Die Angst vor den anderen

»Die Angst vor den anderen«, der aktuelle und vielleicht letzte Aufsatz von Zygmunt Bauman, ist für und über die Menschen geschrieben, die schon länger in den Gebieten leben zu denen momentan Migrantinnen und Migranten unterwegs sind.

Zygmunt Bauman – Die Angst vor den anderen

Panikmache

Bauman schreibt darin über die Angst der Menschen vor Fremden, und darüber wem diese Angst nützt. Die Panikmache nützt vor Allem denjenigen die auf die komplexen Herausforderungen einfache Antworten anbieten, und die Schuld auf die Anderen abwälzen und in der Abgrenzung von jenen die Lösung aller Probleme versprechen.

Die Versicherheitlichung dient nach Bauman dem Zweck von den wirklichen Herausforderungen abzulenken. Dieser Reflex gibt den Regierenden die Möglichkeit sich zu inszenieren und einfache Lösungen für die Angst anzubieten, die Fremde und „der Terror“ auslösen. Er dient jedoch nicht dazu tatsächlich etwas zu unternehmen um wichtigen Fragen zu begegnen.

»Diese vielfältigen – und dabei gleichermaßen nachteiligen und unter Umständen sogar tödlichen – Folgen des gegenwärtigen Hangs zur Versicherheitlichung des »Migrationsproblems« und der Aufnahme oder Abweisung von Flüchtlingen und Asylsuchenden wie auch der von einem großen Teil der meinungsbildenden Medien genährte Verdacht, alle Migranten seien potenzielle Helfershelfer von Terroristen (…), werden meines Erachtens sogar noch davon übertroffen, dass immer mehr Regierungen ganz offiziell die im Volk verbreitete »Sicherheitspanik« schüren und sich auf die Opfer der Flüchtlingstragödie konzentrieren statt auf die weltweiten Wurzeln ihres tragischen Schicksals.« (45-46)

Moralischer Imperativ

Nach Levinas folgt unsere moralische Verantwortung aus der Begegnung mit dem/der Anderen. Diese Verantwortung für das Leben der Mitmenschen gilt universal, und kann daher als moralischer Imperativ verstanden werden.

»Gänzlich und eindeutig unvereinbar mit der Qualität des »Moralisch-Seins« ist die Tendenz, die moralische Verantwortung für andere an irgendwelchen zwischen »uns« und »denen« gezogenen Grenzen enden zu lassen und zu verleugnen.« (81)

Die Ausgrenzung einer bestimmten Personengruppe, oder einzelner Menschen ist daher nicht mit dem moralischen Imperativ vereinbar. Da dies wohl tief in uns Menschen verankert ist, geht der eben erwähnten Grenzziehung meist eine Entmenschlichung der Personen voraus, denen die moralische Verantwortung nicht entgegen gebracht werden soll.

»Die Entmenschlichung bereitet den Weg für ihren Ausschluss aus der Kategorie der legitimen Träger von Menschenrechten und führt – mit fatalen Folgen – zu einer Verschiebung des Migrationsproblems aus dem Bereich der Ethik in den der Sicherheitsbedrohungen, der präventiven Verbrechensbekämpfung und der Strafverfolgung, der Kriminalität, der Verteidigung der Ordnung und letztlich des Ausnahmezustands, der gewöhnlich mit Bedrohungen durch militärische Aggression und Feindseligkeit assoziiert wird.« (84)

Nicht ausweichen

Ähnlich wie in Daten, Drohnen, Disziplin bezeichnet Bauman auch hier als den bedeutenden Unterschied zwischen Offline- und Online-Welt die Ordnung der Zugehörigkeit:

»Ich gehöre der Offline-Welt, während die Online-Welt mir gehört.« (102)

Diese Ordnung der Zughörigkeit hängt in erster Linie mit einem Gefühl der Kontrolle zusammen. Während ich in größerem Maße bestimmen kann mit wem ich online Kontakt halte, stehe ich offline mit einer heterogeneren Gruppe von Menschen in Kontakt, und habe weitaus weniger Kontrolle darüber welche Personen mir im Alltag begegnen. Dieses Gefühl der Kontrolle führt in Zeiten komplexer Probleme dazu, dass die Online-Welt einen gewissen Reiz ausübt, da sie scheinbar einfache Antworten bereit hält. Auch wenn dieses Gefühl der Wirklichkeit nicht entspricht, lockt die Online-Welt nicht zuletzt um den direkten Herausforderungen des Alltags zu entfliehen und noch etwas Zeit oder zumindest Zerstreuung zu gewinnen.

Die von der aktuellen »Migrationskrise« geschaffenen und von der Migrationspanik übertriebenen Probleme sind äußerst komplex und kontrovers. Der kategorische Imperativ der Moral tritt in eine direkte Konfrontation mit der Angst vor »dem großen Unbekannten«, das die Massen von Ausländern vor den Toren verkörpern. Impulsive Angst angesichts der Fremden, die unergründliche Gefahren mit sich bringen, tritt in Wettstreit mit dem moralischen Impuls, den der Anblick menschlichen Elends auslöst. Selten dürfte die Herausforderung für die Moral in ihrem Bemühen, den Willen zu überreden, ihrem Gebot zu folgen, gewaltiger gewesen sein; und selten dürfte das Bemühen des Willens, seine Ohren vor den Geboten der Moral zu verstopfen, qualvoller gewesen sein.« (104)

Miteinander sprechen

Wie Bauman am Anfang des Aufsatzes bereits betont sieht er die Wichtigste Aufgabe unserer Zeit darin, dass Menschen einander begegnen. Das Gespräch von unterschiedlichen Personen bezeichnet er als »Königsweg zu gegenseitigem Verstehen, wechselseitigem Respekt und schließlich Einvernehmen« (113). Für ein gelingendes Gespräch ist es unerlässlich, dass man sich darauf einlässt und die darin unvermeidlich auftretenden Hindernisse gemeinsam verhandelt.

»Ganz gleich, welche Hindernisse auftreten und wie gewaltig sie erscheinen mögen, das Gespräch ist schon deshalb der Königsweg zu einem Einvernehmen und damit zu einer friedlichen und für alle Seiten vorteilhaften, kooperativen und solidarischen Koexistenz, weil es keine Konkurrenten kennt und damit keine brauchbare Alternative.« (114)

Was tun?

Für die eine oder den anderen liest sich der Essay, oder mein Versuch ihn zu verstehen, wie eine theoretische Abhandlung die nichts mit dem eigenen Alltag zu tun hat. Und auch wenn ich diesen Dualismus nicht unterstützen möchte, halte ich hier vier Aspekte fest, die meiner Ansicht nach in gewissem Sinne als Einladung zu handeln in dem Essay zu finden sind:

  • Der Panikmache begegnen, keine „Sündenbock-Politik“ dulden
  • Weltweite Zusammenhänge und Herausforderungen beachten und artikulieren
  • Die Verantwortung für das Leben der Mitmenschen annehmen
  • Miteinander sprechen, einander begegnen und für friedliches Zusammenleben einsetzen

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