Ich wünsche mir Normalität

Homosexualität und die Frage nach der Verbindung von Homosexualität und Christsein ist kein abstraktes Thema. Es geht vielmehr um das Leben von Menschen. Da mir eine gründliche Beschäftigung wichtig ist, was bereits im ersten Blogeintrag der Serie »Homosexualität und Christsein« deutlich wurde, und zu dieser gründlichen Beschäftigung mehr gehört als ein Buch zu besprechen, freue ich mich heute eine erste Gesprächsnotiz veröffentlichen zu können. In den letzten Wochen unterhielt ich mich mit einem Freund per Mail, dabei entstand dieses Interview. Um seine Privatsphäre zu schützen erscheint es hier anonym:

Im Arbeitspapier zum Bildungsplan 2015 ist neben anderen Bereichen, die Rede davon, dass fächerübergreifend auch die Akzeptanz sexueller Vielfalt gestärkt werden soll. Wie hast Du von diesem Arbeitspapier erfahren?

Von dem Arbeitspapier habe ich erst über die Petition „Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“ bzw. über Berichte darüber in sozialen Medien erfahren.

War das Arbeitspapier zum Bildungsplan vor der öffentlichen Auseinandersetzung noch kein Thema an Deiner Schule?

Das Arbeitspapier ist bei uns an der Schule auch jetzt kein Thema, da wir an unserer Schulart (Schule für Geistig- und Körperbehinderte) einen eigenen Bildungsplan haben. Im Bereich „Sexualerziehung“ kommt das Thema „Homosexualität“ lediglich in einem Satz vor: „Mögliche Inhalte > Sexualität und ihre Formen (Geschlechtsverkehr, Selbstbefriedigung, Homosexualität und Weiteres).“

Wie ist die Stimmung an Deiner Schule bezüglich der möglichen Verankerung sexueller Vielfalt in den Lehrplan?

Das Arbeitspapier wird auf unsere Schulart bzw. unseren Bildungsplan keine Auswirkungen haben, da unser Bildungsplan von 2009 ist und dementsprechend erst in den letzten Jahren in den Schulen implementiert wurde. Davon abgesehen, stehen bei unserer Schülerschaft andere Bereiche im Vordergrund, wie die Erziehung bzw. Befähigung zur Selbständigkeit. Sieht man von den Inhalten des Bildungsplans ab, ist das Thema Sexualität bei Menschen mit Behinderung generell ein noch viel größeres Tabuthema als Homosexualität.

Bei uns an der Schule sieht man den Umgang mit der sexuellen Vielfalt generell eher gelassen. Bei einigen Schülern wird in typischen Lehrerzimmergesprächen vermutet, dass sie homosexuell sind. Es wird dann darüber gelächelt, aber im Grunde wird positiv damit umgegangen. Vielleicht liegt das daran, dass bei uns der Mensch an sich im Vordergrund steht.

Denkst Du die Verankerung der sexuellen Vielfalt im Lehrplan würde zu mehr Akzeptanz und einem positiveren Umgang mit Homosexuellen führen? 

Das lässt sich schwer vorhersagen. In der aktuellen Situation sehe ich das eher fragwürdig. Es ist doch so: Stehen die Lehrer hinter dem, was sie unterrichten, haben sie die größte Chance, ihre Schüler zu erreichen. Davon abgesehen beeinflussen doch auch das Elternhaus und die soziale Umgebung maßgeblich die Bildung ethisch-moralischer Ansichten. Das ist die Crux an der Sache.

Die aktuelle Situation zeigt deutlich auf, wie viel Handlungsbedarf noch besteht. Auf lange Sicht bin ich optimistisch. Ich denke durchaus, dass es Sinn macht, den Punkt der sexuellen Vielfalt mit in den Bildungsplan aufzunehmen – eben um es für alle zu thematisieren und jedem die Möglichkeit zu geben, sich mit dem Thema bewusst auseinanderzusetzen.

Wundert es Dich, dass vor Allem auf den Bereich der sexuellen Vielfalt öffentlichkeitswirksam aufmerksam gemacht wird?

Das finde ich sehr schwierig zu beantworten. Allgemein gesehen wundert es mich im Grunde nicht, da dieses Thema bekanntermaßen extrem spaltet und jeder aufgrund biographischer Erfahrungen (oder Nicht-Erfahrungen) eine Meinung dazu hat bzw. es sich jeder herausnimmt, eine Meinung dazu zu haben. Das zeitnahe Hitzlsperger-Outing passt da ja ganz gut ins Schema.

In schulischer Hinsicht wundert es mich dagegen sehr, da sich ansonsten kaum einer Gedanken macht, was eigentlich im Bildungsplan steht. Hier geht es um Werte, komischerweise sind die Inhalte der Fächer wohl eher uninteressant.

Was empfindest Du momentan wenn Du an die Petition („Kein Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens“) denkst?

Ich habe ein ganz ungutes Gefühl, da es die Bevölkerung spaltet und bewusst Ängste schürt. Aus meiner subjektiven Sicht werden Homosexuelle einer Lobby bezichtigt, die zum Beispiel Umerziehungsversuche an Kindern vornehmen will. Da werden mit plumpen Formulierungen auf BILD-Zeitungs-Niveau Ängste angesprochen, die bei genauerer Betrachtung obsolet sind. Mich beunruhigt es, weil ich die Gefahr sehe Homosexuelle (etc.) zu verteufeln und in ihren Menschenrechten zu beschneiden. Schaut man aktuell in andere Länder kann man sehr gut sehen, wie schnell es passieren kann, dass hart erkämpfte Rechte wieder entzogen werden. Die aktuelle Diskussion bzw. Agitation empfinde ich als sehr gefährlich. Ich bin da übrigens nicht alleine – in Gesprächen mit anderen „Schwulen“ wird diese Angst immer häufiger formuliert. Man muss sich meiner Meinung nach klar machen, von was man eigentlich redet: Sexualität. Es gehört zum Menschsein, ist ein Teil davon neben ganz vielen anderen Aspekten und Bereichen. In den ganzen Diskussionen wird jedoch dieser eine Bereich so groß dargestellt als ob es nichts anderes gäbe. Es mag für viele vielleicht überraschend sein, aber auch Homosexuelle, etc. denken nicht nur an Sex. Mich ärgert es generell, Menschen auf einen Bereich zu reduzieren – ich bin kein Schwuler oder Homosexueller oder ein Sehbehinderter oder was auch immer. Ich bin zuerst einmal Mensch.

Was mir ebenfalls Magenschmerzen bereitet ist die unsägliche Grundannahme vieler, dass die „sexuelle Vielfalt“ Pädophilie, Sodomie beinhaltet oder sogar damit gleichzusetzen ist. Homosexualität, etc. wird dadurch bewusst und unbewusst als krankhafte bzw. psychische Störung angesehen.

Die von dir angesprochenen Vorwürfe, dass hier eine Lobby ihr Unwesen treibt, werden des Öfteren von Menschen angeführt, die sich als „Mehrheit“ gegenüber einer „Minderheit“ fühlen.

In letzter Zeit mache ich mir viele Gedanken über den Begriff „Minderheit“. Er fällt so leicht bei solchen Diskussionen und Gesprächen. Und ich bin es leid – gehört denn nicht jeder zu einer Minderheit? Durch den Gebrauch dieses Begriffes stellt man sich automatisch auf eine andere Stufe, die einem vermeintlich das Recht gibt über andere zu richten.

Viele Vorwürfe und einige Begründungen des Handelns wirken auf mich auch so als würden sie aus einer gefühlten Überlegenheit heraus formuliert. Auf der anderen Seite wirkt das panische Handeln und sich solidarisieren mit radikalen Gruppen auch zutiefst verunsichert, da die bisweilen angenommene Mehrheit doch nicht so stark ist wie gedacht.

Du bist selbst homosexuell, aber nicht in allen Bereichen Deines Lebens geoutet. Was bewegt Dich dazu Deine sexuelle Orientierung für Dich zu behalten?

Der Begriff Outing ist ja nahezu gleichzusetzen mit dem Begriff „Bekenntnis“. Das hat für mich eine negative Konnotation. Man bekennt sich zu etwas Unrechtem, Verbotenem. Dahinter steckt die traurige Wahrheit, dass in den Köpfen unserer Mitmenschen immer noch der Gedanke steckt, dass Homosexualität etwas Unnatürliches, Perverses, Verbotenes ist. Von daher ist das ein sehr komplexes Thema. Persönlich habe ich folgende Erfahrungen gemacht: Einerseits wurde ich nach einem „Outing“ oft gefragt, warum ich es nicht schon früher gesagt habe. Andererseits wird immer wieder gesagt, dass dieser Bereich doch niemanden etwas angeht – auch diese Erfahrung habe ich gemacht. Beides ist nachvollziehbar und dennoch kann man es nicht richtig machen. Für mich bedeutet „Outing“ inzwischen, einfach „normal“ zu leben – man könnte es auch als „passives Outing“ bezeichnen. Und wie bereits gesagt stecke ich mich nicht selbst in eine Schublade, um mich dadurch selbst auf einen kleinen Teil meiner Persönlichkeit zu reduzieren.

Man mag mir in dieser Hinsicht gerne vorwerfen ich sei feige. Ich sehe es jedoch so: Warum soll ich explizit Stellung zu meiner sexuellen Orientierung beziehen? Ich bin seit 7 Jahren in einer festen Beziehung und lebe diese soweit wie möglich öffentlich. Das heißt, wir besuchen gemeinsam kulturelle Veranstaltungen, leben unseren Alltag ganz normal. Nur weil wir „homoSEXuell“ sind, heißt das noch lange nicht, dass wir nur wegen gemeinsamen sexuellen Präferenzen zusammen sind. Zur Veranschaulichung: Wir laufen nicht Händehaltend durch die Gegend (weil wir uns dazu verstellen müssten – es ist schlichtweg nicht unser Ding), trotzdem kann es sein, dass ich meinem Freund mal einen Kuss gebe, wie man es auch sehr oft bei „heterosexuellen“ Paaren sieht und akzeptiert. Doch selbst solch kurze Momente der Zuneigung gehen nicht überall. Mein Freund ist bei sich im Ort und seiner Familie nicht geoutet und kann es aus verschiedenen Gründen nicht sein.

Auf schulische Veranstaltungen gehe ich alleine. Das hat einerseits mit dem Nicht-Geoutet-Sein meines Freundes zu tun, andererseits trenne ich Beruf und Privatleben sehr strikt. Einige Schülereltern wissen oder vermuten es, ich habe jedoch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Es ist für mich ein Privatbereich, den ich nicht mit allen teilen möchte. Übrigens handhaben das viele meiner heterosexuellen Kollegen in gleicher Weise.

Meine Familie weiß teilweise davon. Meine Eltern, Kusinen, ein paar Tanten und Onkels wissen, dass ich einen Freund habe. Meine Brüder wissen es nicht. Für mich ist das in der Tat sehr schwierig, da mir meine Brüder trotz extrem unterschiedlicher Ansichten sehr wichtig sind. Ich weiß aber, dass sie ein riesiges Problem damit haben und Homosexualität, etc. ablehnen. Ich muss dazu sagen, dass meine Brüder eher fundamentalistisch christliche Ansichten haben. Im Moment (ich sage dies bewusst – das schwankt mitunter täglich) bin ich der Ansicht, dass es sie nichts angeht. Hätten Sie Interesse, würden Sie mich fragen. Die Möglichkeit haben sie, da ich mein Leben inzwischen nicht mehr verleugne – auch nicht verbal („Ich war im Urlaub“ > „Wir waren im Urlaub“).

Bei meinen Eltern ist es sehr unterschiedlich: Meine Mutter hat es akzeptiert und fragt immer wieder nach, wie es „uns“ (also meinem Freund und mir) geht. Mein Vater konnte bzw. kann es nicht akzeptieren und blendet das Thema „einfach“ aus. Er hegt noch immer die Hoffnung, dass mir eines Tages meine „Traumfrau“ über den Weg läuft – weiß aber im tiefsten Inneren, dass das nicht so sein wird. Nach meinem Outing konnte er wochenlang nicht mehr mit mir reden und die „Aussprache“ war auch eher knapp. Inzwischen versucht er über andere Wege, dieses Loch zu kompensieren. Ich persönlich kann das inzwischen annehmen, auch wenn es anders sicherlich wünschenswerter ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich verleugne meine Homosexualität nicht, ich stehe vollkommen zu ihr (was ein langer und schwieriger Weg war). Aber ich schreie es nicht in die Welt.

Wie nimmst Du in Deinem Umfeld die Haltung Deiner Mitmenschen gegenüber Homosexuellen wahr?

Ich höre immer wieder herablassende Formulierungen und Beschimpfungen – bewusst und unbewusst. Sei es im Familienkreis oder auf der Arbeit. Ich habe da natürlich eine andere Antenne, da ich selbst „betroffen“ bin – auch wenn ich diesen Ausdruck nicht mag. 

Das Thema scheint für alle sehr interessant zu sein. Selbst gute Freunde thematisieren es immer wieder, was mir manchmal auch wirklich lästig erscheint. Das kann auch eine positive Thematisierung sein, wenn sie mit allen Mitteln versuchen, möglichst politisch korrekt zu sein, weil ich mit im Raum bin – als ob ich alles persönlich nehmen würde.

Hast Du es schon erlebt auf Deine Sexualität reduziert zu werden?

Bei anderen habe ich es teilweise schon erlebt, dass sie auf ihre Sexualität reduziert werden und sich ihre Kontakte nach dem Outing verringert haben. Ich selbst habe da im Großen und Ganzen meist nur positive Erfahrungen gemacht. Die größten Probleme haben meine Freunde mit christlichem Hintergrund. Bei vielen von Ihnen bemerke ich nach dem „Outing“ eine leichte Distanzierung bzw. den Drang, sich vorwiegend über dieses Thema zu unterhalten. Ich sehe das allerdings positiv, da es eine konstruktive Auseinandersetzung ist und viele vorher noch nie direkt mit dem Thema konfrontiert waren. Von daher ist es eine thematische Reduzierung, das ist nicht ganz so schlimm lach.

Hast Du eine Vermutung woran es liegen könnte, dass Homosexualität für viele so interessant ist und gleichzeitig Ängste damit verbunden sind?

Ich denke, dass ganz viele einfach eine Angst vor dem Fremden haben. Viele in meinem Umfeld kümmert es nicht, einige äußern sich hinter meinem Rücken spottend (was dann ja eher als negativ zu beurteilen ist) – im Laufe der Zeit habe ich jedoch ein dickes Fell bekommen, von daher ist mir das herzlich egal.

Mich persönlich beschäftigt am Meisten die Haltung meiner Familie bzw. meiner Brüder. Diese Haltung kann ich nicht akzeptieren, habe aber in einigen hitzig geführten Diskussionen inzwischen feststellen müssen, dass Diskussionen überflüssig sind, wenn ideologische Ansichten oder Überzeugungen mit im Spiel sind. Da sind einfach keine Annäherungen möglich bzw. ist es mir bislang noch nicht gelungen.

Die Petition wurde von Personen initiiert und getragen, die aus dem kirchlichen Umfeld stammen. Wundert Dich die kritische Haltung dieser Kreise gegenüber sexueller Vielfalt?

Als christlich sozialisierter Mensch wundert mich das überhaupt nicht. Ich frage mich selbst, weshalb gerade aus solchen Kreisen soviel Hass und Unvermögen, den Anderen als liebendes Wesen wertzuschätzen, entspringen kann.

Welche Möglichkeiten siehst Du für Kirche und Christsein, um Homosexuellen ›Heimat‹ zu bieten?

Ganz ehrlich: Da bin ich überfragt. Im Grunde empfinde ich die Thematisierung (auch wenn sie momentan noch überaus wichtig ist) als obsolet, denn die Kirche als Institution sollte doch jedem Menschen Heimat bieten, egal welche sexuelle Orientierung jemand hat.

Wenn Du einen Wunsch frei hättest, was würdest Du Dir für Dich und Deine Sexualität oder den Umgang Deiner Mitmenschen mit Homosexuellen wünschen?

Normalität

Vielen Dank, das wünsche ich Dir auch!