Homosexualität und Christsein (11)

In Kapitel 10 des Buches ›Homosexuality and Christian Faith‹ geht Richard Rohr der Frage nach wohin uns das Evangelium bezüglich Homosexualität führt. Dabei spricht er zunächst über Beziehung, und führt anhand der Aussage dass wir gut darin sind zentrale Aspekte der Lehre Jesu zu übersehen aus, wie sich die Motivation der ›anti-gay-folks‹ von Jesu Lehre und Wirken unterscheiden.

Leben in Beziehung

Rohr öffnet sein Kapitel mit der Aussage, dass seiner Ansicht nach für eine homosexuelle Beziehung das Selbe gilt wie für eine heterosexuelle Beziehung:

»I think God would ask of the homosexual relationship exactly what God asks of the heterosexual relationship: truth, faithfulness, long-suffering, and the continuing forgiveness of the other.« (91)

Aus seiner Sicht sind als Wahrheit, Treue, Geduld und die andauernde Bereitschaft zur Vergebung die wichtigen Merkmale für Beziehung, egal ob diese von Menschen gleichen oder unterschiedlichen Geschlechts gelebt wird. Beziehungen in denen diese Merkmale vorhanden sind entsprechen nach Rohr der Idee Gottes.

Kontrolle und Freiheit

Im Anschluss an die Aussage von Beziehungen gemäß der Idee Gottes geht er auf kritische Positionen aus den Reihen der organisierten Religion ein. Dabei wird schnell deutlich, dass er das Streben nach Kontrolle und Aufrechterhaltung des Status Quo in Frage stellt und mit der geschenkten Freiheit Gottes kontrastiert.

So geht er zunächst auf Aussagen ein, die Homosexualität nicht als Sünde bezeichnen, jedoch Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit fordern. Diese Form der Kontrolle kritisiert Rohr vor Allem deswegen, weil hier etwas von Menschen verlangt wird, das in der Bibel als Gabe Gottes dargestellt wird. Durch diese Forderung wird die Theologie der freien Zuwendung von Gaben ad absurdum geführt, da Gaben ihrem Charakter nach nicht eingefordert oder angeordnet werden können.

Im Zusammenhang mit diesem Beispiel führt Rohr weiter aus, dass es organisierter Religion meist um die Aufrechterhaltung des Status Quo geht, und dass sie dafür alle möglichen Mittel der sozialen Kontrolle nutzt. Für ihn wird an dieser Frage deutlich, dass wir Menschen sehr gut darin sind zentrale Aspekte der Lehre Jesu zu übersehen, um unsere eigenen Weltbilder und Wertvorstellungen zu verfolgen.

»The arguments of the anti-gay folks are often very well intentioned, but their goals and objectives seem to be different from those of Jesus. The arguments have to do with very secular concerns: control over chaos, majority rule, fear of the other, fear of the unknown, and idealization of a family unit that Jesus himself neither lived nor idealized. […] Let’s admit it, we have shown after two thousand years an amazing capacity for missing Jesus’ central teaching.« (92f.)

Unter Angabe ›religiöser Motive‹ werden hier sehr ›weltliche Ziele‹ verfolgt: Kontrolle über Chaos, das Mehrheitsprinzip, Angst vor dem Anderen, Angst vor dem Unbekannten und die Idealisierung eines Familienbildes, das Jesus weder gelebt noch idealisiert hat. Religion scheint an zu vielen Stellen davon auszugehen, dass Menschen ein aufwändiges Gesetz bräuchten, um überhaupt dazu in der Lage zu sein gemäß der Idee Gottes zu leben. Gott scheint sich im Gegensatz dazu mit Unterschiedlichkeiten sehr wohl zu fühlen, und die Komplexität und Unterschiedlichkeit der Menschen ernst zu nehmen.

Richard Rohr führt als Beispiel zentraler Aspekte der Lehre Jesu Matthäus 22,35–40 an:

Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, stellte Jesus eine Falle. Er fragte ihn: »Lehrer, welches ist das wichtigste Gebot des Gesetzes?«

Jesus antwortete: »’Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit deinem ganzen Verstand!’ Dies ist das größte und wichtigste Gebot. Aber gleich wichtig ist ein zweites: ‘Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!’

In diesen beiden Geboten ist alles zusammengefasst, was das Gesetz und die Propheten fordern.«

Der zentrale Aspekt der Lehre Jesu wäre demnach Gott und Mitmenschen zu lieben. In diese Freiheit lädt Gott uns ein. Unseren Mitmenschen liebevoll zu begegnen ermöglicht tiefe Begegnung und echte Gemeinschaft in all unserer Unterschiedlichkeit. An dieser Ausführung wird der Unterschied im Ansehen des Gegenübers deutlich, während Jesus einen liebevollen, wertschätzenden Blick vorlebt und vorschlägt, folgt aus dem Streben nach Sicherheit ein kontrollierender Blick.

Rohr führt diesen Gedanken weiter, indem er davon spricht, dass Jesus uns zur Veränderung an uns selbst einlädt. Er sucht keinen Sündenbock auf den er alles Schlechte abwälzen kann, er führt Menschen in Freiheit, gibt ihnen Mut, und hilft ihnen dabei, ihren Blick immer wieder klar zu bekommen

Fazit

Das Evangelium lädt uns zu Gemeinschaft in all unserer Unterschiedlichkeit ein. Beziehungen zu leben, oder eben nicht, steht in der Entscheidung des Einzelnen, und kann nicht von außen vorgegeben werden. Gemeinschaft von Menschen, egal ob sie hetero, homo, bi, trans oder queer sind, wird auf diese Weise nicht nur möglich, sondern bereichernd. Das Evangelium führt uns also zu einem liebevollen Blick füreinander, zur Wertschätzung unserer Unterschiedlichkeit und lädt uns ein, aufeinander zuzugehen und uns auf Ungewohntes einzulassen.

Alle Artikel in dieser Serie:

  1. Homosexualität und Christsein (1)
  2. Homosexualität und Christsein (2)
  3. Homosexualität und Christsein (3)
  4. Homosexualität und Christsein (4)
  5. Homosexualität und Christsein (5)
  6. Homosexualität und Christsein (6)
  7. Homosexualität und Christsein (7)
  8. Homosexualität und Christsein (8)
  9. Homosexualität und Christsein (9)
  10. Homosexualität und Christsein (10)
  11. Homosexualität und Christsein (11)
  12. Homosexualität und Christsein (12)

1 Kommentar

  1. Hi Daniel!
    So ich hab mir jetzt alles über das Thema aus deinem Blog rauskopiert ( lese lieber in der Buchform)und werd es jetzt lesen, super das du dir darüber so viel Gedanken gemacht hast. Bin sehr gespannt ! Liebe Grüsse

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