Versicherheitlichung

»Kürzlich tauchte im öffentlichen Sprachgebrauch ein bislang unbekannter — und in gedruckten Wörterbüchern noch nicht zu findender — Ausdruck auf, der rasch Eingang in den Wortschatz von Politikern und Journalisten gefunden hat: securitization — »Versicherheitlichung«. Was dieser Neologismus erfassen und bezeichnen soll, ist die immer häufigere Subsumption von etwas, das bislang einer anderen Gruppe von Phänomenen zugeordnet wurde, unter die Kategorie der insecurity, der Unsicherheit. Nach dieser Neuklassifizierung fällt das betreffende Etwas geradezu automatisch in den Zuständigkeitsbereich und unter die Aufsicht der Sicherheitsorgane. Die beschriebene semantische Mehrdeutigkeit ist natürlich nicht die Ursache dieses Automatismus, aber sie erleichtert ihn. Konditionierte Reflexe kommen ohne langatmige Argumente und anstrengende Überzeugungsarbeit aus. Die Autorität des heideggerschen »Man« oder des sartreschen »l’on« (»So macht man das, oder?«) verleiht ihnen solch eine Selbstverständlichkeit und Selbstevidenz, dass man sie praktisch nicht wahrnimmt oder gar: infrage zu stellen vermag. Der konditionierte Reflex selbst entzieht sich der Reflexion — und hält sich in sicherer Distanz zu den Suchscheinwerfern der Logik. Deshalb nutzen Politiker nur zu gern die Mehrdeutigkeit des Ausdrucks. Sie erleichtert ihnen ihre Aufgabe, sichert ihren Aktionen schon im Voraus verbreitete Zustimmung (wenn auch nicht die versprochenen Wirkungen) und hilft ihnen, die Wähler zu überzeugen, dass sie deren Beschwerden ernst nehmen und unverzüglich dem Mandat gemäß handeln werden, das aus diesen Beschwerden vermeintlich folgt.«

Zygmunt Bauman, Die Angst vor den anderen: Ein Essay über Migration und Panikmache, Seiten 28-29

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  1. In einem anderen Blog dazu: Die Angst vor den anderen · Daniel Ehniss

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