Homosexualität und Christsein (3)

Das zweite inhaltliche Kapitel des Buches stammt von Carole Shields und steht unter dem Titel »Thoughts from the Weekend of the Quilt«. Im Kapitel schreibt sie über das »Weekend of the Quilt« das am 11. und 12. Oktober 1996 in Washington D.C. stattfand. Beim Weekend of the Quilt handelt es sich um eine Veranstaltung, die einen Raum dafür schafft der Menschen zu gedenken, die an AIDS gestorben sind. Für jede Person wird liebevoll eine eigene Tafel erstellt.

Die Veranstaltung kann als gemeinschaftliche Trauerarbeit verstanden werden. Erinnerungen an die Verstorbenen werden geteilt. Neben den Begegnungen von Hinterbliebenen stehen kraftvolle symbolische Handlungen im Zentrum, die auf dem Weg der Trauer und der Erinnerung sehr hilfreich sind.

Eindrücklich schildert Shields das starke Erleben der Beteiligten, die aus Liebe zu Personen angereist waren, sich derer erinnerten und ihnen Ehre erwiesen, und einer Gruppe von Demonstranten, die ausserhalb des Veranstaltungsortes standen. In folgendem Abschnitt wird die Unterschiedlichkeit besonders deutlich:

»There are two families in particular I will remember from this weekend. They are of both the traditional biological and the sociological construct. On Saturday at the quilt, there was a mother and father and two young sons, each of the boys under ten years old. As the father stood stunned in silence and the mother struggled to keep her flowing tears controlled, she reminded her boys about the days when the four of them worked together on this panel for their big brother. and she struggled to help them recall the precious things about this other son.

There was another family who stood across the street from the site of the dinner on Friday night. With bullhorn and ugly signs and quotations twisted from the Bible, they stood together to hurl religious obscenities-ultimate blasphemies-at those who arrived in love.« (30)

Durch die Reflexion der Gefühlswelt der Autorin wirkt das Kapitel auf mich wie eine Einladung zu Empathie. An unterschiedlichen Stellen wurde bei der aktuellen Debatte des Öfteren darauf hingewiesen, dass es sich nicht um ein abstraktes Thema handelt, sondern dass es um Menschen geht, das Leben von Menschen. Bei aller theologischen Reflexion und dem Beziehen eigener Positionen, scheint mir die Einladung mit-zu-fühlen, sich in das Gegenüber zu versetzen, als grundlegend. Alles andere wird die Schwelle von »aufeinanderprallenden Welten« nicht überwinden, und wird meiner Ansicht nach zu Verletzungen und Verhärtung (auf beiden Seiten) führen.

Alle Artikel in dieser Serie:

  1. Homosexualität und Christsein (1)
  2. Homosexualität und Christsein (2)
  3. Homosexualität und Christsein (3)
  4. Homosexualität und Christsein (4)
  5. Homosexualität und Christsein (5)
  6. Homosexualität und Christsein (6)
  7. Homosexualität und Christsein (7)
  8. Homosexualität und Christsein (8)
  9. Homosexualität und Christsein (9)
  10. Homosexualität und Christsein (10)
  11. Homosexualität und Christsein (11)
  12. Homosexualität und Christsein (12)

3 Kommentare

  1. In einem anderen Blog dazu: Homosexualität und Christsein (2) · Daniel Ehniss

  2. In einem anderen Blog dazu: Homosexualität und Christsein (1) · Daniel Ehniss

  3. Ja, dem kann ich zustimmen. Empathie als ein „Sich-Einlassen“ auf die Welt der Anderen kann viel verändern. Empathie fordert mich heraus, denn es geht über meine Meinung hinaus und lässt mein Wissen und meine Meinungen über die Andere(n) zurücktreten.

    Bezeichnend ist jedoch, dass Menschen oft nicht bereit sind, sich auf auf andere Einzulassen und somit vom Verstand und Ego geschaffene Kategorien ihr Handeln bestimmen.

    Und damit meine ich mich auch selbst.

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