Homosexualität und Christsein (4)

Das dritte inhaltliche Kapitel wurde von Shirley und Paul Wennes Egertson geschrieben und ist eine Geschichte ihrer Familie. Im Jahre 1978 eröffnete ihnen ihr Sohn, dass er homosexuell sei. Über die Motivation das Kapitel zu schreiben gibt folgender Abschnitt Auskunft:

»My wife, Shirley, and I share our family story here, not because it is unique, but because it is a typical account of one way parents respond to the news that a child they love and admire is gay. We offer it with the prayer that it may help other families and our church family as we seek to understand a reality that will not go away. Looking back now, we can see seven periods of creative development in the transformation we have experienced.« (33)

Die beiden Eltern wünschen sich, dass ihre Geschichte, die sie nicht deswegen erzählen weil sie außergewöhnlich ist, anderen Familien und der Kirche dabei helfen eine Wirklichkeit zu verstehen, die nicht mehr weggehen wird. Die beiden Gliedern das Kapitel symbolisch in sieben Phasen, die ihnen in der Reflexion ihres Umgangs mit der Tatsache der Homosexualität ihres Sohnes aufgefallen sind.

Tag 1: leugnen

Ihre erste Reaktion auf das Gespräch mit ihrem Sohn bestand darin das Gehörte zu leugnen. Die beiden geben an, zu diesem Zeitpunkt sehr wenig über Homosexualität gewusst zu haben. Alle Vorurteile, die ihnen bekannt waren, trafen jedoch auf ihren Sohn nicht zu, daher empfanden sie die Leugnung des Gehörten als angemessen.

Tag 2: erklären

Mit der Zeit wurde ihnen jedoch klar, dass sowohl für ihren Sohn als auch für die Eltern das Leugnen der Homosexualität nicht mehr möglich war. Sie mussten sich der Tatsache stellen. Dies taten sie zunächst indem sie versuchten die Ursache(n) zu erklären. Alle Erklärungen, denen sie nachgingen, erwiesen sich jedoch als weder zutreffend noch stichhaltig.

»We learned there are several theories on the causes of homosexuality, that they stand in conflict with each other, that none of them can be sufficiently established to produce a consensus, and that the only certain truth at this point in time is that nobody really knows. The fact is that across time, nations, classes, races, and cultures, a consistent percentage of people in all populations are homosexual and the fault cannot be laid at anyone’s feet. We learned that nobody knows what causes heterosexuality, either.« (34)

Tag 3: »fix it«

Nun, da sie die Tatsache weder leugnen noch erklären konnten, zogen sie in Erwägung "das Problem zu lösen". Sie sahen zwei Möglichkeiten der Lösung: göttliches Eingreifen oder Psychotherapie. Ihr Sohn hatte schon vor langer Zeit damit begonnen um göttliches Eingreifen zu beten, bisher war dies jedoch nicht eingetroffen. Daher entschieden sie sich für eine Psychotherapie. Auf der Suche nach einer Therapie erfuhren sie, dass die Psychotherapeuten schon vor Längerem zur Erkenntnis gekommen waren, dass Homosexualität keine Krankheit war. Das einzige was eine Therapie bewirken konnte war es dem Sohn dabei zu helfen sich so anzunehmen wie er ist, und als solcher zu leben.

Tag 4: trauern

Aus dieser Erkenntnis folgte für die Eltern Trauer. Aus ihrer Sicht gab es an dieser Stelle zwei Abschiede, über die sie trauern könnten. Der erste wäre der Abschied von Ihrem Sohn. Für einige mag es eine Lösung sein ihre Kinder von sich zu weisen, wenn sie nicht ihren Vorstellungen entsprachen. Für Shirley und Paul stellte das jedoch keine Option dar, also mussten sie sich von ihrer Sicht der Welt verabschieden:

»The other choice is to suffer the death of your own misunderstandings, ignorance, and attitudes. Then you mourn the loss of a nice and tidy view of the world in which everything fits neatly into boxes of black or white, right or wrong, true or false. And, as a Christian, you mourn the loss of security provided by a few biblical passages that can tell you which is which so you don’t have to take any responsibility for making a judgment.« (36)

In dieser Phase trauerten sie auch über die Tatsache, dass ihr Sohn nie auf diese Weise leben würde, wie sie es sich ausgemalt hatten. Und dabei stellten sie fest, dass ihre Aufgabe nicht darin bestand an einem Ideal festzuhalten, oder in der Trauer zu verharren, sondern ihren Sohn dabei zu unterstützen ein erfülltest Leben zu leben.

Tag 5: annehmen

Nun war die Zeit gekommen ihren Sohn nochmals neu genau so anzunehmen wie er war. In dieser Zeit gewann das Gebet um Gelassenheit für sie an Bedeutung:

Lord give us the serenity to accept what cannot be changed;
the courage to change what can be changed;
and the wisdom to know the difference.

Sie wussten, dass die Homosexualität ihres Sohnes nicht verändert werden musste und konnte. Was sie seither jedoch für wichtig erachten, ist das Verhältnis von Heterosexuellen zu Homosexuellen zu verändern:

»For us that has come to mean the acceptance of something in the being of our son that neither we nor he would have chosen, something neither he nor we can change. More than that, it has come to mean seeking change in those things that can be changed, namely the attitudes toward and understandings of homosexuality that remain dominant in both church and society. For we have come to realize the biggest problem in being gay is not the gayness, but the reaction of heterosexuals to it. We want to join our voices with those of others who seek the way of healing and wholeness at this point of pain in our world.« (37)

Tag 6: feiern

Nachdem sie nun also in die Phase der Annahme gekommen waren, stellten sie sich die Frage wie sie die Homosexualität als solche einordnen sollten. Nachdem sie einige bekannten Erklärungenansätze durchdacht hatten, entschieden sie sich dafür Homosexualität als eine ‚Variation der Natur‘ zu verstehen. Diese Variation verstehen sie als Bereicherung und feiern diese. Genauso wie es Rechts- und Linkshänder gibt, leben Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen. Hierbei ist keine mehr oder weniger wert, sie kann und sollte nicht verändert werden, vielmehr kann und darf sie als Bereicherung gefeiert werden.

»Is homosexuality rightly compared to left-handedness? If so, we can celebrate it as a gift of God.
Since there are no experts who can answer these questions beyond the shadow of doubt, all we can do is digest the best information available from the testimony of gay and lesbian people, the ongoing results of scientific research, and the insights of serious biblical scholarship, praying that the Holy Spirit will lead us into truth. In the meantime, we all walk by faith and run with risk. Each of us will place our own bet and take responsibility for the outcome. As for me and my house, we’re putting our money on the celebration line. We would rather err on the side of helping hurting people than on the side of hurting helpless people. Lord, have mercy upon us!« (39)

Tag 7: ruhen

Alle Artikel in dieser Serie:

  1. Homosexualität und Christsein (1)
  2. Homosexualität und Christsein (2)
  3. Homosexualität und Christsein (3)
  4. Homosexualität und Christsein (4)
  5. Homosexualität und Christsein (5)
  6. Homosexualität und Christsein (6)
  7. Homosexualität und Christsein (7)
  8. Homosexualität und Christsein (8)
  9. Homosexualität und Christsein (9)
  10. Homosexualität und Christsein (10)
  11. Homosexualität und Christsein (11)
  12. Homosexualität und Christsein (12)

1 Kommentar

  1. Für mich ist das das bisher beste Kapitel! Danke für die Zusammenfassung. Spannend zu lesen was passiert, wenn die evangelikale Weltsicht und die Realität im Schutzraum Familie zusammenprallen. Und toll, dass die beiden die Größe hatten, ihr Bild von der Welt zu ändern.

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