Gott und Beziehung

»Wir meinen, daß die Idee-des-Unendlichen-in-mir – oder meine Beziehung zu Gott – mir in der Konkretheit meiner Beziehung zum anderen Menschen zukommt, in der Sozialität, die meine Verantwortung für den Nächsten ist: Verantwortung, die ich in keiner ,Erfahrung‘ vertraglich eingegangen bin, aber zu der das Antlitz des Anderen, aufgrund seiner Anderheit, aufgrund eben seiner Fremdheit, das Gebot spricht, von dem man nicht weiß, woher es gekommen ist.

[…]

… so, als ob das Antlitz des anderen Menschen, das von vornherein mich verlangt und mir befiehlt, der Knoten ebenjener Verflochtenheit wäre, in der durch Gott die Idee Gottes und jede Idee überschritten wird, in der er noch gemeint, sichtbar und erkannt wäre, und in der das Unendliche durch die Thematisierung in der Gegenwart oder in der Vergegenwärtigung widerlegt würde.

[…]

Hingebung, die in ihrem Des-inter-esse gerade nicht ein Ziel verfehlt, sondern die – durch einen Gott, „der den Fremden liebt“ eher, als daß er sich zeigt – umgewendet wird hin zum anderen Menschen, für den ich verantwortlich zu sein habe. Verantwortung ohne Sorge um Gegenseitigkeit: ich habe für den Anderen verantwortlich zu sein, ohne mich um die Verantwortung des Anderen für mich zu kümmern. Beziehung ohne Wechselbeziehung oder Liebe zum Nächsten, die Liebe ohne Eros ist. Für-den-anderen-Menschen und dadurch Zu-Gott!«

Emmanuel Lévinas, Wenn Gott ins Denken einfällt, Seiten 18-20.

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