränkt. Sexuelle Identität ist ein kompliziertes Konstrukt.
    Aber selbst wenn man es macht, ist es immer noch die Tatsache, dass Nachfolge oft einschließt, gegen eine vermeinte Identität zu handeln. Es soll schließlich auch kein heterosexueller alle seine Wünsche nach wechselnden Geschlechtspartnern ausleben.
    (3) Klingt natürlich super, ist aber ein großes Diskussionsthema. Ich vermute, dass der Rest des Buches die Beziehung zwischen HS und Christentum noch weiter behandelt, denn hier wird erst einmal ein Paradigma eingeführt, das absolut neu ist. So denken Christen seit maximal 20 Jahren.
    Ich finde es immer gefährlich wenn eine Theologie wirklich neu ist und keine erkennbaren Anknüpfungspunkte an die Geschichte hat.

    Auf jeden Fall ein spannendes Thema und ich stehe zwischen den Stühlen. Die wörtliche Auffassungen der konservativen passt nicht. Aber die Hermeneutik der progressiven ist mir sehr eisegetisch, wenn sie nicht schlicht die gesamte Bibel unter die Ansicht der sich verändernden Zeit stellt.

  6. In einem anderen Blog dazu: Ich wünsche mir Normalität · Daniel Ehniss

  7. In einem anderen Blog dazu: Medienpool zur schwulen Frage aus christlicher Perspektive | sola scriptura

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