Zygmunt Bauman auf der re:publica 2015

Als ich davon las, dass Zygmunt Bauman auf der re:publica sprechen wird, überlegte ich ernsthaft meine Pläne zu ändern, und trotz allem nach Berlin zu fahren. Da ich dies nicht getan habe, freue ich mich umso mehr über das grandiose Team der re:publica, das in unglaublicher Geschwindigkeit hochwertige Videos der Vorträge veröffentlicht. Danke!

Zygmunt Bauman, re:publica 2015re:publica 2015 – Zygmunt Bauman: From Privacy to Publicity (YouTube)

From Privacy to Publicity: the changing mode of being-in-the-world ist der Titel des Vortrags, den Du Dir direkt hier ansehen kannst, und über den ich nun schreibe. Zygmunt Bauman schafft es darin die gesellschaftlichen Entwicklung auf eine Weise zu betrachten, die deutlich macht wie sehr sich ›offline‹ und ›online‹ bedingen.

Bauman geht davon aus, dass wir in einer Zwischenzeit leben. In dieser »Time of Interregnum« passen die Handlungsmuster der Vergangenheit nicht mehr, es sind jedoch auch noch keine neuen Wege erfunden, die besser passen würden oder den aktuellen Problemen angemessener wären. Die gesellschaftlichen Umwälzungen, die mit der allgegenwärtigen Verfügbarkeit digitaler Information einher gehen, wertet er deutlich stärker als die Erfindung des Buchdrucks bei Gutenberg.

Es ist uns heute nicht möglich zu sagen wie die Zukunft aussehen wird, aber Bauman ermutigt dazu, ganz genau zu schauen welche Konsequenzen aus den aktuellen technologischen Veränderungen unter der Oberfläche des Lebens entstehen. Einige Beobachtungen dieses aufmerksamen Lebens skizziert er im Vortrag.

Zunächst geht er darauf ein, dass mit der Individualisierung zwei schwerwiegende Ängste einher gehen, von denen uns die aktuelle Entwicklungen ablenken:

Die Angst alleine zu sein

Wir leben mit der konstanten Angst alleine zu sein. Dadurch verliert das Alleinsein an positivem Wert, wir verlassen die Privatheit der unfertigen Gedanken und Gefühle, die uns verletzlich machen, und begeben uns in die Öffentlichkeit.

Soziale Netzwerke begegnen dieser Angst, da wir bspw. auf Facebook nie alleine sind. Dort ist 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche jemand. Zu jeder Zeit ist es mir möglich eine Nachricht zu schreiben, und ab und an bekomme ich sogar direkt eine Antwort.

Die Angst unwichtig zu sein

Als sich Identität von einer Vorgabe zu einer Aufgabe wandelte, begann ein Ringen um Aufmerksamkeit. Ich will gesehen werden, und habe Angst davor unwichtig zu sein.

Im Internet werde ich gesehen. Wenn ich etwas veröffentliche kann es geteilt und ›geliked‹ werden, und ich sehe wie vielen Personen meinen Eintrag wahrgenommen haben. Ich muss nicht unsichtbar und unwichtig bleiben, sondern bin wichtig. Die Schwelle gesehen zu werden wurde durch das Internet sehr viel niedriger. Während man früher eine Verlegerin oder einen Sender brauchte, um seiner Stimme Gehör zu verschaffen, genügt es heute eines dieser Gadgets zu besitzen.

Einer Studie zufolge verbringt eine durchschnittliche Person 9 Stunde vor einem der Bildschirme. Und diese Zeit schenkt sofortige Befreiung von der Härte des Lebens. Wir können diesen Ängsten zwar nicht komplett entfliehen, aber zwischendurch vergessen können wir sie.

Das zweite Beobachtungspaar hängt mit Verflachung in unserer schnelllebigen Zeit zusammen.

Wir surfen durch das Internet

Mit hoher Geschwindigkeit bewegen wir uns im Netz. Wir surfen auf der Oberfläche und gehen nicht zu sehr in die Tiefe. Es gibt so viel Information und Angebote im Netz, dass ein zu langer Aufenthalt oder ein tieferes Eintauchen automatisch verpasste Chancen mit sich brächte.

An einem Tag werden im Internet mehr Informationen veröffentlicht als das menschenliche Gehirn aufnehmen kann. Wir können uns der Informationsfülle nicht komplett entziehen, aber es tut gut uns davon nicht zu sehr hetzen zu lassen.

Soziale Verbindungen werden schwächer

Es wurde schon viel über das brüchig werden sozialer Verbindungen geschrieben, Bauman weist darauf hin, dass die Zahl der Familien die sich regelmäßig zum Abendessen treffen in den letzten dreißig Jahren um 60% zurück gegangen ist. Genauso wie sich 42% weniger Personen regelmäßig in Vereinen einbringen. Gleichzeitig ist eine schnell wachsende Zahl neu entstehender Verbindungen in sozialen Netzwerken zu beobachten.

Bereits bei der Angst alleine zu sein, sprach Bauman über den Unterschied zwischen Gemeinschaft und Netzwerk. Die Gemeinschaft besitzt Dich, während Du Dein Netzwerk besitzt. Indem wir Personen zu unserem Netzwerk hinzufügen oder löschen, gestalten wir unser Netzwerk ständig selbst.

Zur Verdeutlichung, wie Verbindungen in sozialen Netzwerken aussehen, zieht Bauman Klatsch heran. Seiner Ansicht nach bewegt sich die Kommunikation in weiten Teilen auf dem Niveau von Klatsch über ›Celebrities‹, die dafür bekannt sind, dass sie bekannt sind.

Das Phänomen der ›Celebrities‹ passt sehr gut in unsere Zeit der flüchtigen Moderne, in der nichts von längerer Dauer ist. Celebrities ersetzten die Helden der Vergangenheit, sie sind nicht für die Ewigkeit, sondern für den Moment. Heute ist SIE in aller Munde und morgen reden wir über IHN … Celebrities fordern keine Hingabe, heute können wir mit allen über SIE reden, und morgen haben wir sie schon wieder vergessen.

Durch die Menge an Information befinden wir uns nach Bauman gerade nicht in einer Kultur des Lernens, sondern in einer Kuktur des Vergessens. Um die neue Information von heute aufzunehmen, muss ich die Information von gestern vergessen. Trotz der Kultur des Vergessens gibt es einiges was gespeichert wird, und das bringt uns zu seinem letzten Punkt:

Die Frage der digitalen Überwachung

Während in der Vision der Totalüberwachung von Michel Foucault klar zwischen Überwachern und Überwachten unterschieden werden konnte, finden wir uns mittlerweile in beiden Rollen wieder. Wir partizipieren freiwillig an der Überwachung von uns selbst, und sammeln fleißig alle möglichen Daten, die von den Geheimdiensten dann gespeichert und weiter verarbeitet werden.

Zusammenfassung

Zygmunt Baumann fasst seinen Vortrag in einer Warnung zusammen. Da wir in einer Zwischenzeit leben, die alten Rezepte funktionieren nicht mehr, neue wurden noch nicht erfunden, und keiner kann so genau sagen wohin die Reise gehen, müssen wir genau beobachten wie sich unser Leben und unsere Gesellschaft verändern.

Denen die vorgeben genau zu wissen wohin es geht, sollten wir keinen Glauben schenken, und auch nicht die Rolle des Planktons einnehmen, das von der Strömung hin und her getrieben wird, sondern versuchen uns selbst zu kontrollieren und uns selbst zu reflektieren.

Auch wenn einige Denker der Meinung sind, dass wir in der reflexiven Moderne leben, fordert Bauman uns auf mehr zu reflektieren, nicht einfach nur Dinge zu tun und nicht so sehr darüber nachzudenken, sondern genau zu beobachten und gründlich zu reflektieren.

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