Ist Gott eine Person?

Von Gott wird immer wieder so gesprochen, als sei „er“ ein persönliches Gegenüber des Menschen. In dieser personifizierten Rede stecken einige Aspekte, die es schwer machen angemessen von Gott zu sprechen. Dabei geht es mir vor Allem um die Reduktion auf eine Person, und damit auch das Zuschreiben menschlicher Eigenschaften.

Durch die Verwendung solcher Sprachbilder besteht das Problem sich Gott als das eigene Über-Ich zu denken. Da das so einfach vorstellbar ist, wird leicht vergessen, dass diese Kategorien lediglich auf der menschlichen Vorstellung beruhen. Sie sind auf den Wunsch zurückzuführen verständliche Metaphern zu finden, mit deren Hilfe von Gott gesprochen werden kann.

Hat sich ein solches Bild erst einmal festgesetzt, hält es sich hartnäckig, und lässt sich nur sehr mühsam reformieren.

Gott wird als Gegenüber angesprochen, als Vater vorgestellt, als persönlicher Freund bezeichnet oder als König und Herrscher verehrt. Die persönliche Beziehung zu Gott wird betont, und von manchen als Kriterium verwendet um zu entscheiden ob eine andere Person „Christ“ ist. Öffnet man mit dieser Brille die Bibel, finden sich Hinweise darauf an den unterschiedlichsten Stellen, und erscheinen daher für einige als gesetzt und nicht zu hinterfragen. Dass es sich dabei lediglich um Versuche handelt ein Gottesereignis mit Hilfe unserer begrenzten Vorstellung und Sprache zu beschreiben, wird ausgeblendet.

Was zeichnet eine Person aus?

In der Theologie wurde lange Zeit der Personenbegriff der klassischen Philosophie verwendet um von Gott zu sprechen. Nach Boethius wird unter einer Person die vernünftige Natur verstanden, die in Gestalt eines Individuums existiert („Persona est rationalis naturae individua Substantiv“). Eine Person wird demnach als denkendes Lebewesen verstanden, der ein sinnlich nicht wahrnehmbarer Wesenskern zugrunde liegt. Sie hätte die Möglichkeit sich zu sich selbst zu verhalten, nachzudenken und ihre Ziele und Wünsche zu prüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Gleichzeitig bestünde sie aus einem unteilbaren Wesenskern. Dieser wurde lange Zeit als Grundlage des Individuums verstanden.

Dieses Verständnis hat sich mittlerweile grundsätzlich verändert. Mit der Beachtung der Bedeutung von Beziehungen wurde deutlich, dass die Ich-Du-Beziehung für eine Person grundlegend ist (vgl. Martin Buber). Das Individuum ist nicht unabhängig und eigenständig, sondern entsteht und existiert in einem Beziehungsgefüge. Gleichzeitig wird auch nicht mehr von einem einheitlichen Wesenskern ausgegangen, der einer Person zu Grunde liegt und diese ausmacht. Personen stehen in Beziehungen, entwickeln sich darin, sie haben keinen festen Wesenskern, sondern können als ›bewegliches Fest‹ verstanden werden (vgl. Stuart Hall).

Wilfried Härle schreibt in seiner Dogmatik, dass es dem Wesen Gottes nicht gerecht wird, wenn Gott als eine Person gedacht wird:

»Gott als die Alles bestimmende Wirklichkeit ist keine solche (begrenzte) Instanz. Ein (theistisches) Gottesverständnis, das Gott als eine solche höchste, der Welt gegenüberstehende Instanz, also als eine Person denkt, wird dem Wesen Gottes nicht gerecht.«

Wilfried Härle, Dogmatik, (2., überarbeitete Auflage), Seite 250-251.

Auch für F. LeRon Shults hängt der Personenbegriff sowohl damit zusammen was über Menschen gedacht werden kann, als auch damit wie Gott zu verstehen ist. Die Hinwendung zur Bedeutung von Beziehungen in der Philosophie eröffnet seiner Ansicht nach einen neuen Blick sowohl auf die Menschheit als auch auf Gott. Bei der Frage danach wie heute angemessen von Gott gesprochen werden kann, beziehe ich mich in den kommenden Ausführungen vor Allem auf das wunderbare Buch Reforming the Doctrine of God von F. LeRon Shults. Shults schafft es hervorragend historische und gegenwärtige Ansätze von Philosophie und Theologie zu würdigen und aus dieser Synthese sinnvolle Aussagen zu formulieren.

Gott als Beziehungsgeschehen

Wenn wir von Gott sprechen, oder darüber nachdenken welche Begriffe sich am Besten eignen um Gott zu verstehen, ist es notwendig zu beachten, dass Gott nicht direkt betrachtet und beschrieben werden kann, sondern dass wir nur indirekt in der Lage sind über Gott zu sprechen.

Menschen sprechen schon immer im Nachklang eines Ereignisses von Gott. Im Nachdenken über das Erlebte suchen sie nach Begriffen, die ihnen angemessen erschienen, um das auszudrücken was sich ereignete.

Aus dem Nachdenken über die Erfahrung der Befreiung lässt sich, nach Ansicht von F. LeRon Shults, am Besten ein Verständnis von Gott als Beziehungsgeschehen ableiten.

Dieses Beziehungsgeschehen wurde in der Theologiegeschichte Trinität genannt. Als Beispiel einer trinitarischen Überlegung im Zusammenhang der Befreiung führt er Vers 11 aus dem achten Kapitel des Briefes an die Römer an:

»Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.«

Römer 8,11 (Luther 2017)

Diese Art der Beschreibung des göttlichen Beziehungsgeschehens durchziehen die Evangelien und strukturieren das gemeinschaftliche Leben vieler Christen durch die Geschichte. Die Hinwendung der Philosophie zur Bedeutung von Beziehungen, hilft dabei die Wichtigkeit der trinitarischen Beziehung in der biblischen Beschäftigung mit Befreiung zu verstehen.

Dennoch wird – wie oben angedeutet – immer wieder auf die Metapher der ›Person‹ zurückgegriffen. Gott als Beziehungsgeschehen zu verstehen hilft, diesen Rückgriff auf das Verständnis Gottes als eigenständige Person zu überwinden. Konsequent weiterverfolgt wird das, wenn ausgehend von den Beziehungen über Gott nachgedacht wird, und andere – als die bekannten personifizierenden – Metaphern verwendet werden.

Folgen wir dem Gedanken des trinitarischen Beziehungsgeschehens, bezeichnet der Begriff ›Gott‹ die Beziehung des Vaters mit dem Sohn und dem heiligen Geist. Gott als eigenständige Person zu verstehen verkürzt dieses Beziehungsgeschehen der drei auf ein Subjekt, und blendet zu vieles aus.

In Beziehung mit Gott

Abschließend möchte ich noch ein Beispiel erwähnen, das den Unterschied der Wahrnehmung verdeutlichen kann. Wird Gott als Beziehungsgeschehen verstanden, kann daraus die Annahme folgen, dass dieses Beziehungsgeschehen die Grundlage menschlichen Lebens darstellt. Gott ermöglicht einen Lebensraum, in dem Menschen in Freiheit existieren können.

Es wäre demnach möglich sich selbst in der Gottesbeziehung wahrzunehmen. Das Nachdenken über die Beziehung mit Gott bekäme eine andere Ausrichtung. Es ginge nicht um die Beziehung zu Gott, da Gott nicht als eigenständige Person wahrgenommen wird, zu der ein Mensch in Beziehung steht. Vielmehr ließe sich das Sein in Gott so verstehen, dass die Menschheit eingeladen ist an der Gottesbeziehung teilzunehmen.

Diesen Gedanken gehe ich in einem der folgenden Beiträge weiter nach, für den Moment erscheint es mir wichtig festzuhalten, Gott als Beziehung von Vater, Sohn und Geist zu verstehen, die sich gegenseitig liebevoll Raum geben und Leben ermöglichen. In diese Beziehung sind wir Menschen eingeladen, und können an dieser befreienden Beziehung teilnehmen. Es ginge dementsprechend nicht darum zu Gott in Beziehung zu stehen, sondern in der Beziehung Gottes mitzumachen, und in dem befreienden Raum Gottes zu leben.

4 Kommentare

  1. Lieber Daniel,

    Vielen Dank für den Post!
    Zunächst: Wie genial ist die Idee die Trinität anhand dieser Stelle im Römerbrief darzustellen! Das gefällt mir sehr gut und wird zukünftig „geklaut“!
    Wie Du weißt, interessiere ich mich nicht nur für das Thema, ich arbeite auch schon länger daran. Gerade mach ich nen Proseminar dazu, von daher bin ich sehr begeistert, zu hören, dass andere daran herumdenken.
    Was mich an der Härle Stelle sehr wundert: die Verbindung von einem klassisch metaphysisch-theistischen Gottesbegriff und dem Personbegriff. Weil: wie Du weißt, wird der Personenbegriff ja besonders in der Trinitätstheologie benutzt und dort dem Substanzbegriff gegenübergestellt: tres personae una substantia. Ich würde sagen: wenn dann ist der metaphysische Gott – wie Heidegger mal sagte – gerade nicht persönlich, sondern ein apersonaler, leidenschaftloser, unbewegter erster Beweger; unendlich erhaben; unendlich der Sprache überlegen: ein Gott, zu dem man „nicht beten noch vor dem man tanzen kann“. Kurzum: eine Projektion von allem, was wir nicht sind.
    Das spezifisch Christliche ist doch gerade, dass Gott Person wird. Man entschärft hier die kreuzestheologische Pointe, wenn man abstrakt von Gott redet. Gott zeigt sich im Ereignis, ja! Im Christusereignis – in der Personwerdung, Fleischwerdung, in der Verletzlichkeit, Leidenschaft, Passion. Oder noch einmal anders: Gott ist Körper. Der leidende Körper eines gefolterten Kriminellen. Der stinkende, verfaulende, tote Körper.
    Diese Konkretion geht schnell verloren in einem allzu erhabenen und allzu abstrakten Gottesbegriff. Das ist ja die protestantische Idee. Man beginnt nicht mit einem abstrakten Gottesbegriff (natürliche Theologie). Dort fragt man: WAS ist Gott? Und dann entwickelt man (aus eigenen Projektionen) ein Konzept und ein Begriff von Gott; mit EIgenschaften. Demgegenüber beginnt man im Protestantismus im Konkreten. Man fragt WER ist Gott? Und dann ist man nicht mehr in der Ordnung des Begriffs sondern in der Ordnung des Namens. Namen haben keine Eigenschaften, sie haben Geschichte(n). Von dort aus wird dann die Trinitätstheologie entwickelt: in der Geschichte des Namen Jesu Christi zeigt sich, dass Gott „singulär plural“ ist. Und gleichzeitig wird deutlich: ein Name ist etwas, dass im Gefüge unserer Sprache sperrig wirkt. Während alle sprachliche Zeichen in ein relationales Gefüge eingebettet sind und so auch austauschbar sind, Verweise sind; ist der Name das Unaustauschbare, dass was sich der sprachlichen Ordnung entzieht. Nicht nur deshalb rate ich dazu, hier vorsichtig vorzugehen. Es gibt Theologien, in denen die Person in die Relation aufgelöst wird. Diese Theologien neigen zur Übergriffigkeit und zum Totalitären. Warum? Weil: wenn die Person ganz in die Relation aufgeht, dann geht sie auch ganz in die jeweilige Ordnung auf. Dann gibt es keine Möglichkeit für Entzüge, für Grenzziehungen, für Distanz, für Rückzüge. Ich denke diese Herausforderung, dass Relationale und das Unaufhebbare zusammenzudenken ist bisher noch nicht wahnsinnig gut geglückt. Am ehesten wäre ich da bei Levinas, der aber an der Grenze dazu ist, gar keine Beziehung mehr denken zu können vor lauter Fremdheit.
    Sorry, bei dem Thema sprudelt es so heraus, aber nun, ich forsche und lese und denke dazu schon so lange.

    • Hej Arne,

      Danke sehr für Deinen Kommentar! Finde es spannend zu sehen was dieser Post bei Dir auslöst, über einiges darin muss ich erst mal noch nachdenken :)

      Härle habe ich vor Allem deswegen zitiert, weil mir gefiel wie kategorisch er die Verwendung des Personenbegriffs ablehnt. Einige Aspekte dessen was er davor und danach schreibt teile ich nicht.

      Das Gottesereignis sehe ich schon auch im Christusereignis. Würde es aber gerne abstrakter formulieren und im Beziehungsgeschehen verorten. Das Ereignis der Öffnung der Trinität auf die ›Schöpfung‹ hin ist mir besonders wichtig, dazu aber in meinem nächsten Post. Ganz un-protestantisch bin ich ein großer Freund des abstrakten Gottesbegriffs und der natürlichen Theologie. Über deinen Hinweis zur Vorsicht bezüglich der Auflösung der Person in die Relation verbunden mit den Konsequenzen muss ich nochmals nachdenken, behalte ihn auf jeden Fall mal im Hinterkopf.

      Danke nochmals für Deine Zeit und die Gedanken/Anregungen.

  2. Hi Daniel,
    interessant ist vielleicht auch eine systemtheoretische Perspektive: Luhmann beschreibt, dass Kommunikation nur dann erfolgen kann, wenn Individuen diese an Personen adressieren können. Dabei existiert eine Person nicht per se, sondern ist eine Konstruktion, welche das Individuum verwendet um kommunizieren zu können. Aus dieser Perspektive könnte man sagen, dass Gott wahrscheinlich nicht als Person existiert, jedoch Menschen per Konstruktion so tun müssen, als ob Gott eine Person wäre, um mit ihm kommunizieren zu können.

    • Hej Josha,

      Danke für Deinen Kommentar. Der Gedanke dass Kommunikation nur dann erfolgen kann, wenn Individuen diese an Personen adressieren finde ich spannend, und könnte einer der Gründe sein, weshalb es Menschen so schwer fällt personifizierende Metaphern abzulegen. Im weiteren Verlauf der Serie werde ich sicher auch noch auf ›Interaktion mit Gott‹ eingehen, und behalte Deinen Einwurf dafür im Hinterkopf.

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