Homosexualität und Christsein (2)

Der erste inhaltliche Teil des Buches trägt die Überschrift »Persönliche Begegnung«. Auf diese Weise strukturiert Wink das Buch über die Frage des Verhältnisses von Homosexualität und Christsein so, dass bereits durch den Aufbau deutlich wird, dass diese Frage nicht abstrakt zu behandeln ist, sondern dass es dabei immer um Menschen geht. Es geht um das Leben von Menschen in unser aller Umfeld.

Die Härte und Lieblosigkeit der Position mancher Kritiker wird immer wieder dadurch erklärt, dass sie keine persönlichen Kontakte zu Homosexuellen pflegen. Bei einigen mag dies der Fall sein, andere jedoch stellen ihr Verständnis der ›Wahrheit‹ über ihre Beziehung und das Wohlergehen der Person. Ob dies bewusst oder unbewusst geschieht unterscheidet sich wahrscheinlich auch von Fall zu Fall.

Mit Wink halte ich es auf jeden Fall für sehr sinnvoll sich daran zu erinnern, dass es sich bei der Frage des Verhältnisses von Homosexualität und Christsein nicht um eine abstrakte Fragestellung handelt, sondern dass es hier ganz konkret um das Leben von Menschen geht, und dass die Antworten die hier gefunden werden, die Positionen die bezogen werden direkten Einfluss auf das Leben, die Lebensqualität haben. Dies sollte meiner Ansicht nach immer bedacht werden, wenn darüber gesprochen oder geschrieben wird.

Das erste Kapitel in diesem Teil des Buches stammt von Donald W. Shriner Jr. und steht unter dem Titel ›A Belated Justice: Reflections on an Unpaid Debt‹. Darin spricht er über den tragischen Tod eines Freundes, und welche Erkenntnisse er im Rückblick aus ihrer Freundschaft und dem kulturellen Klima dieser Zeit gezogen hat.

An dieser Stelle möchte ich eine längere Passage aus dem Kapitel zitieren, die meiner Ansicht nach für das Verständnis des Kapitels grundlegend ist:

»Who can understand Jesus‘ dealings with the social outcast or the turn toward gentile inclusiveness in the early church without discerning the Holy Spirit’s conquest of the myriad „dividing walls of hostility“ that our history has reared up in the architecture of our societies?

Martin Buber translated the second half of the Great Commandment, “You shall love your neighbor as a person like yourself, [Halte lieb deinen Genossen, dir gleich. Lev 19,18]” proposing thereby a great and painful transition from classification addiction to discernment of the humanity in „all sorts and conditions“ of our neighbors and proposing, too, an inclusivist answer to the question, „Who are your people?“ Matt. 12:46-50 has Jesus‘ radical answer to that one! „Whoever does the will of my Father in heaven is my brother and sister and mother.“

But acting on that idea involves an experiential journey, not just the adoption of an idea. All of us begin as provincials; we have to be shaken out of our provincialism by experiences of the stranger who, only over time and in interchange, becomes a neighbor who is indeed a person like oneself. Matt. 15:21-28 seems to say that about Jesus, who had to learn to treat a Syro-Phoenecian woman as a neighbor.

Most of us have to concede that our experience of actually relating to strangers has dug at the subsoils of our own walls of hostility as frequently as have our abstract ideas. For native white Southerners like myself, an experience of co-humanity with black Southerners was our first training in meeting the larger challenge of world pluralism. In that pluralism reside a group of neighbors who publicly claim their right to be considered fully human: gays and lesbians.

The hearing of that rightful claim has been a slow process in my life as a heterosexual, and doubtless there is much that I still need to hear. Worth recounting is one incident in my biography that, in an early year, alerted me to the deep evil of a society that morally condemns one of its sexual „classes.“ Since that early year, and especially in the past twenty years, I have been colleague, friend, or acquaintance with no small number of gay neighbors, but my personal commitment to learning with them „how to be human now“ (W. H. Auden) took shape first in connection with a friend whose struggle with his own sexual identity ended in tragedy. It was in that tragedy that I first learned that the social affirmation of gay and lesbian people is a lifeand-death issue.« (23ff)

Shriner erzählt daraufhin von einer Freundschaft die in den 50er Jahren begann als die beiden Männer beim Militär waren und sich über die Jahre des Studiums weiter entwickelte. Die beiden Freunde wohnten mittlerweile weit entfernt. Sie trafen sich regelmäßig und teilten vieles miteinander. Im Jahr 1953 nahm sich sein Freund das Leben, und erst im Nachhinein fiel Shriner auf, dass es in ihrer Freundschaft immer wieder Anzeichen davon gab, dass sein Freund etwas vor ihm geheim gehalten hatte. Es stellte sich heraus, dass einer der Hauptgründe des Selbstmordes war, dass sein Freund schwul war und in seinem Lebensumfeld keinen Raum gefunden hatte in dem er ›er selbst‹ sein konnte.

Auf diese Erkenntnis folgte für Shriner ein Weg, auf dem er lernen wollte Orte zu schaffen – konkret in seiner Rolle als Präsident des Union Seminars – an denen „all sorts and conditions of humans were welcome, whether we yet understood each other or not.“ (26)

Shriner wirbt in seinem Kapitel dafür einen Menschen als Menschen zu lieben, keine Schubladen zu öffnen und dem menschlichen Bedürfnis zu kategorisieren nicht zu folgen, sondern ein Klima der Offenheit und Akzeptanz zu etablieren, in dem sich Leben entfalten kann und Verstehen ereignet. Dieses Klima der Offenheit und Akzeptanz ist seiner Meinung nach essentiell für gelingendes Leben. Gegenseitige Annahme schafft Lebensraum und ermöglicht es dem Gegenüber als die Person zu leben die sie ist und die sie sein möchte. Auf diese Weise ist für Shriner ein Leben gemäß der Idee ›Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.‹ möglich.

Alle Artikel in dieser Serie:

  1. Homosexualität und Christsein (1)
  2. Homosexualität und Christsein (2)
  3. Homosexualität und Christsein (3)
  4. Homosexualität und Christsein (4)
  5. Homosexualität und Christsein (5)
  6. Homosexualität und Christsein (6)
  7. Homosexualität und Christsein (7)
  8. Homosexualität und Christsein (8)
  9. Homosexualität und Christsein (9)
  10. Homosexualität und Christsein (10)
  11. Homosexualität und Christsein (11)
  12. Homosexualität und Christsein (12)

2 Kommentare

  1. In einem anderen Blog dazu: Homosexualität und Christsein (1) · Daniel Ehniss

  2. Es ist absolut richtig, dass man seine Einstellung verändert, wenn man Schwarze, Homosexuelle usw. kennen lernt. In diesem Sinne bin ich sehr gespannt darauf was geschieht, wenn immer mehr Homosexuelle in den Freikirchen sind.

    Allerdings ist diese Betrachtung auch immer einseitig. Wir sind an zwei Seiten gebunden, zum einen den tatsächlichen menschlichen Fall, dann aber auch Bibel und Tradition. Hier muss eine begründete Balance gefunden werden zwischen Einzelfall und Prinzip.
    Daran arbeite ich selbst und habe leider noch nicht wirklich überzeugende Literatur gefunden.
    Wenn man, wie Shriner, von Empathie ausgeht ist das Problem, dass man mit JEDEM Menschen welche aufbauen kann. Das kann also kein Argument sein. In einem fairen, netten Gespräch werden viele auch die Standpunkt des „Gegners“ verstehen und davon beeindruckt sein.
    Ich würde sehr gerne mal ein Buch mit mehreren Seiten schreiben. „Zwei (oder mehr) Sichtweisen von Homosexualität“. Das könnte die Diskussion voranbringen.

Schreib’ einen Kommentar

*