Bücher, die ich 2016 gelesen habe

Anfang der Woche veröffentlichte Johannes eine Liste der Bücher, die er 2016 gelesen hat. Nachdem ich mir seine Liste angeschaut hatte, dachte ich darüber nach welche Bücher ich 2016 gelesen habe.

Immer wieder sage ich, dass lesen für mich wichtig ist. Zum einen regt es mein Denken an, und zum anderen hilft es mir dabei ausgeglichen zu sein. Und so machte ich mich gedanklich auf die Suche nach den Büchern, die ich 2016 gelesen habe.

Diese Liste beinhaltet die Bücher, die ich 2016 komplett gelesen habe. Andere Bücher habe ich angefangen, bisher aber noch nicht zu Ende gebracht. Mal sehen, vielleicht kommen sie dann in eine Liste von 2017. Die Reihenfolge der Bücher stimmt nicht ganz mit der zeitlichen Abfolge überein. Bei einigen habe ich Situationen im Kopf in denen ich sie las, im Wohnzimmer, im Zug, im Krankenhaus und am Strand, so dass mir eine genaue zeitliche Einordnung möglich ist, aber nicht bei allen. Ich beginne am Anfang des Jahres und gruppiere im weiteren Verlauf einige Bücher nach Themengebieten.

Felix Stalder – Kultur der Digitalität

  1. Die globale Überwachung von Glenn Greenwald las ich am Anfang des Jahres. Es war das letzte Buch das ich für einen Kurs las, den ich Ende Januar unterrichtete, und für den ich digitale Kommunikation und den Aspekt der Überwachung besser verstehen wollte.
  2. Papa kann auch stillen von Stephanie Lohaus und Tobias Scholz, wurde mir von Anne Wizorek bei einer Unterhaltung über gelebtes 50/50-Modell empfohlen.
  3. Sokrates: Apologie der Pluralität von Hannah Arendt ist ein Buch zu einer Vorlesung in der Arendt die Pluralität menschlichen Denkens darstellte. Zu diesem Buch habe ich unter dem Titel ›Pluralität und Freundschaft‹ hier schon etwas geschrieben.
  4. The Bricks That Build The Houses von Kate Tempest bestellte ich direkt als Kate auf Twitter darauf hinwies. Mich interessierte wie sie die Geschichte ihres Albums ›Everybody Down‹ in einen Roman umsetzen würde. Tempest schafft es durch den Roman ihren Charakteren mehr Tiefe zu verleihen, und lädt dazu ein, allen Menschen mit Empathie zu begegnen.
  5. The Course of Love von Alain de Botton kaufte ich in London. Vor einiger Zeit hatte ich ›Religion for Atheists‹ gelesen, und es interessierte mich was er über die Liebe schreiben würde. Der Gedanken, dass Liebe mehr ist als ein Gefühl, und eher mit einer Fertigkeit zu vergleichen ist leuchtet mir ein, und die Kombination von Roman und Sachbuch fand ich anregend.
  6. In Real Life von Cory Doctorow und Jen Wang kaufte ich in einem Comicladen in SOHO. Der Boi und ich besuchten den Laden wegen seiner Liebe zu Comics. Als ich dort den Namen Doctorow las, dessen ›Little Brother‹ und ›Homeland‹ mich begeistert hatten, entschied ich mich das Buch ebenfalls zu kaufen, und las es noch während unseres Aufenthalts in London. In dem Buch wird eindrücklich deutlich wie Menschen sich online begegnen, die in komplett unterschiedlichen Situationen leben, und daher nach anderen Kriterien Entscheidungen treffen.
  7. Reality Is Broken: Why Games Make Us Better and How They Can Change the World von Jane McGonigal las ich um die Faszination für Games besser zu verstehen.
  8. Formbewusstsein: Eine kleine Vernetzung der alltäglichen Dinge von Frank Berzbach las ich im Krankenhaus. Mir gefiel der Gedanke, dass Frank ein Plädoyer für bewusstes Leben im Alltag geschrieben hatte. Der eigene Alltag erscheint banal, und dennoch ist er die Zeit in der wir unser Leben verbringen, weswegen er bewusst gestaltet werden sollte. Jeden morgen, wenn ich Obst für unser Frühstück schneide, erinnere ich mich an das Buch.
  9. Open City von Teju Cole hatte ich schon lange auf meinem iPad. Anfangs fiel es mir nicht so leicht in die Geschichte einzutauchen, irgendwann jedoch fand ich mich tief versunken wieder, und bin noch immer fasziniert wie deutliche die Bilder sind, die sich beim lesen in mir formten. Die Geschichte des Buches ist mir so deutlich vor Augen, als hätte ich einen Film darüber gesehen.
  10. Responsible Responsive Design von Scott Jehl war das erste Buch 2016 das ich mit einem Blick auf Accessibility und Performance las.
  11. Designing for Performance: Weighing Aesthetics and Speed von Lara Callender Hogan führte mich noch etwas weiter in bewusste Planung performanter Webseiten ein. Ihre Überlegungen zur Gewichtung von Ästhetik und Performance fand ich sehr hilfreich.
  12. Designing for Touch von Josh Clark las ich für ein besseres Verständnis der Bedienung von Webseiten mit den Fingern.
  13. CSS animations von Val Head ist ein kurzes Buch in dem sie die Grundlagen von Animationen mit CSS erläutert, und diese durch einige interessante Beispiele verdeutlicht.
  14. Git for humans von David Demaree las ich um Git besser zu verstehen. Bis zur Lektüre dieses Buches verwendete ich ausschließlich grafische Oberflächen zur täglichen Interaktion mit Git, ohne bis ins Detail zu verstehen was genau passiert wenn ich den einen oder anderen Button drückte. Demaree vermittelte jedoch so viel grundlegendes Wissen über Git, dass ich seither auch gerne mit der Konsole versioniere und viel besser verstehe was wann geschieht.
  15. Javascript for Webdesigners von Mat Marquis eröffnete mir schließlich ein besseres Verständnis von JavaScript. Ich hatte schon ein paar Bücher über JS gelesen und viele Zeilen Code geschrieben, das grundlegende Verständnis der Sprache hatte sich mir jedoch nie so richtig erschlossen, und so bin ich dankbar durch Marquis mehr verstanden zu haben.
  16. Inclusive Design Patterns von Heydon Pickering war das zweite Buch, das ich mit einem Blick auf Accessibility in diesem Jahr las. Und ich würde dieses Buch jeder und jedem empfehlen, der auf irgendeine Art mit der Entwicklung von Webseiten betraut ist. Pickering schafft es auf lockere Art Accessibility grundlegend zu behandeln und dabei anwendbare Beispiele anzuführen die dazu einladen wichtige Designentscheidungen zu treffen.
  17. Resilient Webdesign von Jeremy Keith ist ein im Netz frei verfügbares Buch, das die grundlegenden Zusammenhänge des Webs erläutert und dazu einlädt das Rad nicht immer neu zu erfinden, sonder an vorhandenem anzuknüpfen und von dort ausgehend zu nachhaltiger Entwicklungen beizutragen.
  18. Kultur der Digitalität von Felix Stalder begegnete mir in einem Artikel über anregende Gedanken, die dabei helfen in unserer Zeit sinnvoll zu leben. Mich inspirieren die ausgewogenen Gedanken, mit denen Stalder sowohl Herausforderung als auch Chancen der aktuellen kulturellen Entwicklung aufzeigt.
  19. Leitwölfe sein: Liebevolle Führung in der Familie von Jesper Juul fasst einige Gedanken deutlich zusammen von denen ich schon in früheren Büchern von Juul gelesen hatte. Wie wichtig das Bewusstwerden der eigenen Grenzen und die liebevolle und klare Kommunikation derselben ist, wurde mir einmal mehr bewusst.
  20. Flipped: The Provocative Truth That Changes Everything We Know About God von Doug Pagitt spricht einige interessante Knackpunkte des Christseins an. «In God we live, move, and exist.« ist eine der Grundaussagen des Buches, die Doug aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und aufzeigt wie dadurch einige Annahmen auf den Kopf gestellt werden.
  21. What We Talk About When We Talk About God von Rob Bell skizziert ein Verständnis von Gott mit uns, für uns und vor uns.
  22. Getting High: A Savage Journey to the Heart of the Dream of Flight ist ein intensives und persönliches Buch von Kester Brewin. In diesem Buch schreibt er über die menschliche Sehnsucht zu fliegen, sei es mit Flugzeugen oder Drogen und in welchem Zusammenhang das mit der Sehnsucht nach Gott steht.
  23. Insurrection: To Believe Is Human To Doubt, Divine von Peter Rollins hatte ich 2012 bereits gelesen, und wieder herausgeholt als mich die Frage nach meinem Gottesverständnis beschäftigte.
  24. Bei der Lektüre von Insurrection fiel mir auf, dass ich The Divine Magician: The Disappearance of Religion and the Discovery of Faith von Peter Rollins noch nicht gelesen hatte, und so änderte ich das im Urlaub. In diesem Buch verwendet Rollins die Analogie des Zaubertricks um anhand des Abendmahls zu verdeutlichen wie sich Christsein in liebender Hinwendung zum Leben und der UmWelt ereignen kann.
  25. Reforming the Doctrine of God von F. LeRon Shults las ich zum ersten Mal für meine Master Arbeit, auf meiner Suche nach einem angemessenen Verständnis von Gott las ich es 2016 nochmals, und gehe seinen drei Schwerpunktsetzungen momentan noch weiter nach.
  26. Let Them Eat Chaos von Kate Tempest ist der Gedichtband zu ihrem aktuellen Album. Der gesamte Text des Albums an einem Stück, dazu gedacht laut gelesen zu werden. Der perfekte Begleiter zu ihrem wundervollen Album.
  27. Brand New Ancients von Kate Tempest ist der „klassische“ Gedichtband über den ich schon zu oft gelesen hatte, daher habe ich ihn gekauft und schon das ein oder andere Mal laut gelesen, und immer wieder an der einen oder anderen Ecke stehen geblieben um den Worte und Gedanken etwas mehr Raum zu geben.

Das waren die 27 Bücher, die ich 2016 komplett gelesen habe, und über die ich mehr hatte bloggen wollen. Ob sich das in 2017 ändert?

Versicherheitlichung

»Kürzlich tauchte im öffentlichen Sprachgebrauch ein bislang unbekannter — und in gedruckten Wörterbüchern noch nicht zu findender — Ausdruck auf, der rasch Eingang in den Wortschatz von Politikern und Journalisten gefunden hat: securitization — »Versicherheitlichung«. Was dieser Neologismus erfassen und bezeichnen soll, ist die immer häufigere Subsumption von etwas, das bislang einer anderen Gruppe von Phänomenen zugeordnet wurde, unter die Kategorie der insecurity, der Unsicherheit. Nach dieser Neuklassifizierung fällt das betreffende Etwas geradezu automatisch in den Zuständigkeitsbereich und unter die Aufsicht der Sicherheitsorgane. Die beschriebene semantische Mehrdeutigkeit ist natürlich nicht die Ursache dieses Automatismus, aber sie erleichtert ihn. Konditionierte Reflexe kommen ohne langatmige Argumente und anstrengende Überzeugungsarbeit aus. Die Autorität des heideggerschen »Man« oder des sartreschen »l’on« (»So macht man das, oder?«) verleiht ihnen solch eine Selbstverständlichkeit und Selbstevidenz, dass man sie praktisch nicht wahrnimmt oder gar: infrage zu stellen vermag. Der konditionierte Reflex selbst entzieht sich der Reflexion — und hält sich in sicherer Distanz zu den Suchscheinwerfern der Logik. Deshalb nutzen Politiker nur zu gern die Mehrdeutigkeit des Ausdrucks. Sie erleichtert ihnen ihre Aufgabe, sichert ihren Aktionen schon im Voraus verbreitete Zustimmung (wenn auch nicht die versprochenen Wirkungen) und hilft ihnen, die Wähler zu überzeugen, dass sie deren Beschwerden ernst nehmen und unverzüglich dem Mandat gemäß handeln werden, das aus diesen Beschwerden vermeintlich folgt.«

Zygmunt Bauman, Die Angst vor den anderen: Ein Essay über Migration und Panikmache, Seiten 28-29

Den Kontakt suchen

»Doch eines sollte klar sein: Die Politik wechselseitiger Abschottung, die Mauern statt Brücken baut und auf schalldichte Echokammern statt auf leistungsfähige Verbindungen für eine ungestörte Kommunikation setzt (wobei man jegliche Schuld von sich weist und eine als Toleranz verkleidete Gleichgültigkeit demonstriert), führt nirgendwo anders hin als in das Brachland des gegenseitigen Misstrauens, der Entfremdung und der Verschärfung der Lage. Eine derart selbstmörderische Politik, die kurzfristig für ein scheinbares Wohlbefinden sorgt (indem sie die Herausforderung außer Sichtweite jagt), sammelt Sprengstoff für zukünftige Explosionen. Und deshalb liegt ein weiterer zwingender Schluss auf der Hand: Der einzige Weg aus den aktuellen Unannehmlichkeiten wie auch den zukünftigen Leiden führt über die Ablehnung der trügerischen Versuchung, sich abzuschotten. Statt uns zu weigern, den Realitäten unserer Zeit, den mit dem Diktum »Ein Planet, eine Menschheit« verbundenen Herausforderungen ins Auge zu blicken, statt unsere Hände in Unschuld zu waschen und die störenden Unterschiede, Ungleichheiten sowie die selbst auferlegte Entfremdung auszublenden, müssen wir nach Möglichkeiten suchen, in einen engen und immer engeren Kontakt mit den anderen zu gelangen, der hoffentlich zu einer Verschmelzung der Horizonte führt statt zu einer bewusst herbeigeführten und selbst verschärfenden Spaltung

Zygmunt Bauman, Die Angst vor den anderen: Ein Essay über Migration und Panikmache, Seite 23.

Fuck you, oder?

Wer über Weihnachten und danach krank ist, hat Zeit nachzudenken. Diese Übergangszeit bot mir also die Möglichkeit einige Situationen Revue passieren zu lassen, und dabei über einiges zu stolpern auf das ich ohne viel nachzudenken mit einem knappen ›Fuck You‹ reagieren und mich anschließend abwenden möchte.

Sometimes it takes no thought at all
The easiest thing to do
Is say fuck you

Bad Religion, Fuck You.

Wie Bad Religion hier feststellen ist es das einfachste, ohne viel nachzudenken ›Fuck You‹ zu sagen und dem eigenen Pessimismus Ausdruck zu verleihen. Als spontane Reaktion mag ein schlichtes ›Fuck You‹ genügen, in der Reflexion des Lebens jedoch wirkt es zu kurz gegriffen.

Etwas mehr Gedanken, eine gute Portion Empathie und das Entwerfen alternativer Szenarien erscheinen mir sinnvoller, und führen weiter als eine abschließende Geste.

Mein Jahr der Musik 2016

Musik begleitet mein Leben. Die meiste Musik höre ich digital über Spotify oder iTunes, und – sofern die Einstellungen korrekt sind – lasse ich last.fm mitzählen. Aus diesen Zahlen erstellte ich einige Jahre Charts nach Wochen, Monaten und Jahren sortiert. Diese Charts waren zunächst automatisiert und wurden später von Hand erstellt. Nachdem ich im letzten Jahr keinen Rückblick auf 2015 zusammengestellt habe, möchte ich in diesem Jahr diese alte Tradition wieder aufgreifen, und präsentiere Euch hier die Künstler_innen, Alben und Tracks die mich im vergangen Jahr begleitet haben:

Die Künstler_innen

  1. Kate Tempest (564)
  2. Chefket (356)
  3. CBN (343)
  4. Beyoncé (294)
  5. Kendrick Lamar (260)
  6. Loyle Carner (223)
  7. I am Oak (211)
  8. EF (163)
  9. Bad Religion (158)
  10. Black Oak und Bon Iver (je 155)
  11. Fatoni (154)
  12. Ghostpoet (151)

Die Alben

  1. Let Them Eat Chaos – Kate Tempest (393)
  2. Tourist – CBN (333)
  3. Lemonade – Beyoncé (294)
  4. Nachtmensch – Chefket (170)
  5. Our Blood – I am Oak (161)
  6. Yo, Picasso – Fatoni (143)
  7. Man Made Object – GoGo Penguin (131)
  8. Rooms of the House – La Dispute (126)
  9. Some Say I So I Say Light – Ghostpoet (125)
  10. Nichts dagegen, aber – Texta (120)
  11. 22, A Million – Bon Iver (118)
  12. Not to Disappear – Daughter (114)

Die Tracks

  1. Kate Tempest — Picture A Vacuum
  2. Loyle Carner — Ain’t Nothing Changed
  3. Beyoncé — Freedom (feat. Kendrick Lamar)
  4. CBN — Delfin (feat. Leduc)
  5. Fatoni — Authitenzität
  6. Chefket — Schritt Zurück
  7. EF — 11 Shots and a Sudden Death
  8. Kendrick Lamar — untitled 03 05.28.2013.
  9. Bon Iver — 33 “GOD”
  10. I am Oak — Dacem
  11. Black Oak — Gallop
  12. Rue Royale — Adhesive

Eine Liste dieser Tracks habe ich für Euch auf Spotify zusammengestellt: Tracklist 2016. Freedom von Beyoncé und Kendrick Lamar ist leider nicht auf Spotify, das müsst ihr Euch auf YouTube ansehen.

Writing and Thinking

«You write not after you’ve thought things through; you write to think things through.»

André Aciman in Teju Cole, Known and Strange Things, 66.

Love as opening up

«To love is to experience a world come alive, but it also means opening oneself up to poignant suffering. When we open ourselves up to love, we do not leave pain behind in favor of pleasure; rather we open ourselves up to an experience of depth and meaning that involves both pain and pleasure. For when life is infused with depth and wonder, we cannot help but experience our fair share of both happiness and unhappiness.

It is only in protecting ourselves from love that we can hope to protect ourselves from suffering. By creating a closed circle around ourselves, where we care only for our own well-being, we create barriers that protect us from the storms of life, but that also shields us from life’s summer days.»

Peter Rollins, The Divine Magician, 80.

Gott und Beziehung

»Wir meinen, daß die Idee-des-Unendlichen-in-mir – oder meine Beziehung zu Gott – mir in der Konkretheit meiner Beziehung zum anderen Menschen zukommt, in der Sozialität, die meine Verantwortung für den Nächsten ist: Verantwortung, die ich in keiner ,Erfahrung‘ vertraglich eingegangen bin, aber zu der das Antlitz des Anderen, aufgrund seiner Anderheit, aufgrund eben seiner Fremdheit, das Gebot spricht, von dem man nicht weiß, woher es gekommen ist.

[…]

… so, als ob das Antlitz des anderen Menschen, das von vornherein mich verlangt und mir befiehlt, der Knoten ebenjener Verflochtenheit wäre, in der durch Gott die Idee Gottes und jede Idee überschritten wird, in der er noch gemeint, sichtbar und erkannt wäre, und in der das Unendliche durch die Thematisierung in der Gegenwart oder in der Vergegenwärtigung widerlegt würde.

[…]

Hingebung, die in ihrem Des-inter-esse gerade nicht ein Ziel verfehlt, sondern die – durch einen Gott, „der den Fremden liebt“ eher, als daß er sich zeigt – umgewendet wird hin zum anderen Menschen, für den ich verantwortlich zu sein habe. Verantwortung ohne Sorge um Gegenseitigkeit: ich habe für den Anderen verantwortlich zu sein, ohne mich um die Verantwortung des Anderen für mich zu kümmern. Beziehung ohne Wechselbeziehung oder Liebe zum Nächsten, die Liebe ohne Eros ist. Für-den-anderen-Menschen und dadurch Zu-Gott!«

Emmanuel Lévinas, Wenn Gott ins Denken einfällt, Seiten 18-20.

Black Oak – The Clearmountain Pause

Black Oak – The Clearmountain Pause

Black Oak veröffentlichten heute ihre neue Single ›The Clearmountain Pause‹. Sie entstand bei einer Session für 27tapes im Juli diesen Jahres. Der Titel bezieht sich auf den Produzenten Bob Clearmountain, der dafür bekannt ist Pausen in Musikstücke einzubinden um die Dramaturgie zu steigern.

Mich fasziniert immer wieder wie gut mir die Musik von Black Oak tut. Aber seht, hört und fühlt selbst …

Ist Gott eine Person?

Von Gott wird immer wieder so gesprochen, als sei „er“ ein persönliches Gegenüber des Menschen. In dieser personifizierten Rede stecken einige Aspekte, die es schwer machen angemessen von Gott zu sprechen. Dabei geht es mir vor Allem um die Reduktion auf eine Person, und damit auch das Zuschreiben menschlicher Eigenschaften.

Durch die Verwendung solcher Sprachbilder besteht das Problem sich Gott als das eigene Über-Ich zu denken. Da das so einfach vorstellbar ist, wird leicht vergessen, dass diese Kategorien lediglich auf der menschlichen Vorstellung beruhen. Sie sind auf den Wunsch zurückzuführen verständliche Metaphern zu finden, mit deren Hilfe von Gott gesprochen werden kann.

Hat sich ein solches Bild erst einmal festgesetzt, hält es sich hartnäckig, und lässt sich nur sehr mühsam reformieren.

Gott wird als Gegenüber angesprochen, als Vater vorgestellt, als persönlicher Freund bezeichnet oder als König und Herrscher verehrt. Die persönliche Beziehung zu Gott wird betont, und von manchen als Kriterium verwendet um zu entscheiden ob eine andere Person „Christ“ ist. Öffnet man mit dieser Brille die Bibel, finden sich Hinweise darauf an den unterschiedlichsten Stellen, und erscheinen daher für einige als gesetzt und nicht zu hinterfragen. Dass es sich dabei lediglich um Versuche handelt ein Gottesereignis mit Hilfe unserer begrenzten Vorstellung und Sprache zu beschreiben, wird ausgeblendet.

Was zeichnet eine Person aus?

In der Theologie wurde lange Zeit der Personenbegriff der klassischen Philosophie verwendet um von Gott zu sprechen. Nach Boethius wird unter einer Person die vernünftige Natur verstanden, die in Gestalt eines Individuums existiert („Persona est rationalis naturae individua Substantiv“). Eine Person wird demnach als denkendes Lebewesen verstanden, der ein sinnlich nicht wahrnehmbarer Wesenskern zugrunde liegt. Sie hätte die Möglichkeit sich zu sich selbst zu verhalten, nachzudenken und ihre Ziele und Wünsche zu prüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Gleichzeitig bestünde sie aus einem unteilbaren Wesenskern. Dieser wurde lange Zeit als Grundlage des Individuums verstanden.

Dieses Verständnis hat sich mittlerweile grundsätzlich verändert. Mit der Beachtung der Bedeutung von Beziehungen wurde deutlich, dass die Ich-Du-Beziehung für eine Person grundlegend ist (vgl. Martin Buber). Das Individuum ist nicht unabhängig und eigenständig, sondern entsteht und existiert in einem Beziehungsgefüge. Gleichzeitig wird auch nicht mehr von einem einheitlichen Wesenskern ausgegangen, der einer Person zu Grunde liegt und diese ausmacht. Personen stehen in Beziehungen, entwickeln sich darin, sie haben keinen festen Wesenskern, sondern können als ›bewegliches Fest‹ verstanden werden (vgl. Stuart Hall).

Wilfried Härle schreibt in seiner Dogmatik, dass es dem Wesen Gottes nicht gerecht wird, wenn Gott als eine Person gedacht wird:

»Gott als die Alles bestimmende Wirklichkeit ist keine solche (begrenzte) Instanz. Ein (theistisches) Gottesverständnis, das Gott als eine solche höchste, der Welt gegenüberstehende Instanz, also als eine Person denkt, wird dem Wesen Gottes nicht gerecht.«

Wilfried Härle, Dogmatik, (2., überarbeitete Auflage), Seite 250-251.

Auch für F. LeRon Shults hängt der Personenbegriff sowohl damit zusammen was über Menschen gedacht werden kann, als auch damit wie Gott zu verstehen ist. Die Hinwendung zur Bedeutung von Beziehungen in der Philosophie eröffnet seiner Ansicht nach einen neuen Blick sowohl auf die Menschheit als auch auf Gott. Bei der Frage danach wie heute angemessen von Gott gesprochen werden kann, beziehe ich mich in den kommenden Ausführungen vor Allem auf das wunderbare Buch Reforming the Doctrine of God von F. LeRon Shults. Shults schafft es hervorragend historische und gegenwärtige Ansätze von Philosophie und Theologie zu würdigen und aus dieser Synthese sinnvolle Aussagen zu formulieren.

Gott als Beziehungsgeschehen

Wenn wir von Gott sprechen, oder darüber nachdenken welche Begriffe sich am Besten eignen um Gott zu verstehen, ist es notwendig zu beachten, dass Gott nicht direkt betrachtet und beschrieben werden kann, sondern dass wir nur indirekt in der Lage sind über Gott zu sprechen.

Menschen sprechen schon immer im Nachklang eines Ereignisses von Gott. Im Nachdenken über das Erlebte suchen sie nach Begriffen, die ihnen angemessen erschienen, um das auszudrücken was sich ereignete.

Aus dem Nachdenken über die Erfahrung der Befreiung lässt sich, nach Ansicht von F. LeRon Shults, am Besten ein Verständnis von Gott als Beziehungsgeschehen ableiten.

Dieses Beziehungsgeschehen wurde in der Theologiegeschichte Trinität genannt. Als Beispiel einer trinitarischen Überlegung im Zusammenhang der Befreiung führt er Vers 11 aus dem achten Kapitel des Briefes an die Römer an:

»Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.«

Römer 8,11 (Luther 2017)

Diese Art der Beschreibung des göttlichen Beziehungsgeschehens durchziehen die Evangelien und strukturieren das gemeinschaftliche Leben vieler Christen durch die Geschichte. Die Hinwendung der Philosophie zur Bedeutung von Beziehungen, hilft dabei die Wichtigkeit der trinitarischen Beziehung in der biblischen Beschäftigung mit Befreiung zu verstehen.

Dennoch wird – wie oben angedeutet – immer wieder auf die Metapher der ›Person‹ zurückgegriffen. Gott als Beziehungsgeschehen zu verstehen hilft, diesen Rückgriff auf das Verständnis Gottes als eigenständige Person zu überwinden. Konsequent weiterverfolgt wird das, wenn ausgehend von den Beziehungen über Gott nachgedacht wird, und andere – als die bekannten personifizierenden – Metaphern verwendet werden.

Folgen wir dem Gedanken des trinitarischen Beziehungsgeschehens, bezeichnet der Begriff ›Gott‹ die Beziehung des Vaters mit dem Sohn und dem heiligen Geist. Gott als eigenständige Person zu verstehen verkürzt dieses Beziehungsgeschehen der drei auf ein Subjekt, und blendet zu vieles aus.

In Beziehung mit Gott

Abschließend möchte ich noch ein Beispiel erwähnen, das den Unterschied der Wahrnehmung verdeutlichen kann. Wird Gott als Beziehungsgeschehen verstanden, kann daraus die Annahme folgen, dass dieses Beziehungsgeschehen die Grundlage menschlichen Lebens darstellt. Gott ermöglicht einen Lebensraum, in dem Menschen in Freiheit existieren können.

Es wäre demnach möglich sich selbst in der Gottesbeziehung wahrzunehmen. Das Nachdenken über die Beziehung mit Gott bekäme eine andere Ausrichtung. Es ginge nicht um die Beziehung zu Gott, da Gott nicht als eigenständige Person wahrgenommen wird, zu der ein Mensch in Beziehung steht. Vielmehr ließe sich das Sein in Gott so verstehen, dass die Menschheit eingeladen ist an der Gottesbeziehung teilzunehmen.

Diesen Gedanken gehe ich in einem der folgenden Beiträge weiter nach, für den Moment erscheint es mir wichtig festzuhalten, Gott als Beziehung von Vater, Sohn und Geist zu verstehen, die sich gegenseitig liebevoll Raum geben und Leben ermöglichen. In diese Beziehung sind wir Menschen eingeladen, und können an dieser befreienden Beziehung teilnehmen. Es ginge dementsprechend nicht darum zu Gott in Beziehung zu stehen, sondern in der Beziehung Gottes mitzumachen, und in dem befreienden Raum Gottes zu leben.