Homosexualität und Christsein (9)

In letzter Zeit kam ich nicht mehr dazu an dieser Serie weiter zu schreiben, auch wenn ich es nach wie vor wichtig finde. Zu dieser Zeit des Schweigens passt das Thema des Kapitels von Maria Harris und Gabriel Moran im Buch ›Homosexuality and Christian Faith‹ über das ich heute schreiben werde. Sie behandeln den Komplex ›Argument aus dem Schweigen‹, der in der Theologie weit verbreitet ist.

»There is a way of reading the Bible that, while called “literal,” is actually a disregarding of the words for the sake of ideas. That is, a set of ideas is assumed to be immutable so that the words are mere labels. The nonexistence of a term is not taken seriously; the reality, it is assumed, was condemned in other words. “Homosexuality” is an interesting example of what is supposedly condemned by the Bible in a few texts.« (78)

Wird ein Argument aus dem Schweigen konstruiert handelt es sich dabei um ein Vorgehen, das den Text verlässt, und ein Argument konstruiert von dem ausgegangen wird, dass der Text dieses aufführe, von dem im Wortlaut jedoch nicht die Rede ist. Harris und Moran sprechen in diesem Zusammenhang davon, dass die Nichtexistenz eines Begriffes nicht ernst genommen wird, vielmehr wird angenommen, dass das Vorkommen dessen mit anderen Worten verurteilt wurde. Für die Beiden ist ›Homosexualität‹ ein sehr gutes Beispiel für dieses Vorgehen.

Die Aussagen der biblischen Texte werden auf eine Weise verwendet, als würden sie von Homosexualität sprechen, auch wenn das Wort selbst erst im 19. Jahrhundert auftaucht. Und es stellt sich die Frage: Ist es möglich etwas zu verurteilen, wofür es keinen Begriff gibt? Darüber lohnt es sich nachzudenken, vor Allem vor dem Hintergrund, dass in manchen Kreisen gerne auf eine Weise mit der Bibel argumentiert wird, als stünde der Begriff explizit darin.

Kürzlich las ich einen Blogeintrag von Justin Lee in dem er darüber schrieb, dass es zwar nett sei, wenn Christen äußerten, dass sie Lesben und Schwule lieben würden, dass diese Äußerungen jedoch wertlos sind, wenn sie sich nicht im tatsächlichen Umgang mit ihnen ausdrücken. In eine ähnliche Richtung verstehe ich die Würdigung des Einsatzes für Menschenrechte von Lesben und Schwulen, der Harris und Moran den Zweifel gegenüberstellen, ob sich dies lange durchhalten lasse, wenn dem Engagement nicht auch die tatsächliche Unterstützung für gelebte Partnerschaften folgt.

»Many religious groups can support the civil rights of gay and lesbian people while not approving same-sex sexual relations. Whether such a policy can be consistently maintained on a long-term basis is doubtful, but the recognition of persons with civil rights is a big step.« (80)

In der Bibel findet sich nach Harris und Moran also keine direkte Aussage zu Homosexualität. Wenn man nun einen auf biblischer Aussagen beruhenden Hinweis zu Homosexualität sucht, dann wird man in den allgemeinen Aussagen zu gelebter Partnerschaft und Sexualität fündig. Ähnlich wie in vorangegangen Kapitel kommen die Beiden auch zum Ergebnis, dass es wichtig ist zu gelingendem Leben und gelingenden Partnerschaften und erfüllender/erfüllter Sexualität beizutragen. Ein Argument aus dem Schweigen zu bemühen und etwas zu verurteilen für das es zur Zeit der Abfassung der biblischen Texte noch gar keinen Begriff gab scheidet ihrer Meinung nach als Option aus.

»At the end of the twentieth century, individuals are probably no wiser than they ever have been about their sexual lives, but the human race undeniably has a different understanding of sexuality from what it had in the past. (…) Sexual intimacy between consenting partners of the same sex seems to be nothing less and nothing more than part of that wonderful range of expression.« (81)

Alle Artikel in dieser Serie:

  1. Homosexualität und Christsein (1)
  2. Homosexualität und Christsein (2)
  3. Homosexualität und Christsein (3)
  4. Homosexualität und Christsein (4)
  5. Homosexualität und Christsein (5)
  6. Homosexualität und Christsein (6)
  7. Homosexualität und Christsein (7)
  8. Homosexualität und Christsein (8)
  9. Homosexualität und Christsein (9)
  10. Homosexualität und Christsein (10)
  11. Homosexualität und Christsein (11)
  12. Homosexualität und Christsein (12)

1 Kommentar

  1. Lieber Daniel, danke auch für diesen Text. Auch wenn ich dem unterfangen aus der Bibel etwas Homosexualität – neutrales heraus zu lesen kritisch gegenüber stehe, gelingt dir hier doch ein umfassenderes Bild als ich vermutet hätte. Ich wünsche mir, dass sich der eine oder andere von der wörtlichen Auslegung der Schrift abbringen lässt und erkennt, dass Gott und Jesus den homosexuelle Menschen nicht ausgegrenzt sehen wollte.

    Wir alle wünschen uns teilhabe am Christentum, am glauben und an der Kirche und sind doch so weit entfernt davon.
    Vielleicht ist dein Text ein Beitrag zwischen den Lagern eine Brücke zu bauen. Ich wünsche es mir.
    Danke
    Laura

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