Pluralität und Freundschaft

»Selbst wenn ich ganz allein leben würde, so lebte ich doch ein Leben lang im Zustand der Pluralität. Ich muss mit mir selber zurechtkommen, und nirgendwo zeigt sich dieses Ich-mit-mir deutlicher als im abstrakten Denken, das immer ein Dialog in der Gespaltenheit, zwischen den Zweien-in-Einem ist. Der Philosoph, welcher der Grundbedingung der menschlichen Pluralität zu entkommen sucht und in die absolute Einsamkeit flieht, ist dieser jedem Menschen inhärenten Pluralität sogar noch radikaler ausgeliefert als ein anderer. Denn es ist ja das Gespräch mit anderen, das mich aus dem aufspaltenden Gespräch mit mir selbst herausreißt und mich wieder zu Einem macht – zu einem einzigen, einzigartigen Menschen, der nur mit einer Stimme spricht und von allen als ein einziger Mensch erkannt wird.«

— Hannah Arendt, Sokrates. Apologie der Pluralität, Seite 57.

Das tolle Buch ›Sokrates. Apologie der Pluralität‹ enthält den dritten Vortrag einer Vorlesung von Hannah Arendt zum Thema Philosophie und Politik, die sie 1954 an der Universität von Notre-Dame hielt. Für Sokrates war die Annahme grundlegend, dass nur die Person mit anderen zusammenleben kann, die es versteht mit sich selbst zu leben.

Wenn ich mit mir alleine bin, bekommen meine unterschiedlichen Gedanken Raum, meine eigene Pluralität wird erfahrbar. Die Begegnung mit anderen Personen bietet mir einen Ausweg aus meiner Gespaltenheit, da ich als ein Mensch wahrgenommen werde. Um einer anderen Person begegnen zu können ist es unabdingbar nicht grundsätzlich von mir selbst getrennt zu sein.

Das Wissen um die eigene Pluralität ermöglicht es dem Menschen das Gegenüber wahrzunehmen, und sich ihrer Sichtweise zu öffnen. Für Sokrates war klar, dass es nicht die eine Wahrheit geben konnte, sondern dass es so viele Weltsichten gibt wie Menschen auf dieser Welt leben. Alle diese Weltsichten zusammen bilden die menschliche Welt, in der die Menschen als Redende zusammenleben.

Durch seine Fragen wollte Sokrates zum Vorschein bringen, was seine Mitmenschen dachten, und ihnen dabei helfen die Wahrheit in ihrer Weltsicht zu finden. Diese Art des Gesprächs, die weder darauf aus war das Gegenüber zu erziehen, oder sie vom eigenen Standpunkt zu überzeugen, blieb oft ohne greifbares Ergebnis. Sie führte jedoch zu einer Begegnung der Personen, und dabei versuchte Sokrates aus den Bürgern Athens Freunde zu machen. Menschen, die einander Raum geben, statt im ständigen Wettstreit zu stehen.

Hannah Arendt bringt in diesem Zusammenhang die Nikomachische Ethik von Aristoteles ins Spiel. Demnach entsteht eine Gemeinschaft nicht aus Gleichen, sondern entwickelt sich gerade in der Angleichung der verschiedenen und ungleichen Menschen. Die Angleichung von Aristoteles ist jedoch nicht so zu verstehen, dass alle gleich werden, sondern vielmehr dass sie zu gleichwertige Partner in einer gemeinsamen Welt werden. Für Aristoteles besteht das einigende Band einer Gemeinschaft nicht in der Gerechtigkeit, sondern in der Freundschaft.

»Das politische Element der Freundschaft liegt darin, dass in einem wahrhaftigen Dialog jeder der Freunde die Wahrheit begreifen kann, die in der Meinung des anderen liegt. Der Freund begreift nicht so sehr den anderen als Person — er erkennt, auf welche besondere Weise die gemeinsame Welt dem anderen erscheint, der als Person ihm selbst immer ungleich und verschieden bleibt. Diese Art von Verständnis — die Fähigkeit, die Dinge vom Standpunkt des anderen aus zu sehen, wie wir es gern ein wenig trivial formulieren — ist die politische Einsicht par excellence

— Hannah Arendt, Sokrates. Apologie der Pluralität, Seite 53.

3 Kommentare

  1. Hey Daniel, vielen Dank für den Text!
    Hatte mal was in die Richtung geschrieben: https://failingforward.wordpress.com/2013/11/16/denkwurdige-begegnungen-oder-denken-ist-sexy/

    Ich finde einen Teil von Arendt gut: die Idee der „inneren Pluralität“.
    Aber die sokratische Prämisse kann ich nicht teilen, dass man nur mit sich im Reinen sein darf. Ich frage mich, ob man in der Weise, wie Arendt das sagt, mit sich übereinstimmen kann. Oder ob man nicht „konstitutiv“ zerrissen ist (man denke allein an Freuds Unbewusstes / das Umheimliche, dass das selbst heimsucht und stets mit sich entfremdet).

    • Danke für Deinen Kommentar Arne.

      Deine Kritik verstehe ich aber nicht richtig, da Hannah Arendt von der persönlichen Pluralität ausgeht. Sokrates verstehe ich eher so, dass Leben in Gemeinschaft nur dann sinnvoll ist, wenn mensch auch alleine – seiner eigenen Pluralität ausgesetzt – leben kann.

  2. In einem anderen Blog dazu: Bücher, die ich 2016 gelesen habe · Daniel Ehniss

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