Sprache und die Wahrnehmung der Menschheit

Antje Schrupp interveniert mit einem sehr guten Denkanstoss in die Diskussion zur Veränderung von Sprache. Ihrer Beobachtung nach stellt nicht so sehr die Sichtbarmachung von Frauen das Problem dar, sondern vielmehr die damit einhergehende Sichtbarmachung von Männern.

Das Problem am generischen Maskulinum ist nämlich in der Tat nicht, dass es Frauen nicht sichtbar machen und nicht benennen würde. Denn tatsächlich ist es nach diesem herkömmlichen Sprachverständnis ja möglich, Frauen sichtbar zu machen und zu benennen: Man muss an die Wörter nur ein „-in“ dranhängen. Was hingegen bei Verwendung eines generischen Maskulinums NICHT möglich ist, das ist die Sichbarmachung von Männern als spezifische Gruppe. Weil Bezeichnungen für Männer einfach identisch sind mit Bezeichnungen für Menschen.

Mit dem Feminismus ist aber genau dieses sprachliche Bedürfnis in die Welt gekommen. Wir bestreiten den Anspruch von Männern und Männlichkeit, das Allgemeine zu respräsentieren, und uns den Status des Partikularen zuzuweisen. Männer sind nur ein Teil der Menschheit, und zwar ein spezifischer Teil, der nicht den Anspruch erheben kann, für uns zu sprechen.

Durch eine tatsächliche Veränderung von Sprache und Kultur verlieren Männer den Anspruch immer angesprochen zu sein. Es wird dadurch sichtbar, dass Männer eben nur ein Teil der Menschheit sind, und eben nicht immer mitgemeint sind.

Für mich ist genau das aber in Tat sehr wichtig. Sprache und damit Kultur sollte in diese Richtung verändert werden. Bei der Veränderung von Sprache geht es – und deswegen wird die Diskussion zuweilen energisch geführt – nicht um Sprachkosmetik, sondern um eine Veränderung der Kultur und der Wahrnehmung der Menschheit an sich. Dementsprechend hält Antje den Vorschlag neutrale Begriffe genauso zu verwenden, wie Begriffe jeweils für Frauen und Männer.

Dieses kurze Aufgreifen der Intervention soll Euch nicht davon abhalten den gesamten Blogartikel »Sprache: Es geht nicht um das „Mitgemeintsein“ von Frauen« von Antje zu lesen.

7 Reaktionen

  1. Im aktuellen Sparkassenfall wurde das generische Femininum als Alternative vorgeschlagen was die Diskussion ebenso verkuerzt wie vieles andere auch. Fuehrt man die Diskussion ganzheitlich so bezieht man sich nicht nur auf Feminusmus sondern allgemein auf den Charakter von Sprache

  2. Im von Dir erwähnten Sparkassenfall ging es allerdings nicht um das generische Femininum sondern um geschlechergerechte Sprache, was ein großer Unterschied ist. Im Artikel von Antje, und im Anschluss daran bei mir, geht es um Sprache und Kultur … lohnt sich zu lesen ;)

  3. „Die Ur-Indogermanen kannten in der Frühzeit nur zwei grammatische Geschlechter: Ein Genus commune, also eine Art Unisex-Form statt unseres Maskulinum und Femininum, und ein Neutrum. Sprachlich drückten sie also nicht den Gegensatz männlich/weiblich aus, sondern nur den zwischen Belebtem und Unbelebtem.
    Die Mehrheit aller Forscher geht heute davon aus, dass sich das grammatische Femininum erst am Ende der gemeinsprachlichen Zeit entwickelt habe, kurz bevor das Proto-Indogermanische sich spätestens vor 4500 Jahren in verschiedene Sprachen aufzuspalten begann. Das Fehlen einer Männlich-Weiblich-Unterscheidung sollte aber nicht mit einer geschlechtergerechten Sprache verwechselt werden. Die Abwesenheit des Femininums war wohl eher Ausdruck der Geringschätzung der Frau: Die ur-indogermanische Kultur war von männlichen Anführern beherrscht, während ihre Vorgängerkultur in Europa als matriachalisch und egalitär gilt.“
    https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article156385212/Unsere-Urahnen-sprachen-gegendertes-Semitisch.html

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