Die Nadel im Heuhaufen

Auf die Forderung nach mehr Überwachung im Nachklang der Anschläge von Paris, schrieb Sascha Lobo in seiner SPON-Kolumne einen Satz, der kurz darauf an jeder Ecke des Internets und in vielen Zeitungen zu lesen war:

»Wir finden die Nadel im Heuhaufen nicht, also brauchen wir mehr Heu.«

Damit karikierte er die Forderung nach mehr Überwachung, obwohl die Drahtzieher der Anschläge sich in einschlägigen Medien zu ihren Plänen geäußert hatten. Als ich den Artikel las wusste ich noch nicht, dass vielleicht gerade darin das Geheimnis von mehr Genauigkeit der Überwachung liegen könnte.

Michael Seemann schreibt in seinem Buch ›Das neue Spiel‹ im ersten Kapitel über die Mustererkennung der Datenauswertung von Geheimdiensten. Die Datenbanksoftware Accumulo, die bspw. von der NSA eingesetzt wird, ist darauf ausgelegt in großen Datenmengen sich wiederholende Strukturen zu entdecken.

»Das Interessante dabei sind aber oft gar nicht die Muster, sondern die Abweichungen davon. Wo eine Nadel im Heuhaufen gesucht wird, ist normalerweise jeder Halm einer zu viel. Big Data dagegen mag Heu. Jeder Halm ist anders als alle anderen, deswegen will Big Data möglichst viele von ihnen kennenlernen. Denn je besser das Verständnis des Computers für Heu ist, desto schneller findet er darin die andersartige Nadel. Die NSA braucht darum eine Menge Kommunikationsdaten: Je besser der Computer versteht, was „normale Kommunikation“ (Heu) ist, desto eher findet er die „verdächtige Kommunikation“ (Nadel).«

Michael Seemann, Das neue Spiel, Seite 47 von 385.

Falls ich diesen Zusammenhang richtig verstehe, dann handelt es sich bei der Forderung nach immer mehr Daten nicht um ein hilf- und kopfloses Ansammeln von Daten, sondern viel mehr um eine strategische Entscheidung. Es könnte also sein, dass durch den Trend der anlasslosen Massenüberwachung die Messinstrumente der Geheimdienste immer genauer werden, da sie immer besser unterscheiden können zwischen Kommunikation, die ihnen egal ist, und solchen Verbindungen, die ihre Aufmerksamkeit verlangen.

Für mich rechtfertigt sich dadurch nicht das aktuelle Vorgehen, aber es lässt den Witz der oben erwähnten Karikatur als raue Wirklichkeit erscheinen.

Schreib’ einen Kommentar

*