Homosexualität und Christsein (7)

Der dritte Teil des Buches ›Homosexuality and Christian Faith‹ steht unter der Frage ›What are the Issues?‹, und beschäftigt sich mit wichtigen Fragestellungen bezüglich des Verständnisses von Homosexualität und sexueller Identität im Allgemeinen. Das erste Kapitel in diesem Teil stammt von Barbara und Morton Kelsey. Unter der Überschrift Homosexualities zeigen die Beiden Facetten sexueller Identität auf. Das Kapitel wurde nicht speziell für das vorliegende Buch geschrieben, es handelt sich vielmehr um Auszüge aus Sacrament of Sexuality, das die Beiden im Jahre 1986 herausgegeben haben.

Barbara und Morgen Kelsey beziehen sich im vorliegenden Kapitel auf den Sexualforscher Alfred Charles Kinsey, der „als erster im großen Stil statistische Erhebungen über das Sexualverhalten des Menschen“ durchführte.

Kinsey betont die Facetten sexueller Orientierung. Aus seiner Sicht kann nicht schwarz/weiß zwischen Heterosexualität und Homosexualität unterschieden werden. Sexuelle Orientierung lässt sich nicht mit feststehenden Begriffen fassen, sondern muss immer den Facetten und der Komplexität Rechnung tragen. Er entwickelte eine Skala mit deren Hilfe die Komplexität sexueller Orientierung kommunizierbar gemacht werden konnte. Die Kinsey-Skala bildet ein Spektrum ab, das von 0 bis 6 reicht:

Kinsey ScaleKinsey Skala, by Hk kng [Public domain], via Wikimedia Commons

»Die Skala reicht von 0 bis 6, wobei 0 für ausschließlich heterosexuell und 6 für ausschließlich homosexuell steht. Dazwischen liegen verschiedene Formen bisexueller Erfahrungen, wobei 3 gleiche Anteile heterosexueller und homosexueller Erfahrungen bezeichnet. Außerdem gibt es neben der Skala eine Kategorie X für asexuelle Individuen, die weder von Männern noch von Frauen sexuell erregt oder angezogen werden.«

Quelle: Kinsey-Skala – Wikipedia

Auch wenn dieser kurze Hinweis auf die Kinsey Skala wichtige Aspekte seiner Arbeit und die Rezeption derselben ausser Acht lässt, erschien es mir sinnvoll diesen Hinweis einzufügen, um das von Barbara und Morgen Kelsey angesprochene besser einordnen zu können.

Die Beiden sprechen davon, dass es fünf, einander überlappende, Adaptionen sexueller Orientierung gibt — heterosexuell, homosexuell, bisexuell, zölibatär und asexuell. In diesen Adaptionen wiederum sind viele Variationen vorzufinden, weshalb es irreführend ist einzelne Adaptionen im Singular und als feststehende Begriffe zu verwenden.

»People with a heterosexual identity will find themselves primarily attracted to people of the opposite sex for their sexual gratification. […] This does not mean that people with this identity may not occasionally feel some attraction to those of the same sex. […] Heterosexuality expresses itself in many different ways. […]

There are as many different kinds of homosexual relationships as there are heterosexual. They range from permanent, deeply caring unions to shortterm relationships, to one-night stands, to rape. American society puts many roadblocks in the way of the more permanent kind of sexual relationships between people of the same sex.

Those with a bisexual orientation (and surveys show far more in this range than is ordinarily believed) have strong or moderate attractions sexually and emotionally toward both sexes. People in this position may be in long-term relationships with people of the same sex or people of the opposite sex. They may live a single lifestyle with sexual experiences with both sexes, or, like people of any orientation, they may opt for celibacy. Some human beings are able to have warm, caring sexual relations with both sexes. […] Society offers little direction or help for bisexual people, and there are very few support groups available for them such as have recently developed for those with a primarily homosexual orientation.

Most of us usually think in terms of either/or distinctions rather than a many-pointed scale. One of the most important findings of Kinsey and his associates related to sexual behavior in regard to the three categories just mentioned. They presented a scale showing how exclusive heterosexuality shaded into bisexuality and finally to exclusive homosexuality.« (70)

Die Kinsey-Skala bezieht sich hauptsächlich auf diese drei Aspekte. Der Vorteil der Skala besteht darin, dass sie den Raum zwischen den beiden Polen sichtbar und damit kommunizierbar macht. Diese Ausführungen werden weiter unterstrichen durch die Erwähnung statistischer Daten, nach denen ein großer Teil der Bevölkerung (ca. 50-60%) ihre sexuelle Erfahrung nicht exklusiv heterosexuell bezeichnen würde. Als exklusiv homosexuell bezeichneten 1-16% der Bevölkerung ihre sexuelle Erfahrung. Zu diesen Zahlen ist zu bedenken, dass sie sowohl recht alt sind, als auch von mir nochmals zusammengefasst wurden. Es geht hier meiner Ansicht nach nicht so sehr um die Zahlen im Einzelnen, sondern eher darum die Skala mit Aussagen von Menschen in Beziehung zu setzen und aufzuzeigen, dass die „Normalität“ von der gerne gesprochen wird, der tatsächlichen Erfahrung nicht standhält.

Auf Seite 71 sprechen die Autoren darüber, dass Margret Mead herausgefunden hat, dass in fast allen Kulturen der Welt homosexuelle Praxis gefunden werden kann, und dass es auch Kulturen gibt, in denen homosexuelle Orientierung Anlass zu Hochachtung ist.

Barbara und Morgen Kelsey werben dafür die Facetten sexueller Identität besser verstehen zu lernen und die Komplexität dieses gesamten Bereiches zu achten. Ihnen scheint es vor Allem um erfülltes und gelingendes Leben zu gehen. Sexuelle Identität und Orientierung sollte ihrer Meinung nach keine zu große Rolle auf dem Weg zu erfülltem und gelingendem Leben spielen, da egal in welcher Konstellation gute Beziehungen möglich sind, und eine Person unabhängig von ihrer sexuellen Identität ein erfülltes und gelingendes Leben führen kann.

Alle Artikel in dieser Serie:

  1. Homosexualität und Christsein (1)
  2. Homosexualität und Christsein (2)
  3. Homosexualität und Christsein (3)
  4. Homosexualität und Christsein (4)
  5. Homosexualität und Christsein (5)
  6. Homosexualität und Christsein (6)
  7. Homosexualität und Christsein (7)
  8. Homosexualität und Christsein (8)
  9. Homosexualität und Christsein (9)
  10. Homosexualität und Christsein (10)
  11. Homosexualität und Christsein (11)
  12. Homosexualität und Christsein (12)

Schreib’ einen Kommentar

*